Unter dem Typ Knigge fassen wir alle Regeln zusammen, die sich auf ethische und moralische Aspekte elektronischer Kommunikation beziehen. Der Sammelbegriff war ursprünglich nur aufgrund seiner Einprägsamkeit gewählt worden - "Knigge" gewissermaßen als Synonym für gutes Benehmen - zumal im deutschen Sprachraum die Netiketten häufig auch als "Netzknigge" bezeichnet werden. Bei der Beschäftigung mit dem Text stellten wir allerdings fest, dass zumindest die allgemeinen Grundregeln, die der Freiherr 1790 formulierte (Knigge, 1790: 37-87 und 409f), kaum etwas von ihrer Aktualität eingebüßt haben, sondern sich sogar in variierter Form in den über 200 Jahre später für ein völlig anderes Medium formulierten Netiketten wiederfinden. Dies mag um so mehr erstaunen, als in der "virtuellen Welt" des Internet im Allgemeinen eine sehr moderne, sich bewußt von Altem absetzende Haltung vorherrscht, in die der Regelkatalog des Freiherrn in seiner Sprichwörtlichkeit mit all seinen Konnotationen so gar nicht passen mag. Ein zweiter Aspekt, der Verwunderung hervorrufen könnte: die Verbindlichkeit des Knigge wird allgemein wohl eher als hoch eingeschätzt, zumindest für die Zeitepoche, in der er verfasst wurde. Die Autorinnen und Autoren der Netiketten dagegen heben sehr häufig und deutlich den rein informellen Charakter ihrer Regel-Sammlungen hervor. So betonte Arlene Rinaldi ab 1996 auf ihrer Homepage: "Im NOT Miss Manners of the Internet" (Rinaldi, 1996). "Miss Manners" übernimmt im Englischen eine ähnliche Funktion wie "Knigge": Sie steht für den erhobenen Zeigefinger einer etwas altmodisch-konservativen und restriktiven Auffassung von gutem Benehmen und Anstand. Wie passen die beiden Regelsammlungen zum guten Benehmen nun doch zusammen, zumal sie wie erste Vergleiche ergaben (® Material) auch auf formaler Ebene einige Übereinstimmungen aufweisen? Es ist wohl anzunehmen, dass beim Verfassen eines Regelkatalogs gewissermaßen automatisch bestimmte Formeln und Formen gewählt werden, die schon vor 200 Jahren zum selben Zweck benutzt wurden. Der Ruf des Freiherrn, antiquiert und nicht mehr auf die heutige Zeit anwendbar zu sein, verdankt sich sicher vor allem seinem speziellen Teil (Knigge, 1790: 88-406), in dem Empfehlungen zu angemessenem Verhalten in bestimmten gesellschaftlichen Konstellationen und Situationen gegeben werden. Die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen der letzten zwei Jahrhunderte haben die Kniggeschen Ausführungen z.B. "Über den Umgange mit Geringern", oder "Über den Umgang mit Frauenzimmern" obsolet werden lassen. Im Folgenden werden wir versuchen zu zeigen, wie sich in den Netiketten die Knigge-Regeln wiederfinden (® Material: ausführlicher Beispielkatalog).
"Eigne Dir nicht das Verdienst andrer zu!" In der digitalen Welt des Internet erhält das Problemfeld "geistiges Eigentum" eine neue Dimension, da Informationen nicht nur frei zugänglich und problemlos zu kopieren sind, sondern zudem die Möglichkeit besteht, die Dateien beliebig zu verändern und dann das Modifizierte als Eigenes anzupreisen (vgl. Beck/Vowe, 1997). Dementsprechend finden sich in allen Netiketten Regeln zum Thema Copyright. Die "knappe Ressource Kreativität" (Beck/Vowe, 1997) zu schützen ist auch Anliegen folgender Netiketten-Regel, die alle Netzteilnehmer auffordert, sich nicht nur im Netz wie in einem Wissens-Supermarkt zu bedienen, sondern auch selbst einen Beitrag zu leisten.
"Das Netz funktioniert als Wissensbasis um so besser, je mehr Leute ihr Wissen beisteuern. Also frag und lies nicht nur, sondern beantworte auch selbst die Fragen anderer." (Eigenwillig, 1996).
Auch Knigge kritisierte bereits
"Menschen, die (...) im geselligen Leben immer nur empfangen, nie geben wollen, die vom übrigen Teile des Publikums amüsiert, unterrichtet, bedient, (...) gefüttert zu werden verlangen, ohne etwas dafür zu leisten." (Knigge, 1790: 50).
Virginia Shea unterstreicht den freien Wissensaustauschs als wichtige Idee aus der "Gründerzeit" des Internet, die es zu pflegen und zu bewahren gilt:
"The Internet itself was founded and grew because scientists wanted to share information. Gradually, the rest of us got in on the act. So do your part.(...) Sharing your knowledge is fun. It's a long-time net tradition. And it makes the world a better place." (Shea, 1996).
Die Bereitstellung von Zugängen zum Internet durch Universitäten hat zwar vielen die Möglichkeit eröffnet, das Netz zu nutzen, birgt aber auch die Gefahr des Mißbrauchs: "Dont use the academic network for commercial or proprietary work." (Rinaldi 1992; 1994; 1996).
"Briefwechsel ist schriftlicher Umgang" Die Gültigkeit mancher Regeln, die für den traditionellen Briefverkehr gelten, scheinen durch den Wechsel des Übertragungsmediums in Frage gestellt zu sein. Ein Mausklick genügt, um einen E-Brief weiterzuleiten (zur "forward"-Funktion s.2. oben). Regeln wie
"It is considered extremely rude to forward personal email (...) without the original authors permission." (Rinaldi 1992; 1994).
wollen vermeiden, wovor schon Knigge warnte:
"Ein einziges hingeschriebenes, unauslöschliches Wort, ein einziges aus Unachtsamkeit liegengelassenes Papier hat manches Menschen Ruhe und oft auch für immer den Frieden einer Familie zerstört." (Knigge, 1790: 56).
Es scheint zum einen die Schnelligkeit des Mediums zu sein, die altbekannte Regeln des zwischenmenschlichen Umgangs vergessen lässt.
"(...) something about cyberspace makes it easy to forget that youre interacting with real people - not just ASCII characters on the screen, but live human characters." (Shea, 1996).
Im Affekt geschriebene E-Briefe können Worte enthalten, die so weder im herkömmlichen Brief noch bei face-to-face-Kommunikation gefallen wären. Der zweite Aspekt, der hier zum Tragen kommt, ist die relative Anonymität, die Kommunikation via Internet kennzeichnet. Zwar warnen Netiketten davor, die wahre Identität hinter einem Pseudonym zu verbergen:
"Pseudonyme ermöglichen es auch, Dinge zu sagen und zu tun, die man sich sonst nicht erlauben würde." (Kaiser/Dessauer et al., o.J.).
Doch auch bei Nennung des tatsächlichen Namens bleibt eine gewisse Distanz zwischen den Dialogpartnern, die dazu verführen kann, Grenzen zu überschreiten, die IRL unantastbar wären. Das mag darin begründet sein, dass im Regelfall die Kommunikationspartner keine persönliche Bekanntschaft machen und daher die bei traditioneller face-to-face-Kommunikation gegebene soziale Abfederung wegfällt. Das Ermitteln und Analysieren solcher vermeintlich medienspezifischer Probleme sollte aber auch nicht übertrieben werden: auch dem Freiherrn von Knigge war vor 200 Jahren schon bekannt, dass die zeitversetzte, durch Schrift vermittelte Kommunikation Schwierigkeiten mit sich bringt: "Vorsichtigkeit ist im Schreiben noch weit dringender als im Reden zu empfehlen."(Knigge, 1790: 55).
Tatsache ist jedoch, dass sich in vielen Bereichen der Internet-Kommunikation ein barscher und rüder Umgangston eingebürgert hat. Das "Flaming", so der "Fachausdruck" für verbale Attacken und emotionale Ausbrüche im Internet, wird zwar bis zu einem bestimmten Grad toleriert und sogar als amüsant empfunden. Die Netiketten empfehlen jedoch, der Aggression die Spitze zu nehmen, z.B. durch Emoticons (s. Typ Saussure) oder durch die Markierung FLAME ON/FLAME OFF, die um die schwierige Passage gesetzt wird. Ein Beispiel:
"FLAME ON: This type of argument is not worth the bandwith it takes to send it. Its illogical and poorly reasoned. The rest of the world agrees with me. FLAME OFF." (Hambridge, 1995).
Durch diese selbstironisierende Sprechaktmarkierung kann der aufgebrachte Autor seinem Unmut Ausdruck verleihen, ohne für alle Zeiten als Hitzkopf zu gelten:
"When you really want to run off at the keyboard but you want your readers to know that youre not expressing yourself in your usual measured, reasoned manner you need to let them know that you know that youre flaming." (Shea, 1996).
Besonders streitlustige Netznutzer verweist sie an spezielle
Flaming-Newsgroups, deren Teilnehmer sich nach Herzenslust gegenseitig anpöbeln dürfen.
Interessanterweise haben aber auch diese Newgroups eigene Netiketten, die wiederum Regeln
für das Flaming aufstellen. Am Beispiel des Flaming zeigt sich, wie nach Lösungen
gesucht wird, um den für das Internet typischen direkten und konfrontativen
Kommunikationsstil zu wahren, ohne den Informations- und Meinungsaustausch durch endlose
"Flame-Wars" zum Erliegen zu bringen.
Virginia Shea hat eine Flame-Typologie zusammengestellt, die zeigt, dass das Flaming im
Laufe der Entwicklung der Netzkommunikation regelrecht kultiviert wurde.
Ein zentraler Wert ist die wechselseitige Toleranz. Die beiden Knigge-Regeln
"Sei vorsichtig in Tadel und Widerspruch!" und "Lerne Widerspruch ertragen!" (Knigge, 1790: 409)
kommen auch im neuen Medium zur Geltung:
"Be conservative in what you send and liberal in what you receive." (Hambridge, 1995).
"Seien Sie tolerant gegenüber Mängeln eines Partners: z.B. bezüglich Rechtschreibung, Grammatik, Ausdruck oder Mail-Gewohnheiten. Reiben Sie ihm Fehler nicht unter die Nase." (Schwichtenberg, o.J.).
Die Toleranzgrenze der Netzgemeinde ist allerdings dort erreicht, wo ungebetene Briefe die E-Briefkästen "zumüllen":
"Never send chain letters via electronic mail. Chain letters are forbidden on the Internet. Your network privileges will be revoked. Notify your local system administrator if you ever receive one." (Hambridge, 1995).
Im Sinne des Kniggeschen
"Wo man sich zur Freude sammelt, da rede nicht von Geschäften!" (Knigge, 1790: 409).
sind vor allem Werbesendungen, die in Newsgruppen oder gar im eigenen E-Briefkasten landen, verpönt. Das Senden von "electronic junk mail" wird nach einem Monty Python Song mit "to spam" bezeichnet (PC Webopedia, 1996). Zwar werden alle Arten von ungebetenen, mehrfachadressierten E-Briefen so betitelt, es handelt sich dabei aber vor allem um Briefe, die entweder ein Produkt oder eine politische Meinung verkaufen wollen, und die an eine oder mehrere Newsgruppen gesendet werden. Als Gegenmaßnahme stehen den betroffenen Gruppen so wirkungsvolle Methoden wie Mailbomben zur Verfügung: Eine des Spammings überführte Adresse wird mit E-Briefen bombadiert, so dass der Übeltäter am eigenen Leib erfährt, wie unangenehm es ist, sich von ungebetener Post überhäuft zu sehen.
"Suche Gegenwart des Geistes zu haben!" Nicht nur Neulinge schätzen oftmals die Gefahren der Kommunikation im "virtuellen Raum" falsch ein. Auch viele erfahrenere Nutzer fallen einem falschen Verständnis von "anything goes" zum Opfer:
"Nachdem sie eine Weile im Netz gewesen sind, machen manche Leute einen großen Fehler. Weil das Netz eine freie und offene Kommunikationsszene ist, meinen sie, daß keiner guckt. Das ist ein Riesenfehler." (Mandel/Van der Leun, 1996: 250).
Und wie z.B. 1994 mit einem Drohbrief an Bill Clinton geschehen (Mandel/Van der Leun, 1996: 250) werden Grenzen überschritten, die man wohl gemieden hätte, wäre man dem Rat Knigges gefolgt, "nur eine Minute still zu schweigen und der Überlegung Zeit zu lassen (...)." (Knigge, 1790: 42). Vermutlich ist es die vielbeschworene Schnelligkeit des Mediums, die unüberlegten Handlungen Vorschub leistet. Mandel/Van der Leun (1996) warnen zurecht davor, den lockeren und ruppigen Stil, der in vielen Teilen des Netzes herrscht, unreflektiert zu übernehmen, denn "die virtuelle Realität hat die Angewohnheit, unerwartet bei einem anzuklopfen." (Mandel/Van der Leun, 1996: 250).
Eine eindringliche Warnung betrifft die Tatsache, dass nicht-verschlüsselte E-Briefe nur schlecht vor unliebsamen Mitlesern geschützt sind.
"Berücksichtigen Sie bei wichtigen Angelegenheiten, daß E-Mailing nicht für vertrauliche Kommunikation geeignet ist: Solche Informationen sollten Sie nur verschlüsselt übertragen, da viele mitlesen können." (Schwichtenberg, o.J.).
Gerade den wenig technikversierten E-Postbenutzern ist oft nicht klar, wie wenig geschützt Daten vor allem im universitären Umfeld sind und wie einfach E-Briefe von Systemverwaltern und damit ggf. auch deren Freunden und Vorgesetzten gelesen werden können. Auch wenn solche Übergriffe selten sind, kann es nicht schaden, E-Briefe nach der Maxime "Never put in a mail message anything you would not put on a postcard." (Hambridge, 1995) zu verfassen.
Die Regeln, die wir dem Typ Knigge zugeordnet haben, bringen die Wertvorstellungen der "Internet-Gemeinde" deutlich zum Ausdruck: Die freie Meinungsäußerung, der kostenlose Austausch von Informationen und anderen Ressourcen, sowie die Toleranz gegenüber abweichenden Meinungen und Randgruppen. Netiketten setzen auf Selbstverantwortlichkeit, auf Einsicht und Kooperationswillen der Beteiligten und auf die Möglichkeit, grobe Verstöße gegen die Netikette durch netzinterne Maßnahmen zu sanktionieren. Beispiele für die erfolgreiche Ahndung von Netzmißbrauch z.B. die in Hoffmann/Kuhlmann (1994) und Hau (1997) beschriebenen Fälle stärken das Gefühl der Internet-Nutzer, Mitglieder einer Gemeinschaft mit einer eigenständigen Kultur zu sein, die es gegen Kommerz und staatliche Regulierung zu verteidigen gilt.