2. Elektronische Post und ihre Anwendungsbereiche

E-Mail ist einer der ältesten und immer noch am häufigsten genutzten Kommunikationsdienste des Internet. "E-Mail" bezeichnet im Deutschen sowohl den Dienst als solchen (im weiteren "E-Post") als auch die Dokumente, die von diesem Dienst befördert werden (im weiteren "E-Briefe"). Es gibt bereits interessante Untersuchungen zur E-Post als Kommunikationsmedium in verschiedenen Handlungszusammenhängen (z.B. Janich, 1994; Scholl/Pelz/Rade, 1996; Baldry 1995; 1996) die Eigenschaften von E-Briefen sind unter linguistischer, stilistischer und medienvergleichender Perspektive untersucht und beschrieben (vgl. für das Deutsche z.B. Feldweg/Kibiger/Thielen, 1995; Günther/Wyss, 1996; Hess-Lüttich, 1997; Hau, 1997). Wir beschränken uns im Folgenden auf die Aspekte, die für das Verständnis der Netiketten-Regeln wichtig sind.

Zentral für die unten genannten Regeln sind drei Funktionen, die in den meisten Mail-Programmen angelegt sind:

Elektronische Post als Kommunikationsmedium ist äußerst vielseitig. Ausgehend von der in Brinker (1988) eingeführten Differenzierung in private, offizielle und öffentliche Handlungsbereiche können folgende Nutzungszwecke unterschieden werden:

Die elektronische Post befördert private und offizielle E-Briefe an Adressaten, die über eine E-Post-Adresse identifiziert werden. E-Post kann als Alternative zum Brief, zum Fax oder zum Telefon genutzt werden. Je häufiger ein Austausch von Mitteilungen stattfindet, je mehr E-Post-Kommunikation für den einzelnen anfällt und je vertrauter der Umgang mit dem E-Briefpartner ist, desto mehr unterscheidet sich der E-Brief vom traditionellen Brief und zeigt eigene Textsortenmerkmale, die denen kurzer schriftlicher Notizen oder sogar informeller und mündlicher Kommunikation ähneln (vgl. z.B. Günther/Wyss, 1996).

Ein großer Teil privater und offizieller E-Korrespondenz dürfte immer noch zwischen Personen stattfinden, die auch "IRL" ("in real life"), d.h. in der nicht-virtuellen Welt, miteinander kommunizieren. Seit es WWW-Browser wie Netscape ermöglichen, unter derselben Oberfläche Informationsangebote im WWW abzurufen und den Autoren dieser Angebote einen E-Brief mit Kommentaren, Nachfragen o.ä. zu schicken, nimmt die Kommunikation zwischen Menschen zu, die sich IRL nicht kennen. Dabei treten häufig auch Menschen miteinander in Kontakt, die verschiedenen Kulturkreisen angehören und verschiedene Muttersprachen sprechen, wobei sie sich im Allgemeinen des Englischen als Lingua Franca bedienen. Genau für diese im Grunde schwierigen Situationen hat sich im Internet (und dem verwandten Usenet) ein eigenständiger, westlich-amerikanisch geprägter Kommunikationsstil herausgebildet, dessen Normen in den Netiketten formuliert sind.

Neben der privaten und offiziellen Post organisiert die E-Post sog. E-Postverteiler zu bestimmten Themen (engl. "mailing lists", z.B. die in Linguistenkreisen viel gelesene ""), deren Abonnenten regelmäßig E-Briefe erhalten. Wenn die Beiträge zu diesen Diskussionslisten im WWW publiziert und archiviert werden, können sie auch von Nicht-Abonnenten gelesen und beantwortet werden. Ähnlich wie Leserbriefe in Zeitungen sind also E-Briefe von E-Post-Verteilern dem öffentlichen Handlungsbereich zuzurechnen. Im Gegensatz zum "traditionellen" Leserbrief haben Leser jedoch zwei Optionen, auf den Inhalt öffentlicher E-Briefe zu reagieren: Sie können – im öffentlichen Handlungsbereich bleibend – einen Antwort-E-Brief an den E-Postverteiler schicken, der dann wiederum an alle Abonnenten distribuiert und ggf. im WWW publiziert wird. Sie können aber auch ein privates Antwortschreiben direkt an die E-Post-Adresse des Autors schicken; eine Option, die bei Anliegen wie Stellenangeboten oder ganz spezifischen Informationsfragen häufig gewählt wird.

Ähnlich wie die E-Postverteiler funktionieren die seit den 80er-Jahren zunehmend genutzten Nachrichtenbretter des Usenet, die zwar aus technischer Perspektive nicht zum Internet gehören (vgl. Toppoint, o.J.; Salzenberg/Spafford, o.J.), die aber die Kommunikationskultur des Internet entscheidend mit geprägt haben. Neben den in unserem Aufsatz besprochenen Regulierungsgegenständen kommen in den Netiketten des Usenet noch weitere Regeln zur Eröffnung neuer Nachrichtenbretter und deren Klassifikation in der Themenhierachie hinzu, die auf eine eigene kommunikationstheoretisch spannende Entstehungsgeschichte zurückblicken können (vgl. "The breaking of the Backbone Cabal" in Hoffmann/Kuhlmann, 1994).

Die in den Netiketten formulierten Empfehlungen beziehen sich vornehmlich auf den offiziellen und den öffentlichen Handlungsbereich, denn hier besteht verstärkt Bedarf nach Regulierung: Es kommunizieren in einem bis dato nicht gekannten Ausmaß Menschen miteinander, die aus verschiedenen Kulturen stammen, sich noch nie von Angesicht zu Angesicht begegnet sind und dies vermutlich auch nie tun werden. Die Kommunikation findet vornehmlich mit Hilfe von schriftlich fixierten E-Briefen statt; es wird spannend sein zu sehen, in welchen Bereichen die gesprochene Voice Mail auf Dauer den geschriebenen E-Brief verdrängt. Die verwendete Technik hat im Vergleich zu den traditionellen Postdiensten einerseits Nachteile: E-Post ist weniger zuverlässig und bietet wenig Schutz vor unliebsamen Mitlesern (s.u. 3.3). Andererseits birgt sie viele neue Möglichkeiten, deren sinnvoller Einsatz erst erlernt werden muss und deren Komplexität und Störanfälligkeit oft nicht recht eingeschätzt werden kann.

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