1. Geschichte und Status der Netiketten

Als Netiketten, eine Zusammenziehung von Netz und Etikette (ursprünglich englisch net und etiquette), bezeichnet man Sammlungen von Verhaltensregeln, die sich auf den Umgang der Internet-Nutzerinnen und -Nutzer untereinander und mit den Ressourcen des Netzes beziehen. Gemessen an der Entstehungsgeschichte des Internets sind Netiketten eine relativ "junge" Erscheinung. Die sog. "Ur-Netikette" erschien Anfang 1992, zunächst als Teil der Benutzerordnung der "Florida Atlantic University" (Rinaldi, 1992). Sie wurde seither verschiedentlich revidiert und ergänzt (Rinaldi 1994; 1996) und in die verschiedensten Sprachen übersetzt (deutsch: Reiser, 1995). Neben Rinaldis Dokument existiert eine relativ kleine Anzahl weiterer Netiketten, die an den unterschiedlichsten Stellen entweder in veränderter Form oder als textgetreue Kopie publiziert sind. Besonders verbreitet sind die Netiketten von Sally Hambridge (Hambridge, 1995) und Brad Templeton alias "Emily Postnews" (Templeton, o.J.). Daneben besitzen Teilnetze jeweils eigene Netiketten mit Regeln, die auf ihre spezifischen Bedingungen ausgelegt sind, z.B. das deutsche Z-Netz (Z-Netz, 1994), das deutsche SoliNet (SoliNet, 1995) oder das internationale FidoNet (FidoNet, 1997).

Der Grund für die relativ späte Entwicklung der Netiketten liegt in ihrer primären Funktion, die darin besteht, in einer Zeit explosionsartigen Wachstums die Funktionsfähigkeit des Internet zu erhalten. Während in den 80er-Jahren das Internet zumeist von technikversierten Forschern und Wissenschaftlern genutzt wurde, dient es seit Beginn der 90er-Jahre zunehmend auch privaten und kommerziellen Zwecken. Es wird nun auch von Menschen genutzt, die nur ein geringes Vorverständnis für die technischen Grundlagen des Netzverbunds mitbringen, was u.U. zu ungewolltem Fehlverhalten führt: "Ein grundsätzliches Problem bei verteilten Systemen ist (...), daß Benutzer kein oder nur ein verschwommenes Bild dessen haben, was für Konsequenzen lokal initiierte Aktionen im Gesamtkontext des Systems haben." (Hoffmann/Kuhlmann, 1994). Auch kennen die neu hinzukommenden Netznutzer die Kommunikationsnormen nicht, die sich in den Jahren der gemeinsamen Nutzung herausgebildet haben. Die Vertrautheit mit den "elektronischen Umgangsformen" (Höflich, 1995) im Netz ist aber wichtig, um in den sog. "elektronischen Gemeinschaften" des Internet anerkannt und geschätzt zu werden. Die Verfasserinnen und Verfasser von Netiketten möchten Internet-Neulinge (sog. "Newbies") den Einstieg erleichtern, sie vor Fehlverhalten warnen und dadurch nicht zuletzt den reibungslosen Ablauf der Netzkommunikation gewährleisten. In Zeiten, in denen das Internet zunehmend kommerzialisiert und inhaltlich trivialisiert wird, sollen mit den Netiketten außerdem die Werte bewahrt werden, die sich in den "Gründerjahren" des Internet etabliert haben: freie Meinungsäußerung, Selbstverantwortung, Aufgeschlossenheit und Gesprächsbereitschaft, kostenloser Austausch von Wissen und Ressourcen und kulturübergreifende Kommunikation (vgl. Hoffmann/Kuhlmann (1994), Sandbothe (o.J.)).

Auch wenn die Ur-Netikette aus einer universitären Nutzungsvereinbarung hervorgegangen ist und auch heute noch vielen Nutzungsvereinbarungen eine Netikette beigefügt wird, haben die in ihnen formulierten Verhaltensregeln nicht den Charakter gesetzten Rechts. Hofmann/Kuhlmann (1994) charakterisieren ihren Status zutreffend als den "kulturell verankerter Regeln des Benehmens", die "weder durch demokratische Verfahren der Entscheidungsfindung legitimiert" sind "noch durch Androhung exekutiver Maßnahmen durchgesetzt" werden. Netiketten setzen explizit auf Selbstverantwortung, Einsicht und Selbstorganisation bei der Durchsetzung der in ihnen kodifizierten Normen. Ob dies auf Dauer erfolgreich sein wird, muss sich zeigen. Für die Zukunft prognostizieren Beck/Vowe (1997) eine zunehmende Einflussnahme von staatlicher Seite und durch kommerzielle Provider, zumindest was den Umgang mit den Netzressourcen betrifft. In jedem Fall ist die Existenz der Netiketten ein Indiz dafür, dass viele Nutzer das Internet nicht nur als weiteres Kommunikationsmittel, als eine Alternative zu Telefon oder Fax beispielsweise, begreifen, sondern als Heimat virtueller Gemeinschaften, die nach Sandbothe (o.J.) "neue transnationale Gesellschaftsformen" bilden und sich "transgeographische Lebensräume" erschließen. Indem Netiketten Erfahrungen tradieren, die in der Praxis gemeinsamer Techniknutzung gesammelt wurden, geben die darin verschriftlichten Kommunikationsnormen auch Aufschluss über den "kommunikativen sozialen Stil" (i.S.v. Kallmeyer, 1995), der für die Kommunikationsdienste des Internet charakteristisch ist. Netiketten sind Dokumente, an denen sich vergangene und künftige Entwicklungen dieses kommunikativen Stils nachzeichnen lassen. Die Entwicklung der Ur-Netikette von Rinaldi, die neu aufgenommenen Themen, die fallengelassenen oder veränderten Ratschläge reflektieren die Veränderungen in der Internet-Kommunikation ebenso wie das Auftauchen spezialisierter Netiketten für die kommerzielle Internet-Nutzung (z.B. die Business Netiquette International (Pearce, 1996)).

Im Folgenden möchten wir anhand der Netiketten zur elektronischen Post einige Aspekte herausarbeiten, die wir aus sprach- und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive für interessant halten. Da die untersuchten Dokumente größtenteils nur im Netz zugänglich sind und auch dort rezipiert werden sollten, haben wir hier eine umfassende Materialsammlung und eine Linkliste zum Thema publiziert. Mit dem Klammerausdruck (® ...) verweisen wir im Text auf diese Materialsammlung im WWW. Anhand der Analyse der Netiketten läßt sich zeigen, welchen besonderen Bedingungen das Medium Sprache im "Kommunikationsraum" des Internet unterliegt, welche Probleme bei der Netzkommunikation auftreten und welches Maß an Regulierung erforderlich ist.

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