3. Die Netiketten zur elektronischen Post: Typen von Regulierungsgegenständen

Wir haben die Regulierungsgegenstände der Netiketten zur elektronischen Post unter funktionalem Gesichtspunkt in drei Gruppen eingeteilt: Regeln vom Typ Grice, Regeln vom Typ Saussure und Regeln vom Typ Knigge.

3.1. Regeln vom Typ Grice

Linguisten stoßen beim Durchlesen der Netiketten rasch auf Ähnlichkeiten zwischen den dort formulierten Regeln und den in Grice (1975) postulierten Konversationsmaximen. Den Regeln der Netiketten kommt jedoch eine andere Funktion zu als den Griceschen Maximen, die als medien- und sogar kulturübergreifend verstanden werden (vgl. Heringer, 1994) und als solche nicht eigens formuliert werden müssen. Zwar setzen auch Netiketten die Kooperationsbereitschaft der Beteiligten als Grundlage jeglicher Kommunikation voraus. Das Internet erfordert jedoch aufgrund seiner dezentralen, staatenübergreifenden Organisationsform neben dem guten Willen zur Kooperation auch Wissen darüber, wie dieser in konkreten Handlungen bewiesen werden kann. Im Folgenden möchten wir zeigen, wie die Griceschen Konversationsmaximen sich in den Empfehlungen der Netiketten wiederfinden und wie sie in diesem Kontext zu interpretieren sind.

"Fasse Dich kurz!" Vertraut klingende Faustregeln wie "Keep it short." (Hyman, 1996) beziehen sich vornehmlich auf die Sorge um Übertragungsgeschwindigkeit und die damit für den Rezipienten verbundenen Kosten:

"Most people connect with the Internet via modems that have limited "bandwidth". Your recipient will appreciate concise messages." (Hyman, 1996).

Das Bemühen um Klarheit, die der Griceschen Kategorie der Modalität zugrunde liegt, ist erst in zweiter Linie ein Anliegen. Indes wird Kürze sehr präzise definiert: "Over 100 lines is considered long." (Internet Netiquette, 1996). Wer trotzdem grundlos überlange Texte verfasst, muss damit rechnen, ignoriert zu werden: "If you want your mail to be read, don’t make it too long unless the receiver is expecting a verbose message." (Internet Netiquette, 1996). "Bandwith" allein ist in Zeiten, in denen große Mengen ressourcenintensiver Multimedia-Daten die Infobahn verstopfen, ein überholtes Argument gegen überlange E-Briefe. Es mehren sich in den Netiketten deshalb Hinweise auf die Ressource "Zeit", die für vielbeschäftigte Internet-Nutzer immer knapper und wertvoller wird:

"When you send email or post to a discussion group, you’re taking up other people’s time (or hoping to). It’s your responsibility to ensure that the time they spend reading your posting isn’t wasted. (Shea, 1996).

"Mache Deinen Beitrag so informativ wie (für den gegeben Gesprächszweck) nötig, aber nicht informativer als nötig!" Zur Kategorie der Quantität gehören die Regeln, die sich auf den Umgang mit der "signature"-Funktion von Mailprogrammen beziehen. In der Begeisterung über die Möglichkeit, E-Briefe automatisch mit Informationen zur eigenen Person zu ergänzen, diese dann evtl. noch mit einem hübschen ASCII-Gemälde oder einem persönlichen Wahlspruch anzureichern, vergisst so mancher, dass der eigentliche Zweck des E-Briefs in der Übermittlung einer möglichst informativen Nachricht liegt. Der ironische Ratschlag von Brad Templeton alias "Emily Postnews" zu einer Anfrage von "verbose@noisy" (® Archiv) macht dies deutlich:

"Dear Verbose: Please try to make your signature as long as you can. It’s much more important than your article, of course, so try and have more lines of signature than actual text." (Templeton, o.J.).

Ebenfalls zu dieser Kategorie gehören Ratschläge für den Einstieg in eine bereits laufende Diskussionsgruppe: Es soll vermieden werden, dass Neulinge Fragen stellen, die bereits hinlänglich beantwortet wurden, oder Themen aufwerfen, die bereits ausgiebig diskutiert worden sind. Um thematische Dopplungen zu vermeiden, existiert deshalb vor allem im Usenet eine eigene Textsorte, die sog. FAQs (frequently asked questions). Die Rezeption der FAQs wird Einsteigern eindringlich ans Herz gelegt; außerdem wird empfohlen, vor dem ersten eigenen Beitrag eine Weile den Verlauf der aktuellen Diskussionen zu beobachten. Für die Frage, was nun einer laufenden, von einem wechselnden Teilnehmerkreis gestalteten Diskussionsgruppe informativ im Sinne von "noch-nicht-gewußt-aber-zum-Thema-gehörig" gilt und was nicht, muss sich erst ein Gefühl entwickeln. Unerfahrene Netzbenutzer können jedoch im Allgemeinen mit Toleranz rechnen.

"Sei relevant!" Wie Grice (1975: 46) selbst bemerkt, ist die Relevanz eines Beitrags oft schwer zu beurteilen. Dass es in der Internet-Kommunikation vermehrt klare Verstöße gegen die Relevanzmaxime gibt, zeigen jedoch Regeln wie:

"Replies such as "I agree" simply take up space." (Sondheim, o.J.)
"Nachrichten wie "Hallo, hier bin ich" sind absolut überflüssig." (Schwichtenberg, o.J.)

Der Rat "Keep paragraphs and messages short and to the point" (Rinaldi 1992; 1994; 1996) ist im konkreten Kommunikationszusammenhang oft schwierig umzusetzen. Alle, die längere Zeit ein Nachrichtenbrett gelesen oder einen Postverteiler abonniert haben, werden jedoch Netzteilnehmer kennen, die durch sehr langatmige Beiträge zu bereits hinlänglich ausdiskutierten Themen auffallen. Sie werden im angloamerikanischen Internet-Slang als "bozo" (die Clownfigur "dummer August") bezeichnet. Mandel/Van der Leun (1996) charakterisieren Bozos als Netzteilnehmer, "die weiter in die Nacht hinausfaseln, nachdem die Kneipe längst geschlossen hat" (Mandel/Van der Leun, 1996: 248). Der sog. "Bozo-Filter" bezeichnet entsprechend die Funktion von Mail-Programmen und Newsreadern, Beiträge von unliebsamen Personen vorab herauszufiltern. Vor der Anwendung des Filters gegen Kollegen oder gar Vorgesetzte ist jedoch abzuraten, sofern E-Briefe als anerkanntes Mittel in der innerbetrieblichen Kommunikation eingesetzt werden (vgl. Shea, 1994). Auf Systemverwaltungsebene kann derselbe Effekt über sog. "killfiles" erzielt werden, die es ermöglichen, nachhaltige Störenfriede aus einer Diskussiongruppe auszuschließen.

Zur Kategorie der Relation gehört auch die Aufgabe, den eigenen Beitrag in Nachrichtenbrettern und Diskussionslisten in einsichtiger Weise zu vorangegangenen Beiträgen in Bezug zu setzen. Die Zitierfunktion von Mail-Programmen (vgl. oben) erlaubt es, andere Beiträge ganz oder ausschnittsweise zu kopieren, und somit den eigenen Beitrag in den Kontext eines Diskussionsverlaufs einzubetten. Aber wieviel und was soll zitiert werden? Das Dilemma zwischen dem Wunsch nach Kürze und Prägnanz einerseits und dem nach kohärenter Anknüpfung an einen Diskussionsstrang andererseits dokumentieren die folgenden Netiketten-Regeln:

"Wenn Sie auf eine Frage oder einen Diskussionsbeitrag antworten, zitieren Sie die Frage, auf die Sie sich beziehen, in Ihrer Antwort, aber löschen Sie alle anderen, nicht unbedingt notwendigen Teile des ursprünglichen Artikels." (Partl, o.J.).

"Be complete. While the first rule is brevity, the second insures that people will know what you are talking about. Don’t assume they will remember conversations from several days ago (...)." (Hyman, 1996).

 "Sei klar!" Zur Kategorie der Modalität zählt Grice neben der oben bereits erwähnten Maxime der Kürze auch das Bemühen um Klarheit und Verständlichkeit des Gesagten. Entsprechende Appelle finden sich auch in den Netiketten wieder:

"Refrain from surrealism of all sorts which annihilate an almost-dying world of communication. The love of words is not the Word of Love!" (Sondheim, o.J.).

Verpönt ist auch die unnötige Verwendung von Technikslang und "intellektualistischem Sprachstil" (Schmitz 1995):

"Nicht jeder Satz muß deutlich machen, daß Sie der unübertroffene Experte auf Ihrem Gebiet sind; vermeiden Sie z.B. unnötige Fachbegriffe und Akronyme." (Schwichtenberg, o.J.).

Die Forderung nach Verständlichkeit wird u.a. begründet durch die Internationalität der Internet-Kommunikation:

"Remember the Internet is a global community, and other peoples values and outlook on life may be different to your own. Be tolerant and careful with slang or phrases that may not be understood in another country." (Internet Netiquette, 1996).

Auch die Mahnung, vorsichtig mit Ironie und Sarkasmus umzugehen, wird mit der multikulturellen Zusammensetzung der "Netzgemeinde" begründet:

"Remember that the recipient is a human being whose culture, language, and humour have different points of reference from your own. Remember that date formats, measurements, and idioms may not travel well. Be especially careful with sarcasm." (Hambridge, 1995).

Über diesen Mahnungen sollte allerdings nicht vergessen werden, dass Ironie gerade im Internet ein beliebtes und geschätztes Stilmittel ist. Schöne Beispiele im Bereich Netiketten sind die Benimm-Ratschläge von Brad Templeton alias "Emily Postnews" (Templeton, o.J.; spielt an auf Emily Post (1873-1960), die zahlreiche Benimm-Bücher in englischer Sprache verfasste und wie der "Knigge" eine gewisse Sprichwörtlichkeit erlangt hat) und die "Goldenen Regeln für schlechtes HTML-Design" (Karzauninkat, 1997). Die entsprechende Regel scheint also ein Reflex darauf zu sein, dass ironische Texte tatsächlich häufig nicht als solche verstanden wurden, was natürlich sowohl an den Produzenten ironisch intendierter Texte, als auch an deren Rezipienten liegen kann. Um unnötigen "flame wars" (s.u.) vorzubeugen, wird empfohlen, ironisches Sprechen durch entsprechende Emoticons deutlich zu machen, wobei dieses Mittel jedoch nicht überstrapaziert werden sollte, da es sich sonst schnell abnutzt: "Use smileys to indicate tone of voice, but use them sparingly." (Hambridge, 1995).

Ein Umdenken ergab sich bei den Empfehlungen im Umgang mit Abkürzungen. Während Rinaldi in der ersten Netikette 1992 die Verwendung von Abkürzungen uneingeschränkt empfiehlt ("abbreviate when possible"), gewichtet sie in späteren Versionen Verständlichkeit vor Kürze:

"Acronyms can be used to abbreviate when possible, however messages that are filled with acronyms can be confusing and anoying to the reader." (Rinaldi, 1994; 1996).

Je schneller die "Netzgemeinde" wächst, um so größer wird also der Bedarf nach Verständlichkeit.

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