Um die Vermittlung von grammatischem Wissen zu verbessern, muss man bei den Eigenschaften der Textsorte Grammatik ansetzen.
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Eine gegenüber der radikalen Krashen-Position moderatere und weithin geteilte Annahme ist die, dass der Sprachlernprozess grundsätzlich durch Unterricht beeinflusst werden kann, nicht zuletzt durch kognitivierende Verfahren. Auseinandersetzung mit grammatischen Regularitäten und Einsicht in die Systematik der Fremdsprache können eine Beschleunigung und Effektivierung der Aneignung bewirken, Grammatikregeln erleichtern die Bildung korrekter und das Verwerfen falscher Hypothesen (vgl. Tönshoff 1992). Insofern aber Spracherwerb ein individuell ablaufender Prozess ist, wird der Lehrer dabei zum "Spracherwerbshelfer". Er muss zum einen den nötigen Input bereitstellen, dazu muss er den Sprachstand der Lerner diagnostizieren und das sprachliche Material auf seine Adäquatheit hin prüfen. Zum andern soll er alternative Annäherungen an die Grammatik und individuelle Regelformulierungen fördern. Dazu wiederum muss er den individuellen Regeloutput beurteilen und konkurrierende Regeln gegeneinander abwägen können, denn sprachliche Daten lassen oft mehr als nur eine Regeldeutung zu. Ein Verzicht auf einen einheitlichen lehrerinduzierten Lernweg erfordert somit vom Lehrer letztlich erhebliches systematisches Grammatikwissen sowie die Fähigkeit zur Analyse von sprachlichem Material. Hier sei Bisle-Müller (1994: 480) zitiert:
"Wer bei Lernern einen kognitiven Zugang zur Sprache für unverzichtbar hält, kann nicht bei den Lehrern die Erfahrung verabsolutieren. Erst wenn das Nachdenken über Sprache, über kommunikative Grammatik, über Semantik und Pragmatik von DaF-Dozenten selbstverständlich geworden ist, können sie Lernern vermitteln, welchen Stellenwert eine solche Fähigkeit haben kann."
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Ein Mehrbedarf an Grammatikwissen lässt sich auch aus grammatiktheoretischen Neuorientierungen ableiten. Wenn kommunikative, funktionalsemantische und textgrammatische Ansätze nicht nur ein Lippenbekenntnis sein sollen, dann müssen Lehrer auch in der Lage sein, grammatische Regeln in diesen Kontexten zu verorten und zu interpretieren, also z.B. Zusammenhänge herzustellen zwischen Wortstellung und Informationsgewichtung, zwischen Genus verbi und Textsorte, zwischen Konnektoren und Argumentation oder zwischen Tempus und Register. Gängige Lehrmaterialien nehmen ihnen diese Aufgabe derzeit nicht systematisch ab (vgl. Breindl (im Druck)). Um kommunikativ eingebettete Aufgaben zu konstruieren und zu initiieren ist das Wissen um solche Zusammenhänge Voraussetzung. Und noch nicht einmal in Ansätzen vorhanden ist eine Didaktik, die sich Erkenntnisse aus der Sprachtypologie wie sie etwa von Handwerker (1995), Kaltenbacher (1996) und Abraham (1998) für den DaF-Bereich skizziert wurden zunutze macht. Dass z.B. temporale Konnektoren wie während, indessen, nachdem, alldieweil kausale und adversative Interpretationen haben können, ist kein Spezifikum des Deutschen, sondern beruht auf universalen Prinzipien wie dem "post hoc ergo propter hoc" (d.h. sequentiell aufeinander folgende Sachverhalte werden als in einem Kausalzusammenhang stehend interpretiert) bzw. der Relevanz die Koinzidenz von Ereignissen dann zu betonen, wenn diese sich in auffälliger Weise unterscheiden, und markiert einen Grammatikalisierungspfad, den viele Sprachen einschlagen.
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Auch mediale Neuerungen, allen voran der Einzug des Internets in den Unterricht, bedingen Veränderungen. An der komplexen Lehrerrolle wächst der Anteil des Lernberaters und Materialprüfers. Auswahl und Bewertung von Lehrmaterialien und Primärquellen auf ihre Adäquatheit in einer gegebenen Unterrichtssituation, ihre Einordnung in ein Koordinatensystem aus Fertigkeiten, Sprechintentionen und Strukturen erfordern einen soliden Überblick über sprachliche Regeln und ihre semantischen und kommunikativen Funktionen. Für neuere Lehrwerke, die stärker auf Auswahl setzen, und die Progression weit mehr der Entscheidung des Lehrers anheimstellen, gilt das nicht minder.
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Ich fasse zusammen: Aus dem Methodenwandel ergeben sich höhere Anforderungen an das kognitive grammatische Wissen der Lehrenden. Speziellen und punktuellen Bedarf sehe ich
- an Systematisierung und Aufeinanderbezug von Regeln
- an Aufeinanderbezug konkurrierender Termini und Konzepte
- an Aufeinanderbezug formaler und funktionaler Aspekte
- an Wissen über die Schnittstellen von Grammatik zu Lexikon und Text
- an Aktualisierung grammatischen Wissens im Kontext von Normenwandel
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