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Abstracts Deutsche Sprache 1/00

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Markus Hundt

Deutschlands meiste Kreditkarte - Probleme der Wortartenklassifikation

Abstract

Das Hauptanliegen der Untersuchung besteht darin, die Notwendigkeit einer Wortartendefinition und -klassifikation gemäß der Prototypentheorie nachzuweisen. Dies wird an einem konkreten Beispiel demonstriert. Ausgehend von der in der Werbung verwendeten Wortgruppe Deutschlands meiste Kreditkarte wird gezeigt, inwiefern die Wortgruppe für Muttersprachler zwar unmittelbar verständlich aber zugleich in ihrer Grammatikalität fraglich ist. Es wird argumentiert, dass das Wort meiste in diesem Fall zwar der Wortart Adjektiv angehört; allerdings handelt es sich um einen im Sinne der Prototypentheorie randständigen Vertreter dieser Wortart. Um diesen Nachweis zu führen, werden zunächst die Leistungen und Grenzen der gängigen Wortartenklassifikationen vorgestellt und anschließend die Grundannahmen der kognitiven Grammatik und der Prototypentheorie auf das Wortartenproblem angewendet. Es zeigt sich, dass meist aufgrund von syntaktischen, morphologischen und semantischen Verwendungsrestriktionen ein untypischer Vertreter der Wortart Adjektiv ist, bzw. in einem Übergangsbereich zwischen den Wortarten Adjektiv, Quantor und Adverb steht.)

This paper argues that prototypically structured concepts are not only found in colloquial language but also in languages for specific purposes, e.g. in grammatical terminology. The author discusses this theoretical claim with respect to one example, the noun phrase Deutschlands meiste Kreditkarte, which was used as an advertising slogan. Although the semantics of the noun phrase is easily comprehensible, its grammaticality is doubtful. It is argued that from the point of view of prototype theory, the word meistis a peripheral member of the category 'adjective'. The article discusses traditional approaches to the problem of word class definition and their limitations, as well as the relevant assumptions of cognitive grammar and prototype theory. While it can be shown that the use of meist in Deutschlands meiste Kreditkarte is grammatical, evidence from corpus analyses shows that it is not normally used in this way. The restrictions on the use of meist are shown to originate in syntactic, morphological and semantic constraints. These, in turn, support the hypothesis of prototypically structured and overlapping word classes. Meist is located between the word classes 'adjective', 'quantor' and 'adverb'.


Heidrun Kämper

Sprachgeschichte - Zeitgeschichte

Die Tagebücher Victor Klemperers

Abstract

Die Tagebücher Victor Klemperers aus den Jahren 1933 bis 1945 werden als Quellen der Sprachgeschichte bewertet und am Beispiel von 'Kommunikativer Verunsicherung', 'Antisemitischer Kommunikation' und 'Emigrantenkommunikation' wird ihr sprachhistorischer Wert aufgezeigt. Anschließend wird aus dem Tagebuch der Komplex von Bedingungen rekonstruiert, der die von Klemperer vorgelegte Version seiner 'LTI' bestimmt hat.

Victor Klemperer's diaries from the years 1933 to 1945 are evaluated as a source for the history of the language, and their value to this field is examined using the examples 'communicative uncertainty', 'anti-Semitic communication' and 'communication among émigrés'. The diary ist then used to reconstruct the conditions which determined Klemperer's version of 'LTI' (lingua tertii imperii).


Maria Pümpel-Mader

Tirol im Text

Über einen Eigennamen und die Verbalisierung von Konzeptwissen im Text

Abstract

Tirol ist ein Eigenname. Dass diese Feststellung so einfach nicht ist, wird auf den ersten Seiten des Beitrages thematisiert. Nach kurzen Ausführungen zur Geschichte des Namens und des Landes wird den Konzept-Varianten nachgegangen, die dem Eigennamen vorausgesetzt sind. Konzepte sind als dynamisch organisierte Repräsentationseinheiten Konstrukte, auf die sprachliche Ausdrucksformen und Kontextualisierungen verweisen. Belegt durch empirisches Material werden TIROL-Konzept-Varianten erfasst und gezeigt, dass Tirol primär als 'Land / Gebiet', 'territorial-politisch-kulturelle Einheit', als 'Tourismus- / Urlaubsland', 'Bergland', 'Kulturloses Land', als 'Heimat' oder als 'Konservativ-katholisches Land' konzeptualisiert und stereotypisiert wird.

Tirol is a proper name. The fact that this statement is not as simple as it seems is discussed on the first pages of this article. After some remarks on the history of the name and the country, the concept variants which the name presupposes are followed up. Concepts, as dynamically organised representation units, are constructs which are referred to by linguistic expressions and contextualisations. An examination of empirical material on TIROL concept variants shows that Tirol is primarily conceptualised and stereo-typed as 'country/area' , 'territorial-political-cultural unit', as 'tourist/holiday destination', 'mountainous country', 'cultureless country', as 'Heimat' or as 'conservative-catholic country'.


Christa Dürscheid

Sprachliche Merkmale von Webseiten

Abstract

Als Ausgangspunkt dient die Annahme, dass Webseiten sprachliche Merkmale aufweisen, die sie von nicht-elektronischen Texten unterscheiden. In einem ersten Schritt wird untersucht, inwieweit sich die für das World Wide Web charakteristische Hypertextstruktur auf die Gestaltung einzelner Webseiten auswirkt. Im Anschluss daran steht die Analyse der internen Struktur von Webseiten im Mittelpunkt. An ausgewählten Beispielen wird gezeigt, welche Unterschiede zwischen Webseiten und Printtexten auftreten. Diese beziehen sich sowohl auf die lineare Anordnung des Textes, auf das Auftreten verschiedener Zeichenträger als auch auf die Verwendung spezifischer sprachlicher Ausdrucksmittel. Abschließend wird überlegt, welche Konsequenzen sich aus dem vorgetragenen Befund im Hinblick auf die Schriftlichkeitsforschung ergeben.

My study starts from the assumption that webpages have specific linguistic features not shared by non-electronic texts. First I investigate how far the hypertext structure typical of the World Wide Web influences the phrasing of individual webpages. The following part focuses on the internal structure of webpages: selected examples serve to illustrate the difference between webpages and printed texts with regard to the linear arrangement, the introduction of individual signs and the use of specific linguistic features. In the final part, some thought is given to the consequences that the analysis has for research into written language.


Joachim Sabel

Das Verbstellungsproblem im Deutschen: Synchronie und Diachronie

Abstract

In diesem Aufsatz gehe ich der Frage nach, in wie viel unterschiedlichen Positionen Verben im deutschen Satz vorkommen können. Anhand syntaktischer Tests wird gezeigt, dass das Verb im Deutschen in insgesamt drei unterschiedlichen Positionen auftritt und nicht, wie in der traditionellen Grammatik angenommen wird, in nur zwei Positionen (in der rechten und in der linken Satzklammer). Es wird dafür argumentiert, dass die Anwendung des abstrakten Satzschemas, wie es heute gängigerweise in der generativen Grammatikforschung als universelles Satzmodell angenommen wird, die Erklärung einer Vielzahl syntaktischer Phänomene im Deutschen ermöglicht, die mit der traditionellen Verbstellungsanalyse, die von nur zwei Verbpositionen ausgeht, nicht erklärt werden können. Gemäß des universellen Satzschemas repräsentiert die Infl(ection)-Position eine Verbposition im Satz. Diese Position ist identisch mit der rechten Satzklammer. Eine weitere Verbposition ist die V-Position innerhalb des Mittelfelds, und eine dritte potentielle Position für das Verb entspricht der C(omplementiser)-Position (bzw. der linken Satzklammer).

Der Aufsatz ist folgendermaßen gegliedert. In der Einleitung schildere ich kurz die unterschiedlichen Auffassungen, die in der Vergangenheit zur Verbstellungsproblematik im Deutschen vertreten wurden. In Abschnitt 2 nenne ich die wichtigsten Argumente, die gegen die Annahme vorgebracht wurden, dass im deutschen Satz für Verben insgesamt drei Positionen zur Verfügung stehen. Im Anschluss daran werden in den Abschnitten 3.1. bis 3.2. Argumente diskutiert, die für drei Verbpositionen sprechen. Abschnitt 3.3 behandelt die Frage, wie vor diesem Hintergrund die Daten aus Abschnitt 2, die sich als problematisch für diese Analyse erwiesen haben, erklärt werden können. In Abschnitt 4 wende ich mich weiterer unabhängiger Evidenz aus dem Bereich der historischen Syntax zu, die für drei Verb-Positionen im Deutschen spricht. In Abschnitt 5 gebe ich eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse.

In this article I examine the question of how many different positions verbs can occur in in German sentences. On the basis of syntactic tests it is shown that the verb occurs in a total of three different positions in German and not, as has been assumed in traditional grammar, in only two positions (in the right and in the left sentence brackets). I argue that the use of the abstract sentence schema, which is now generally accepted in generative grammar as the universal sentence model, allows us to explain a large number of syntactic phenomena in German which cannot be explained in the traditional verb position analysis, which recognises only two verb positions. In accordance with the universal sentence schema the Infl(ection) position represents a verb position in the sentence. This position is identical to the right sentence bracket. A further verb position is the V-position within the middle-field, and a third potential position for the verb corresponds to the C(omplementiser Position) position (or the left sentence bracket).

The article is structured as follows. In the introduction I briefly describe the different views which have been put forward on the problem of verb position in German. In section 2 I discuss the most important arguments which have been presented against the assumption that the German sentence has three positions for verbs. Following that, in sections 3.1. to 3.2, I examine arguments which favour three verb positions. Section 3.3 looks at how the data from section 2 which proved to be problematic for this analysis can be explained against this background. In section 4 I turn to further independent evidence from the area of historical syntax which favours three verb positions in German. In section 5 I give a short summary of the most important results.