Abstracts Deutsche Sprache 4/09

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Anja Stukenbrock

Referenz durch Zeigen: Zur Theorie der Deixis

Abstract

Deixis ist im Rahmen diverser Disziplinen und aus unterschiedlichen linguistischen Perspektiven betrachtet worden. Dabei haben sich die meisten Studien auf Verbaldeiktika als Teil der Systemgrammatik konzentriert, während interaktive und multimodale Aspekte des Deixisgebrauchs weitgehend vernachlässigt wurden. Der vorliegende Beitrag verfolgt das Ziel, auf der Grundlage detaillierter Videoanalysen zur face-to-face-Interaktion die deiktische Zeigehandlung als eine auf intra- und interpersoneller Koordination beruhende multimodale Hervorbringung der Beteiligten zu konzeptualisieren. Ausgangspunkt bildet die Auseinandersetzung mit der gängigen Auffassung, wonach die prototypische Zeigegeste vom Körper des Zeigenden aus einen Vektor projiziert, dessen imaginäre Verlängerung automatisch zum Zeigeziel führt, sowie die Kritik an der undifferenzierten Gleichsetzung zwischen Zeigeziel und Referenten. Die durch die empirische Analyse ermittelten Teilkomponenten der deiktischen Zeigehandlung machen zentrale theoretische Unterscheidungen erforderlich, die in der bisherigen Deixisforschung unzureichend berücksichtigt wurden. Zu ihrer Konzeptionalisierung wird ein Modell vorgeschlagen, das die fundamentalen räumlichen, perzeptuellen, kognitiven und interaktiven Parameter der Zeigehandlung in der face-to-face-Interaktion systematisch erfasst.

Deixis has been studied in the context of various disciplines and from different linguistic perspectives. Most studies have concentrated on verbal deictica as part of the grammatical system, while interactive and multimodal aspects of deictic usage have been largely neglected. On the basis of detailed video analyses, this article aims to conceptualise the use of deixis in face-to-face interaction as a multimodal act of including the participants based on intra- and interpersonal coordination. The starting point is a discussion of the common view according to which the prototypical gesture of pointing forms a vector starting at the body of the person pointing, the imaginary extension of which leads automatically to the object pointed at. The undifferentiated equating of the object pointed at and the referent is also criticised. The empirical analysis establishes the components of the deictic act of pointing which force us to make central theoretical distinctions which research into deixis has so far not considered sufficiently. The article proposes a model of conceptualisation which systematically covers the fundamental spatial, perceptual, cognitive and interactive parameters of the act of pointing in face-to-face interaction.


Hilke Elsen

Affixoide: Nur was benannt wird, kann auch verstanden werden

Abstract

Im Mittelpunkt des Artikels stehen die sogenannten Affixoide bzw. Halbaffixe sowie ihre positionsbedingten Entsprechungen Präfixoid/Halbpräfix und Suffixoid/Halbsuffix, häufig genannte Kandidaten sind arm, frei, leer, voll, riesen, affen, mords, bomben. Der Schwerpunkt liegt hier neben den Begriffen vor allem auf der Kategorie. Nach einem kurzen Abriss zur Entstehung des Affixoid-Konzepts im deutschsprachigen Raum werden einige unterschiedliche Ansichten dazu vorgestellt. Es folgt die Erörterung verschiedener Gründe für die Vorzüge einer solchen Kategorie.

The present article focuses on so called affixoids/semi-affixes and their counterparts prefixoid/semi-prefix and suffixoid/semi-suffix respectively in German, e.g. arm, frei, leer, voll, riesen, affen, mords, bomben. However, the discussion does not only concentrate on terminology, but rather on the concept itself. After a short review of early approaches, several diverging opinions will be presented, followed by a discussion and arguments in favour of the concept.


Sascha Michel

Schaden-0-ersatz vs. Schaden-s-ersatz. Ein Erklärungsansatz synchroner Schwankungsfälle bei der Fugenbildung von N+N-Komposita

Abstract

Die Bildung der Kompositionsfuge bei N+N-Komposita ist gegenwärtig erheblichen Schwankungen ausgesetzt, wie die Belege Schaden-0-ersatz vs. Schaden-s-ersatz oder Einkommen-0-steuer vs. Einkommen-s-steuer beweisen. Der Beitrag versucht zu zeigen, dass solche Variationen auf diasystematische Markiertheitsunterschiede zurückzuführen sind und Reflexe von Markiertheitskollisionen bei Varietätenüberschreitungen darstellen. Je nach Produktivität der Fugenelemente kommt es zur innersystematischen Koexistenz markierter und unmarkierter Kompositionsstammformen (Kind-es-entführung und Kind-er-garten) oder die unmarkierten Formen tendieren gemäß des Postulats der Markiertheitstheorie zum Abbau (Schaden-0-ersatz vs. Schaden-s-ersatz - Schaden-s-ersatz). Der vorgestellte Ansatz liefert demnach den Rahmen für ein soziolinguistisches (parole-basiertes) Erklärungsmodell synchroner Fugenbildungsprozesse.

As can be deduced from the examples Schaden-0-ersatz vs. Schaden-s-ersatz or Einkommen-0-steuer vs. Einkommen-s-steuer, the formation of the constituent transition of n+n-compounds is currently exposed to noticeable variations. This article tries to show that such variations can be traced back to diasystematic markedness differences and represent reflexes of markedness collisions when transcending from one variety to another. According to the productivity of transition elements, marked and unmarked composition stem forms coexist (Kind-es-entführung and Kind-er-garten) or - following the postulate of markedness theory - the unmarked forms tend to be reduced (Schaden-0-ersatz vs. Schaden-s-ersatz - Schaden-s-ersatz) innersystematically. The proposed approach thus constitutes the frame for a sociolinguistic (parole-based) explanation model of synchronic processes of the formation of transitions.


Heidrun Kämper

Demokratiegeschichte des 20. Jahrhunderts als Zäsurgeschichte - das Beispiel der frühen Weimarer Republik

Ein transdisziplinäres Forschungsprojekt

Abstract

Gegenstand des folgenden Beitrags ist die Darstellung der Konzeption eines transdisziplinären Vorhabens, an dem drei WGL-Institute, das Institut für Deutsche Sprache (Mannheim), das Institut für Zeitgeschichte (München) und das Herder-Institut (Marburg) beteiligt sind. Vorangestellt sind grundsätzliche methodische und theoretische Überlegungen zu einer transdisziplinären Forschungskonzeption in Bezug auf die gesellschaftlich-politischen Umbrüche des 20. Jahrhunderts. Es schließt sich die Konkretisierung dieser Überlegungen in Bezug auf das transdisziplinäre Forschungsprojekt an, das sich auf die frühe Weimarer Zeit bezieht. Dabei werden auch die drei unterschiedlichen Zugriffe aus den Perspektiven der drei Beteiligten skizziert. Eine Beispielanalyse demonstriert schließlich den methodischen Ansatz des Vorhabens exemplarisch.

The following article describes the plan of a crossdisciplinary project involving three institutes belonging to the WGL (Scientific Community Gottfried Wilhelm Leibniz): the Institute for the German Language (Mannheim), the Institute for Contemporary History (Munich) and the Herder-Institut (Marburg). A preliminary section examines the fundamental methodical and theoretical considerations of crossdisciplinary research on the subject of the radical socio-political changes of the 20th century. This is followed by a clarification of these considerations with regard to the crossdisciplinary research project described here, which is concerned with the early Weimar period. The three different approaches from the perspectives of the three participating institutions are outlined. Finally, the article presents an analysis which serves as an example of the methodical approach adopted by the project.