Abstracts Deutsche Sprache 2/03

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Gisela Zifonun

Dem Vater sein Hut

Der Charme des Substandards und wie wir ihm gerecht werden

Abstract

Die in der gesprochenen Umgangssprache und in Dialekten weit verbreitete nominale Possessorkonstruktion des Typs dem Vater sein Hut tanzt in morphologischer, syntaktischer und semantischer Hinsicht außer der Reihe. Dessen ungeachtet hält sie sich hartnäckig in den genannten Varietäten und erscheint somit als funktional angemessen.

Der Beitrag gibt einen Überblick über die Datenlage im Deutschen und stellt die Analysevorschläge im Hinblick auf Morphologie, syntaktische und semantische Struktur vor. Der Blick auf andere Sprachen und die Beschreibungsansätze in der allgemeinen Sprachtypologie erlauben eine neue Perspektive, die diese Konstruktion in den Kontext grundsätzlicher Alternativen für die Markierung syntaktischer Relationen ("head-marking" versus "dependent-marking") einordnet. Auch dem viel diskutierten Thema der Entstehung der Konstruktion auf dem Wege von Reanalyse oder Grammatikalisierung sind unter dieser übergreifenden Perspektive neue Aspekte abzugewinnen. Abschließend wird der Frage nachgegangen, welche Eigenschaften diese Konstruktion trotz grammatischer Sonderwege und Sanktionierung durch die normative Grammatik für die Sprecher attraktiv machen.

The nominal possessive construction of the type dem Vater sein Hut, common in spoken colloquial German and in dialects, is morphologically, syntactically and semantically exceptional. In spite of this it survives obstinately in the varieties mentioned and thus appears to be functionally appropriate.

This article gives an overview of the data situation in German and presents suggestions for an analysis of the morphological, syntactic and semantic structure. A look at other languages and the descriptive approaches developed in general language typology permit a new perspective which place this construction in the context of fundamental alternatives for the marking of syntactic relations ("head marking" versus "dependent marking"). This comprehensive perspective also allows new insights into the much-debated topic of the emergence of the construction by way by re-analysis or grammaticalisation. Finally an answer is sought to the question of the characteristics which make this construction attractive to speakers, despite its unusual grammatical status and its rejection by normative grammar.


Christa Dern

"Unhöflichkeit ist es nicht."

Sprachliche Höflichkeit in Erpresserbriefen

Abstract

Höflichkeit ist ein in unserem Alltag allgegenwärtiges Phänomen, das sich nicht nur in unserem nicht-sprachlichen Verhalten äußert, sondern auch in unserer mündlichen und schriftlichen Kommunikation. In der Regel ist sprachliche Höflichkeit mit der jeweiligen Kommunikationssituation und Textfunktion vereinbar. Wie aber verhält sich ein von Höflichkeitsroutinen geprägter Sprecher, wenn diese Vereinbarkeit nicht gegeben ist? Der vorliegende Beitrag befasst sich mit dem sprachlichen Dilemma des Verfassens eines Erpresserbriefs, das sich aus dem Gegensatz zwischen erpresserischem Inhalt und gewohnter schriftsprachlicher Höflichkeit ergibt. Anhand einer umfangreichen Stichprobe aus der BKA-Tatschreibensammlung wurden Formen von Höflichkeit in Erpresserbriefen empirisch untersucht, Erklärungsansätze entwickelt und die Ergebnisse hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit in der forensischen Autorenerkennung überprüft.

Politeness is a pervasive phenomenon in our everyday lives, expressing itself not only in our non-linguistic behaviour, but also in our oral and written communication. Usually linguistic politeness is compatible with the communication situation and text function in question. However, how does a speaker used to using politeness routines behave in the absence of this compatibility? This article is concerned with the linguistic dilemma of writing a blackmail letter, a dilemma which results from the contrast between criminal contents and the politeness associated with written language. On the basis an extensive sample from the Federal Bureau of Criminal Investigation's collection of letter, forms of politeness in blackmail letters were examined empirically, initial explanations developed and the results scrutinised with regard to their applicability in forensic author recognition.


Margret Selting

Fallbögen im Dresdenerischen

Abstract

Das Papier beschreibt eine saliente Kontur des Dresdenerischen, die Gericke (1963) 'Fallbogen' genannt hat. Die Kontur wird strukturell und funktional analysiert. In der Strukturanalyse werden sowohl die phonetische Form der Kontur  als auch die Zuordnung der Töne zu den Silben der Intonationsphrase beschrieben.  In der Funktionsanalyse wird die Verwendung der Kontur im konversationellen Kontext untersucht. Der Fallbogen wird rekonstruiert als eine Kontur, die verwendet wird zur Signalisierung von Emphase und erhöhter emotionaler Beteiligung im Gespräch. Die Analyse wird validiert, indem gezeigt wird, dass sich Rezipienten in ihren Folgereaktionen an der rekonstruierten interaktiven Bedeutung der Äußerungen mit dem Fallbogen orientieren.

This article describes a salient intonation contour of the Dresden urban vernacular which Gericke (1963) called 'Fallbogen' (falling curve). The contour is described both structurally and functionally. The structural analysis describes the phonetic trajectory of the contour and the phonological structure and alignment of the contour with the syllables of the utterance. In the functional analysis, the use of the contour is investigated in its conversational context. The 'Fallbogen' is reconstructed as a contour which is deployed in order to signal and constitute emphasis and heightened emotive involvement in talk-in-interaction; this analysis is validated with recourse to recipients' responses in the utterances following the use of the 'Fallbogen' contour.