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Wir Schnupperkinder

Schon seit Mitte der achtziger Jahre kündigte es sich an, und inzwischen ist es nicht mehr zu leugnen: Wir alle leben in einem Zeitalter des Schnupperns und sind zu Mitgliedern einer Generation der Schnupperer gemacht worden.

Vermutlich wurde die spezifisch moderne Form der Schnupperei von den Sprachgestaltern in den Werbebüros für uns erdacht. Und am Anfang klang das alles zunächst ja auch ganz hübsch und originell mit den Schnupperangeboten zu Schnupperpreisen im Rahmen von Schnupperbesuchen, Schnuppertagen oder gar Schnupperwochen. Inzwischen wird nun allenthalben geschnuppert, ob im Sektor Reisen (Schnupperfahrt, Schnupperkur, Schnuppertourismus) oder Bildung (Schnupperkurs, Schnupperstudium, Schnuppervorlesung), ob bei Parteien (Schnuppermitgliedschaft, Schnupperquote) oder Sportverbänden (Schnuppertauchen, Schnuppertraining).

Versuchen wir, die Schnupperei auf den semantischen Punkt zu bringen, so soll wohl offenbar überall dort kräftig geschnuppert werden, wo uns jemand entweder etwas gern verkaufen möchte oder zu etwas überreden respektive von etwas überzeugen will, von dem wir noch nicht so recht angetan sind. Schnuppern also im Umfeld moderner Werbestrategien, und zwar im Sinne von »sich eine Sache mal anschauen, sie ausprobieren, es mit ihr mal versuchen, um sie (besser) kennenzulernen«.

Das herkömmliche Schnuppern war (und ist) zunächst wohl vorrangig eine tierische Angelegenheit. Das Tier zieht, wie wir wissen, beim Schnuppern in schnell aufeinander folgenden Zügen tief Luft durch die Nase ein, um einen Geruch gut, besser oder besonders intensiv wahrnehmen zu können. Von den Tieren haben wir Menschen etwas davon übernommen. Auch wir schnuppern bisweilen mit der Nase in der Luft herum, vornehmlich dann, wenn es etwas Ungewöhnliches, etwas Gutes oder etwas Widerwärtiges zu riechen gibt. Und - das nun aber schon in einem übertragenen Sinne - wir »beschnuppern« uns gegenseitig, um uns besser kennenzulernen. Allenfalls von hier aus läßt sich die Brücke zur neuen, oben beschriebenen Form der modernen Schnupperei schlagen. Zu konstatieren wäre für unsere Zeit also zum einen eine deutliche Bedeutungs- und zum anderen eine bemerkenswerte Verwendungserweiterung des Verbs schnuppern, die sich vorrangig an den vielen neuen substantivischen Zusammensetzungen mit Schnupper- ablesen läßt.

Damit sind wir im Arbeitsbereich des Lexikographen, des Wörterbuchmachers also, angekommen. Er hat unter anderem solche Neuentwicklungen aufzuspüren (zu erschnuppern!), und im Wörterbuch zu beschreiben. Das jüngst (mit dem abschließenden Band 8 vollständig) erschienene »Große Wörterbuch der deutschen Sprache« registriert das neue Schnuppern zwar knapp und korrekt. Leider sagt es seinen Benutzern aber weder, daß es sich dabei um ganz neue lexikalische Entwicklungsvorgänge handelt, noch macht es sie auch nur annähernd mit der Fülle der heute häufig verwendeten Schnupper-Komposita vertraut. Bedauerlich ist das natürlich für jeden Benutzer dieses »großen« Wörterbuches, vor allem wohl aber für diejenigen, die mit dem jüngeren deutschen Sprachgeschehen weniger vertraut sind, beispielsweise die deutschsprechenden oder die deutschlernenden Ausländer.

In den im IDS zur Verfügung stehenden Sprachkorpora lassen sich für die Jahre seit 1990 mehr als vierzig Schnupper-Komposita ermitteln, von denen inzwischen etwa ein Viertel aufgrund der Belegungshäufigkeit als im heutigen Sprachgebrauch (zumindest vorläufig) etabliert gelten kann.

Eruiert wurden diese Daten im Umfeld eines neuen Wörterbuchprojektes am IDS, das die jüngsten Wortschatzentwicklungen im Deutsch der neunziger Jahre beschreiben wird. Das geplante Neologismenwörterbuch des IDS wird mit Sicherheit auch das neue Schnuppern differenziert beschreiben. Allerdings wird es, auch das kann man heute schon mit Sicherheit sagen, kein Schnupperwörterbuch zum Schnupperpreis werden.

Michael Kinne, Mannheim