Abstracts Deutsche Sprache 1/95

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Ernst Otto Gerke

Meinen - Verstehen - Verständigung

Zu den Verstehenskonzeptionen von H. Paul Grice, Jürgen Habermas, Hans Hörmann und Friedrich D. E. Schleiermacher

Abstract

Für das interpretative Verfahren, mit dem das Zusammenspiel von allgemeiner Sprachkonvention und situationsabhängiger Sprecherintention bei der Konstituierung von Äußerungsbedeutungen methodisch analysiert werden kann, liefert die Bedeutungs- und Verstehenskonzeption von Grice nur eine relativ schwach entwickelte Anleitung. Eine gründlichere sprachtheoretische Ausarbeitung der Problemstellung findet sich bei Habermas, der das Verstehensproblem als ein hermeneutisches Problem der Vermittlung von universalistischem und empirischem Aspekt in der Analyse verständigungsorientierter Kommunikation charakterisiert. Problematisch wird sein Entwurf, wenn dessen formalpragmatische Konzeptualisierung die hermeneutische Problemstellung in der Analyse kommunikativen Handelns auf 'Rekonstruktion' von Standardbedingungen möglicher Verständigung reduziert und die postulierte Verknüpfung mit der empirischen Komponente sprachlicher Kommunikation methodologisch ungeklärt läßt. Abschließend wird gezeigt, wie die Frage nach einem empirisch-hermeneutischen Verfahren, das geeignet ist, zwischen den intersubjektiv geteilten virtuellen Voraussetzungen der Kommunikation und den aktuellen sinnkonstituierenden Leistungen der kommunizierenden Individuen methodisch zu vermitteln, von der sprachpsychologischen Bedeutungs- und Verstehenskonzeption Hörmanns beantwortet wird, die mit ihren Grundannahmen auf die Methodologie der Differenzüberwindung in der Hermeneutik Schleiermachers verweist.

Grice's conception of meaning and understanding provides only a relatively poorly developed method for comprehending the interpretative process by means of which the interplay of the general conventions of language and situationally-determined speaker intentions are analysed in the constitution of utterance meaning. A more thorough linguistic analysis of the problem is to be found in the work of Habermas, who characterizes the problem of understanding as a hermeneutic problem of the transmission of universal and empirical aspects in the analysis of communication. His model becomes problematical at the point where its formal pragmatic conceptualisation reduces the hermeneutical problem in the analysis of communicative acts to the 'reconstruction' of standard conditions for possible understanding, without giving a methodological explanation of the postulated connection with the empirical component. Finally it is shown how the question of an empirical-hermeneutical method of mediating between the intersubjective virtual preconditions for communication on the one hand and the actual performance of communicating individuals which constitutes meaning on the other is answered by Hörmann's psycholinguistic concept of meaning and understanding, the basic tenets of which refer to the methodology of overcoming the gap between the author and the reader in Schleiermacher's hermeneutics.


Frans H. von Eemeren / Rob Grootendorst / Manfred Kienpointer

Normen rationaler Argumentation und Komplikationen ihrer Anwendugn und Befolgung

Abstract

Für die rationale Auflösung von Meinungsverschiedenheiten haben Van Eemeren/Grootendorst zehn Normen für argumentative Dialoge entwickelt und explizit formuliert. Hinsichtlich der Anwendung und Befolgung dieser Normen sind eine Reihe von Problemen zu lösen: solche 1. Ordnung, die die jeweilige Abgrenzung korrekter und trugschlüssiger Argumentatiosformen betreffen, solche 2. Ordnung, die die Bereitschaft der Argumentierenden betreffen, die Normen auch tatsächlich zu befolgen, also psychische Dispositionen, Persönlichkeitsmerkmale und Basisüberzeugungen der DiskussionspartnerInnen, und schließlich solche 3. Ordnung, die es mit realen gesellschaftlichen Institutionen zu tun haben, die die Befolgung der Normen erleichtern oder erschweren, z.B. soziale Hierarchien, Machtpositionen, Erziehungssysteme. Diese Probleme werden am Beispiel der Norm 'Wer einen Standpunkt vorbringt, ist verpflichtet, ihn auf Verlangen zu verteidigen' ausführlich diskutiert und es werden verbale Techniken vorgeschlagen, die die Anwendung und Befolgung der Norm auch in problematischen Kontexten ermöglichen oder zumindest erleichtern.

Van Eemeren/Grootendorst developed and formulated ten rules which make up a relational procedure for overcoming differences of opionion. In applying and following these rules, certain problems have to be solved: problems of the first order are those concerning the distinction between correct and inadmissible forms of argumentation; problems of the second order are those concerning the willingness of participants to adhere to the rules, in other words concerning the psychological disposition, personality features and basic convictions of the parties in a discussion; problems of the third order, finally, are those relating to social institutions which make it easier or more difficult to adhere to the rules, e.g. social hierarchies, positions of power, educational systems. These problems are discussed in detail using the rule: 'A party that advances a standpoint is obliged to defend it if the other party asks him do so'. Verbal techniques are suggested which make it possible or at least easier to apply and adhere to this rule even in difficult circumstances.


Gisela Zifonun

Minima Grammaticalia: Das nicht-phorische es als Prüfstein grammatischer Theoriebildung

Abstract

Anhand eines grammatischen Details werden deskriptive und generative Beschreibungsansätze miteinander verglichen. Drei verschiedene Typen des nicht-phorischen eswerden im Hinblick auf die grammatischen Dimensionen 'Stellung', 'Festigkeit' und 'Komplement-Assoziation' beschrieben; das jeweilige Profil des Typs wird festgelegt. In generativen Lösungen geht es primär um den Subjektstatus der es-Typen und damit allgemeiner um die umstrittene Annahme einer strukturellen Subjektposition im deutschen Satz. Es wird gezeigt, daß nicht-phorisches es im allgemeinen nicht als Besetzung einer strukturellen Subjektposition in Frage kommt. Entsprechende generative Lösungen stehen im Widerspruch zum deskriptiv ermittelten grammatischen Profil von es.

Descriptive and generative approaches are compared to one another on the basis of a grammatical detail. Three different types of non-phoric es are described with reference to the grammatical dimensions of 'position', 'firmness' and 'complement association' and the profile of each type is determined. In generative solutions the discussion is primarily about the subject status of the es-types and thus more generally about the disputed assumption of a structural subject position in German sentences. It is shown that non-phoric esgenerally cannot be viewed as occupying a structural subject position in German sentences. It is shown that non-phoric esgenerally cannot be viewed as occupying a structural subject position. Generative solutions which contain this view are in conflict with the grammatical profile of es established by descriptive analysis.


Michael Kotin

Probleme der Beschreibung der deutschen Verbalmorphologie: Zur Herausbildung der grammatischen Kategorie des Genus Verbi

Abstract

Die aktionale bzw. aspektuale Bedeutung der Passiv-Periphrasen im Gotischen und Frühalthochdeutschen läßt sich als binäre Opposition von kategoriellen Merkmalen "mutativ" (= Zustandswechsel) und "statal" (= Zustand), verteilt auf die Fügungen wairþan / uuerden und wisan / uuesan+ Part.Prät., beschreiben. Diese Opposition unterscheidet sich von der neuhochdeutschen Gegenüberstellung von Vorgangspassiv und Zustandspassiv durch eine Reihe wesentlicher Kennzeichen - vor allem durch die auf die entsprechenden Verba finita zurückgehenden aktionalen Bedeutungen sowie durch eine sehr weite Bedeutung des Merkmals "statal" im Gotischen und Althochdeutschen, die sowohl das Merkmal "resultativ" als auch das Merkmal "durativ" umfaßt. Die Auxiliarisierung der Verba finita führt zur Erweiterung des aspektualen Bereichs der "werden"-Fügung auf die "durativ-statale" Aspektualität, welche früher durch die "sein"-Konstruktion ausgedrückt wurde. Dieser Prozeß setzt bereits im Spätalthochdeutschen ein und gelangt im Mittelhochdeutschen zur vollen Ausprägung. Er bedingt die jahrhundertelange Konkurrenz zwischen der "werden"- und der "sein"-Fügung beim Ausdruck passiver Bedeutungen. Im Ergebnis dieser Entwicklung bildet sich allmählich die moderne Opposition von Vorgangspassiv (werden-Fügung) und Zustandspassiv (sein-Fügung) heraus, wobei nur letzteres die aspektuale Markiertheit (+ resultativ) beibehält, während das werden-Passiv aspektual unmarkiert ist.

The actional or aspectual meaning of passive constructions in Gothic and Old High German can be described as a binary opposition of the categories 'mutative' (= change of state) and 'statal' (= state) distributed over the constructions wairþan / uuerdan and wisan / uuesan + past participle. This opposition differs from the New High German distinction between sein-passive and werden-passive in a number of essential features - especially in the actional meanings, which go back to the corresponding finite verbs, and in the very wide meaning of the feature 'statal' in Gothic and Old High German, which includes both the features 'resultative' and 'durative'. The auxiliarisation of the finite verbs leads to a widening of the aspectual coverage of the werden-construction to include 'durative-statal' aspectuality, which was formerly expressed by the sein-construction. This process starts in the late Old High German period and reaches ist full extent by Middle High German times. It is the cause of the century-long competition between the werden- and sein-constructions in the expression of passive meaning. This development gradually leads the modern opposition between the werden-passive and the sein-passive, in which only the latter retains the aspectual marking (+ resultative), whereas the werden-passive is aspectually unmarked.


Klaus Welke

Komposition und Derivation

Kompositionstheorie der Affigierung oder Derivationstheorie der Komposition?

Abstract

Bei dem Versuch, die traditionelle Unterscheidung von Komposition und Derivation zu verteidigen, ergibt sich als Hauptangriffspunkt gegen wortsyntaktische Theorien der Wortbildung die Auffassung der Zeichenoperationen (Wortoperationen) als Zeichenkombinationen und die Übertragung dieser Auffassung aus der Syntax in der Morphologie. Diese Sichtweise ist aus dem klassischen Strukturalismus und der klassischen Semiotik überkommen, aber auch bereits in der traditionellen Grammatik und Wortbildung anzutreffen. Sie wird in wortsyntaktischen Arbeiten unhinterfragt hingenommen. Wenn Wortoperationen und Wortbildung generell als Zeichenkombinationen beschrieben werden, so folgt daraus, daß Derivation auf der Basis von Komposition beschrieben wird. Wir drehen dieses Verhältnis um und behaupten, daß Komposition auf der Basis von Derivation beschrieben werden sollte, also als Wortabwandlung, konkret als Inkorporation. Damit ergibt sich folgende Unterscheidung von Syntax und Morphologie: Syntax ist Wortkombination (bzw. Inkorporation auf Wortgruppen- bzw. Satzbasis). Morphologie ist Wortabwandlung. Komposition ist im weiteren Sinne Wortabwandlung und im engeren Sinne Wortabwandlung durch Inkorporation auf Wortbasis.

In the attempt to defend the traditional distinction between composition and derivation, the main target for an attack on syntactic theories of word-formation is the view that sign operations (word operations) are combinations of signs and the transfer of this view from syntax to morphology. The view is adopted from classical structuralism and classical semiotics, but is also to be found in classical grammar and word-formations. If word operations and word-formation in general are described as combinations of signs, it follows that derivation is described on the basis of composition. We turn this relationship round and maintain that composition should be described on the basis of derivation, i.e. as word modification, specifically as incorporation. This leads to the following distinction between syntax and morphology: syntax is word combination (or incorporation within the unit of the phrase or the sentence). Morphology is word modification. Composition in the broader sence is word modification and in the narrower sense word modification by means of incorporation within the unit of the word.