Abstracts Deutsche Sprache 3/94

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Arend Mihm

Zur Kulturgebundenheit narrativer Strukturen

Expositionen in deutschen und japanischen Alltagserzählungen

Abstract

Da textlinguistische Regeln häufig über die historische Einzelsprache hinaus Gültigkeit besitzen, unterliegen sie vorschnellen Universalitätsannahmen oder werden nicht auf ihre Reichweite hin überprüft. Bei der Kontrastierung von Alltagserzählungen zweier moderner Kultursprachen, die linguistisch unverwandt und historisch relativ wenig voneinander beeinflußt sind, zeigen sich gravierende Unterschiede in den Textkompositionsregeln. Sie betreffen insbesondere die textuelle Fokusfestlegung, die Raumorientierung, die kausale Verknüpfung und den Spannungsaufbau. Grundlage des Vergleichs bilden zwei jeweils 36 Texte umfassende Korpora, in denen japanische und deutsche Studentinnen von Verkehrsunfällen erzählen.

Die Entwicklung kulturspezifische divergierender Erzählregeln bei den Studentinnen der beiden Länder wird als Anpassung an unterschiedliche thematische und interaktive Hörererwartungen interpretiert, die ihrerseits in der jeweiligen gesellschaftlichen Kommunikationsgeschichte ihren Ursprung haben.

As the rules of text linguistics are frequently valid across the boundaries of individual languages, it often happens that they are mistakenly supposed to be universal or that the extent of their validity is not checked. The contrast of two modern languages which are linguistically unrelated and which historically have had relatively little influence on one another reveals consederable differences in the rules of text composition. These differences apply in particular to the placement of focus, spatial orientation, causal connections, and the use of suspense. The comparison is based on two corpora of 36 texts each, in which Japanese and German students talk about road accidents.

The development of culturally divergent rules of narrative in the contribution of the students from these two countries is interpreted as evidence of adaptation to differing thematic and interactive expectations on the part of listeners, which themselves have their origins in the history of communication in the two societies.


Christiane Thim-Mabrey

Eingeschränkt akzeptable Anführungssätze

Abstract

Unter der Bezeichnung "eingeschränkt akzeptable Anführungssätze" werden Belege für nachgestellte Anführungssätze zusammengefaßt, die sich dem in einer Redewiedergabe vorgegebenen Rahmen nicht vollständig einfügen, weil sie bestimmte semantische und syntaktische Eigentümlichkeiten aufweisen. An den Belegen läßt sich zeigen, daß diese Sätze darüber hinaus auch unter dem Einfluß von Faktoren stehen, die sich stabilisierend auf das Verstehen der Gesamtkonstruktion auswirken. Insbesondere sind dies die Nachsatzstellung sowie die textkomprimierende Funktion der Anführungssätze. Auf das Wirken der stabilisierenden Faktoren ist es zurückzuführen, daß die fraglichen Anführungssätze trotz feststellbarer Einschränkungen offenbar noch als akzeptabel empfunden und in bestimmten Textsorten und Stiltypen als Ausdrucksmöglichkeit verwendet werden.

The term "commentary clauses of restrictes acceptability" is used to group together commentary clauses which are not completely integrated into the framework of the direct or indirect speech they are connected with because of certain semantic and syntactic peculiarities contained in them. The corpus for the study shows that these clauses are also affected by factors which have a stabilising commentary clauses following the direct or indirect speech and their function of compressing text. Thanks to these stabilising factors, the commentary clauses studied here are felt to be acceptable in spite of clear restrictions, and are used in certain text types and styles as a means of expression.


Josef Schu / Stephan Stein

Lexikalische Gliederungssignale in spontan gesprochener Sprache: Mehr Fragen als Antworten?

Rainer Rath zum 60. Geburtstag

Abstract

In der Gesprochene-Sprache-Forschung wurden verschiedene Konzepte entwickelt, um Sprecherbeiträge in kleinere Einheiten zu gliedern. Ausgehend vom Konzept der "Außerungseinheit", das hauptsächlich auf dem Gebrauch lexikalischer Gliederungssignale beruht, wird versucht, den Gebrauch lexikalischer Gliederungssignale auf Sprecher- und Situationsmerkmale zu beziehen. Einen systematischen Zusammenhang lassen die untersuchten empirischen Daten nicht erkennen. Aus der heterogenen Verteilung lexikalischer Gliederungssignale ziehen die Verfasser den Schluß, daß die Syntax in die Gliederung gesprochener Sprache einzubeziehen ist.

In research on spoken language, different concepts have been developed for the segmentation of turns into smaller units. Using the concept of "utterance unit" ("Äußerungseinheit"), which relies mainly on the use of discourse particles as segmentation cues, an attempt is made to relate the use of these cues to features of speakers and situations. However, a systemataic connection is not to be found in the empirical data investigated. Since segmentation cues are distributed heterogeneously, the authors draw the conclusion that syntax has to be included in the segmentation of spoken language.


Klaus Willems

weil es hat mit Bedeutung nicht viel zu tun ...

Zum Sprachwandel einer Konjunktion

Abstract

Der Beitrag ist eine kritische Analyse der von Rudi Keller vorgeschlagenen Erklärung für den angeblichen Bedeutungswandel der Konjunktion weilim heutigen Deutsch. Dafür, daß in der gesprochenen Sprache nach weil immer öfter Hauptsatzwortfolge vorkommt, führt Keller vor allem metaphorische und epistemische Gründe an. Der Beitrag weist nach, daß diesem Erklärungsversuch einige Verwechslungen und mangelhafte Unterscheidungen zugrundeliegen, die sich auf die Sprachbedeutung, Logik, Bezeichnung, Kenntnis der Welt und die außersprachliche Wirklichkeit beziehen. Sie sind in einer epistemologischen Reflexion der Linguistik zu klären, in der auch sprachhistorische Betrachtungen ihren Platz haben müssen.

This article is a critical analysis of the explanation offered by Rudi Keller for the alleged change in the meaning of the conjunction weil in modern German. Keller explains the fact that weilis followed more and more frequently by main clause word order by reference to metaphorical and epistemic reasons. The present article shows that this explanation suffers from confusion and inadequate differentiation in a number of points, viz, linguistic meaning, logic, onomasiology, knowledge of the world and extralinguistic reality. These points can be clarified by an epistemological reflexion on linguistics, in which aspects of language history must also play a role.