Abstracts Deutsche Sprache 1/13

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Arnulf Deppermann / Hardarik Blühdorn

Negation als Verfahren des Adressatenzuschnitts: Verstehenssteuerung durch Interpretationsrestriktionen

Abstract

Der vorliegende Aufsatz untersucht, wie Negationen in Gesprächen verwendet werden können, um Interpretationen des Sprecherhandelns durch den Partner zu beeinflussen und zu steuern. Zunächst werden die dafür benötigten theoretischen und methodischen Werkzeuge vorgestellt: die interaktionsanalytischen Konzepte des Adressatenzuschnitts und des common ground (CG), Grundzüge der Syntax und Semantik der Negation sowie ihre Funktionsweise als Verfahren zur Abwahl von Annahmen erster, zweiter und dritter Ordnung. Im empirischen Teil wird im Einzelnen gezeigt, wie Negationen genutzt werden, um im Gesprächsverlauf prospektiv und retrospektiv die Deutung von Sprecherhandlungen durch den Adressaten zu beschränken. Die interaktionalen Motivationen und die rhetorischen Potenziale des Einsatzes von Negationen zur Interpretationsrestriktion werden aufgezeigt. Die Analyse demonstriert die Notwendigkeit einer differenzierenden Sicht auf das Konzept des Adressatenzuschnitts.

This paper investigates how speakers in conversation use negation as a means of guiding and fine-tuning interpretations of their actions by the partner. First, theoretical and analytical instruments required for this purpose are presented: the concepts of 'recipient design' and 'common ground' (CG) from conversation analysis and pragmatics, basic properties of the syntax and the semantics of negation and its potentials to cancel first, second and third order assumptions in discourse. In the empirical sections, we show how speakers use negation to constrain the interpretation of their turns by partners both prospectively and retrospectively. Interactional motivations and rhetorical potentials of the practice are pointed out. The analysis shows that the concept of 'recipient design' is in need of distinctions which have not been in focus in prior research.


Andrea Golato

Reparaturen von Personenreferenzen

Abstract

Diese konversationsanalytische Studie untersucht die Funktion von unterschiedlichen Reparaturinitiierungen in alltäglichen deutschen Gesprächen. Hierbei geht es um wer., wer is, wer is nochmal, welcher und was für bei der Personenreferenzreparatur. Jede dieser Initiierungen kommuniziert, was der Rezipient einer Referenz bereits verstanden hat, und signalisiert, was genau repariert werden muss, damit Intersubjektivität (wieder) hergestellt wird. Zusätzlich kann man an den Frageworten und am Design der Turns, in die sie eingebettet sind, wie auch am Turn-Design des Antwortturns erkennen, wem die Gesprächspartner die Verantwortung für das Verstehensproblem geben.

Using conversation analytic methodology, this article analyzes the function of different repair initiators in everyday German conversation. Specifically, the repair initiatiors wer. 'who.', wer is 'who is', wer is nochmal 'who is X again', welcher 'which', and was für 'what x' are discussed as they are used for repairing person reference. Each repair initiator articulates what the recipient of a reference term has understood and makes clear what specifically needs to be addressed for intersubjectivity to be established. In addition, the repair initiators and the design of the turn in which they are embedded as well as the turn-design of the response give insight into who the coparticipants consider to be at fault for the problem of mutual understanding.


Wolfgang Imo

"Aneinander vorbei reden" - Wenn kommunikative Projekte scheitern

Abstract

In dem vorliegenden Beitrag soll anhand einer detaillierten Rekonstruktion zweier Radio-Anrufsendungen (einer 'seriösen' psychologischen Beratungssendung und einer Talksendung) gezeigt werden, wie durch die mangelnde Passung der 'kommunikativen Projekte' (Linell 2009, 2012) der Anrufer/innen mit denen der Beraterin bzw. des Moderators in Laufe der Zeit eine Eskalation entsteht, die schließlich zum Abbruch der Gespräche und zum offenkundigen Äußern von Missfallen an der Interaktion führt. Besonders aufschlussreich ist dabei zu sehen, an welchen Stellen bereits erste Indizien für eine solche mangelnde Passung auftreten, noch bevor sie offensichtlich werden oder gar, als letzter Schritt, metakommunikativ behandelt werden. Verstehen wird hier als eine kollaborative Handlung betrachtet, die lokal immer wieder durchgeführt werden muss, um ein Scheitern von Interaktionen zu verhindern.

This paper will show on the basis of a detailed reconstruction of two radio phone-in formats (a 'serious' psychological counseling format and a talk format) how an escalation of the interactions is triggered and aggravated by 'communicative projects' (Linell 2009, 2012) of the callers and the counselor/host which do not ?fit? together properly. Both conversations are ended abruptly and are commented on by the callers and the counselor/host as unsatisfactory. A revealing insight is provided by the fact that the unsatisfactory ?fitting? of communicative projects can be observed quite early on in both conversations, even though they are not yet treated as such at these times but only later in the talk, when the problems of understanding are commented upon explicitly by the callers and the counselor/host. Understanding is shown to be a collaborative activity which has to be repeated persistently on a local level to avoid the break-down of communication.


Maxi Kupetz

Verstehensdokumentationen in Reaktionen auf Affektdarstellungen am Beispiel von 'das glaub ich'

Abstract

Der Beitrag behandelt die Frage, wie Verstehen in Reaktion auf Affektdarstellungen in der sozialen Interaktion dargestellt werden kann. Die Verwendung von das glaub ich ist eine mögliche Praktik, um in Reaktionen auf Affektdarstellungen Verstehen im Sinne von 'Ich kann Dich verstehen/Ich habe Verständnis für Deine emotionale Situation' zu behaupten. Weitere interaktive Leistungen wie Formulierungen oder Analogien werden vom Rezipienten benutzt, um Verstehen tatsächlich zu bekunden und somit Intersubjektivität explizit herzustellen. Durch die Verwendung von das glaub ich zeigen die Teilnehmer ihre Orientierung an einer Asymmetrie im Hinblick auf ihre jeweiligen 'experiential rights'. Wenn sich Teilnehmerinnen an einer Asymmetrie im Hinblick auf 'experiential rights' orientieren und Verstehen der emotionalen Situation des Anderen darstellen, dann kann von Empathiedarstellungen gesprochen werden.

The paper deals with the question of how participants show understanding in responses to affect displays in social interaction. It shows that the expression das glaub ich (I believe it) can be used to claim understanding. Further interactive work such as formulations or analogies may then be used by recipients to actually exhibit their understanding of the other person's emotional situation. These moments of explicit intersubjectivity come off as more empathic than mere claims of understanding. When an asymmetry in experiential rights is oriented to by the participants, and understanding of an emotional situation is displayed, this will be termed a 'display of empathy'.