Abstracts Deutsche Sprache 4/08

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Werner Abraham

TEMPUS- UND ASPEKTKODIERUNG ALS TEXTVERKETTER:
VORDER- UND HINTERGRUNDIERUNG

Abstract

Es werden erzählgrammatische Verkettungstechniken in vier Sprachen auf der Grundlage von Camus' "L'étranger" verglichen. Dabei gilt das besondere Augenmerk den grammatiksystematischen und lexikalischen Mitteln, die dem Romanischen im Gegensatz zum Germanischen zur Verfügung stehen. Die deutsche Übersetzung "Der Fremde" (durch U. Aumüller) geht mit dem Französischen völlig parallel, indem sie Camus' zusammengesetztes Präteritum (in unsystematischem Wechsel mit dem einfachen Präteritum, S(imple) P(ast)) verwendet. Funktionaler und stilistisch adäquater wäre es jedoch gewesen, das deutsche historische Präsens zu verwenden. Ich diskutiere Erzählsequenzen aus dem französischen Original (mit dem Erzähl-funktionalen Wechsel zwischen Passé simple, Imparfait und Passé composé) im Vergleich mit den Übersetzungen im (Englischen, Niederländischen und) Deutschen. Letzteres verfügt ja nicht über die Aspektmöglichkeiten des Französischen um den Ereignisfortschritt/Vordergrundierung (über PS) gegenüber dem Kommentar und Ereignishintergrund (über Imparfait) voneinander zu trennen. Da das Deutsche über die eleganten morphologischen Aspektanzeigen und damit die Trennungsmöglichkeiten von Vorder- gegenüber Hintergrundierung nicht verfügt, sollen die außerverbalen Mittel (Zeitadverbiale, Nebensätze, kausale-konzessive-hypothetische Verknüpfungen u.a.) als Kompensationsmittel im Deutschen diskutiert werden ebenso wie der Umstand, dass das deutsche historische Präsens Camus' französischen Passé composé funktionaler wiedergibt als Aumüllers Entscheidung für das zusammengesetzte Präteritum, mit dem er die Parallele zum Französischen bloß oberflächlich herstellt, ohne damit Vorder- von Hintergrundierung trennen zu können.

This article compares the concatenation techniques of narrative grammar in four languages on the basis of Camus' "L'étranger". Special attention is paid to the systematic grammatical and lexical means which the Romance languages have at their disposal in contrast with the Germanic languages. The German translation "Der Fremde" (by U. Aumüller) is completely parallel to the French original, retaining Camus' compound preterite (in unsystematic alternation with the preterite, s(imple) p(ast)). It would, however, have been more functional and stylistically more adequate to use the German historical present. I discuss narrative sequences from the French original (with the narrative-functional alternation between passé simple, imparfait and passé composé) in comparison with the translations in (English, Dutch and) German. The latter does not have the same range of possibilities for distinguishing aspect as French in relation to the progress of events/foregrounding (by means of the PS) compared with comments and event backgrounding (by means of the imparfait). Since German does not have these elegant morphological means of expressing aspect and thus distinguishing foregrounding and backgrounding, compensating means other than verbs (adverbials of time, subordinate clauses, causal concessive hypothetical links, etc.) in German are discussed, along with the fact that the German historical present translates Camus' French passé composé more functionally than Aumüller's choice of the compound preterite, as the latter gives only a superficial parallel with French, being unable to distinguish foregrounding and backgrounding.


Elke Donalies

Sandstrand, sandy beach, plage de sable, arenile, piaskowy pla?a, homokos part
KOMPOSITA, DERIVATE UND PHRASEME DES DEUTSCHEN IM EUROPÄISCHEN VERGLEICH

Eine Sprache ist ein äußerst komplexes Instrument
zur Lösung äußerst komplexer Probleme.

Keller 1995, S. 180

Abstract

Beschrieben werden die Bedingungen kombinatorischer Begriffsbildung im europäischen Vergleich. Die Grundfrage dabei ist: Mit welchen kombinatorischen Mitteln versprachlichen deutsche Sprecherschreiber typischerweise Begriffe? Stehen typischerweise deutsche Komposita wie Sandstrand europäischen Derivaten gegenüber wie ital. arenile bzw. europäischen Phrasemen wie engl. sandy beach, frz. plage de sable, poln. piaskowy plaza, ungar. homokos part?

This article compares the conditions of compound concept formation in European languages. The basic question is: which means are typically used by German speaker-writers to form compound concepts? Do German compounds such as Sandstrand typically correspond to derivatives such as Ital. arenile in other European languages, or to phrases such as Engl. sandy beach, Fr. plage de sable, Pol. piaskowy plaza and Hung. homokos part?


Güler Mungan

PARTIKEL- UND PRÄFIXSUBSTANTIVA
Eine analytische Fallstudie zu deren Morphologie und Semantik

Abstract

Die dem Simplex vorgesetzten Partikeln und Präfixe beeinflussen den semantischen Inhalt des Simplex maßgeblich und die aus diesen abgeleiteten deverbalen Partikel- und Präfixsubstantiva widerspiegeln diese Sachlage. Ausgehend von dieser Grundlegung wird dieser Sachverhalt anhand von vier Simplizia, nämlich fallen, geben, legen, setzen und drei präfigierenden Verbzusätzen auf-, durch-, ver- exemplarisch dargestellt, wobei als deverbale Substantiva, wegen ihrer Häufigkeit und hohen Produktivität, die Bildungen durch die Suffixe -ung, -er, -e sowie die Nullmorphembildungen gewählt werden. Als Korpus dient das sechsbändige "Deutsches Wörterbuch" von Brockhaus/Wahrig. Die dort befindlichen 82 Substantiva werden semantisch analysiert und den zwei semantischen Kategorien abstrakten Inhalts, bezeichnet als Nomina actionis, Nomina acti und den fünf konkreten Inhalts, bezeichnet als Nomina patientis/facti, Nomina instrumenti, Nomina subjecti bzw. agentis, Lokativa und Kollektiva, zugeordnet. Die Ergebnisse werden in Tabellen zusammengefasst. Den Tabellen ist u.a. zu entnehmen, dass nicht jedes Simplexverb zur Substantivierung gleichermaßen geeignet ist, das Substantivierungspotential auch von dem präfigierenden Verbzusatz abhängt, die semantische Hauptfunktion des Suffixes -ung die Bildung von N. actionis ist, der Anteil der Abstrakta bei den Nullmorphem- und -e-Bildungen etwa 60 % beträgt, und schließlich, dass die Hauptfunktion des Suffixes -er die Bildung von N. subjecti/agentis ist.

Particles and prefixes preceding the simple verb have a decisive effect on its semantic content, and particle and prefixed nouns derived from such verbs reflect this state of affairs. These deverbal nouns are analysed on the basis of four simple verbs, fallen, geben, legen and setzen, and three particles/prefixes, auf-, durch- and ver-, using deverbal nouns with the suffixes -ung, -er, -e and the zero-morpheme because of their frequency and high productivity. The corpus for this study is provided by the six-volume Brockhaus/Wahrig "Deutsches Wörterbuch". The 82 nouns found there are analysed semantically and assigned to the two abstract semantic categories, nomina actionis and nomina acti, and the five concrete categories, nomina patientis/facti, nomina instrumenti, nomina subjecti or agentis, locative and collective nouns. The results are summarised in tables. The tables show among other things that all simple verbs are not equally suitable for nominalisation, that the nominalisation potential is affected by the verb prefix, that the main semantic function of the suffix -ung is the formation of nomina actionis, that formations with the zero-morpheme and the prefix -e account for about 60% of the abstract nouns, and finally that the main function of the suffix -er is the formation of nomina subjecti/agentis.


Nader Haghani

ZUR ENTWICKLUNG DES FACHES DEUTSCH ALS AKADEMISCHE DISZIPLIN IM IRAN

Abstract

Die wechselseitige Wirkung politischer und wirtschaftlicher Faktoren, welche die Beziehungen zwischen Deutschland und Iran prägen, münden im Falle des Deutschen in eine nicht ausformulierte Sprachenpolitik, die den jeweiligen Umständen entsprechend immer neu definiert werden musste. Diese Konstellation schlägt sich auch auf die Konzeption der nicht zuletzt universitären Lehrpläne nieder. Wenn man bedenkt, dass Curriculumentscheidungen aufs Engste mit den bildungsorientierten Lehrzielsetzungen eines Landes und den praktischen Lernererwartungen verbunden sind und dass die Erwartungen auf beiden Seiten nicht restlos erfüllt werden können, erscheint die Ausarbeitung eines Konsens umso notwendiger. Wie dieser Konsens im iranischen Kontext ausfällt, soll im vorliegenden Beitrag am Beispiel des Deutschangebots an den Universitäten Teheran, Isfahan und Azad, und zwar im Vorfeld der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen veranschaulicht werden.

The political and economic factors which shape relations between Germany and Iran have, in the case of the German, resulted in an inadequately formulated language policy which has had to be redefined according to the circumstances of the moment. This constellation has also affected university curricula. When one considers that curriculum decisions are closely connected to the educational objectives of a country and that the expectations on both sides cannot be completely fulfilled, it is clear that it is necessary to work out a consensus. How this consensus can be achieved in the Iranian context is illustrated in this article using the example of the German programmes at the universities of Tehran, Isfahan and Azad against the background of political and economic relations.