Abstracts Deutsche Sprache 2/08

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Maria Thurmair

Mei, der Hans und die Brigitte!

Eine formale und funktionale Analyse der bayerischen Partikel mei

Abstract

Der folgende Beitrag untersucht anhand eines Korpus Form und Funktion der Partikel mei. Diese wird als Interjektion kategorisiert, ihre intonatorischen Eigenschaften und das Stellungsverhalten werden analysiert. An den unterschiedlichen Vorkommen (nach Sprecherwechsel vor verschiedenen Satzmodi und turnintern) wird gezeigt, dass mei in allen Verwendungen die Grundbedeutung 'Unabänderlichkeit' trägt, die - je nach Struktur und Beschaffenheit des Kontextes - zusätzliche Komponenten annehmen kann. Abschließend wird dafür argumentiert, dass mei eine (gesamt-)bayerische Partikel darstellt.

The following article examines the form and function of the particle mei on the basis of a corpus. Mei is categorised as an interjection, and its intonational characteristics and positional behaviour are analysed. The different occurrences (after speaker change before various sentence modes and within turns) demonstrate that in all its uses mei carries the primary meaning 'unalterability', which - depending upon the structure and type of context - can also take on additional components. Finally it is argued that mei is a (pan-)Bavarian particle.


Hilke Elsen

Kontaminationen im Randbereich der deutschen Grammatik

Abstract

Kontaminationen befinden sich in einem peripheren Bereich der Wortbildung, das wird auch durch die unterschiedlichen Bezeichnungen und Strukturierungsversuche deutlich. Im Folgenden werden die Kontaminationen anderen Wortbildungstypen gegenübergestellt und einige aktuelle Beispiele aus neueren Veröffentlichungen aufgeführt, um ihre Rolle in unterschiedlichen Wortschatzbereichen zu betrachten. Anschließend soll der Versuch gemacht werden, die Kategorie Kontamination unter prototypischen Gesichtpunkten zu strukturieren. Der Artikel dient als Anstoß zu einer parole-orientierten Betrachtungsweise von Grammatik.

Numerous terms and fruitless efforts of finding stringent regularities in structure show that blends belong to the periphery of German grammar. In this article, blends and other word formations will be contrasted and recent examples will be presented to examine the position of blends in various areas of the German lexicon. Subsequently, a prototypical structure of the category blending is suggested to initiate an analysis of grammar on the basis of actual language use.


Lingling Chang

Resultative Prädikate, Verbpartikeln und eine konstruktionsgrammatische Überlegung

Abstract

Resultative Prädikate im Deutschen verhalten sich in vielerlei Hinsicht ähnlich wie Verbpartikeln. Sie weisen viele morphosyntaktische und semantische Parallelitäten auf, wie Klammerbildung, Topikalisierung zusammen mit Partizip II, Argumentänderung der Basisverben usw. Viele von ihnen sind in unterschiedlichem Maße lexikalisiert und idiomatisiert wie frei/schuldig-sprechen, tot/nieder-schlagen usw. Eine semantische Ähnlichkeit zwischen resultativen Prädikaten und Verbpartikeln besteht darin, dass ein Resultatszustand in Resultativkonstruktionen durch ein resultatives Prädikat und in Partikelverbbildungen durch eine Verbpartikel eingebracht wird.
Auf Grundlage der Abbildung von Goldberg (1995, S. 189) wird eine Erklärung des konstruktionsgrammatischen Ansatzes für Resultativkonstruktionen und Partikelverbbildungen vorgeschlagen. Hierbei wird dargelegt, wie die Partizipanten-Rollen von den Konstruktionen eingebettet und lizenziert werden, wie das vom resultativen Prädikat oder von der Partikel eingebettete Patiensargument zuerst durch die Subjektanhebung und dann durch die Gleiche-NP-Tilgung oder durch die Argument-Unterdrückung lizenziert wird. Die vergleichbaren Eigenschaften der resultativen Prädikate und der Verbpartikeln sprechen eindeutig für eine Tendenz zur Komplexbildung von resultativen Prädikaten und Matrixverben, was eine Bereicherung der Wortbildung darstellt.

Resultative predicates in German behave similarly to verb particles in many ways. They exhibit numerous morphosyntactic and semantic parallels, like frame structure, topicalisation with the past participle, argument change in the base verbs, etc. Many of them are lexicalised and idiomatic in varying degrees, e.g. frei/schuldig-sprechen, tot/nieder-schlagen, etc. A semantic similarity between resultative predicates and verb particles exists in the fact that a resulting condition is brought about by a resultative predicate in resultative constructions and by a verb particle in particle-verb constructions.
The article suggests an explanation of the construction-grammar approach to resultative constructions and particle verb formations on the basis of the illustration by Goldberg (1995, p. 189). It is shown how the participant roles of the constructions are embedded and licensed by the constructions, how the patient argument embedded by the resultative predicate or the particle is licensed first by subject raising then by identical NP-deletion or argument suppression. The comparable characteristics of the resultative predicates and verb particles speak clearly for a tendency towards complex forms of resultative predicates and matrix verbs, which represents an enrichment of word-formation.


Britt-Marie Schuster

Verarmung oder Bereicherung der Schriftkultur?

Zur Beschreibung und Interpretation der Übergangsformen zwischen Parataxe und Hypotaxe im gegenwärtigen Printjournalismus

Abstract

In diesem Beitrag wird gezeigt, dass Übergangsformen zwischen Parataxe und Hypotaxe, die vorwiegend mit der gesprochenen Sprache assoziiert werden, im gegenwärtigen Printjournalismus, so in der politischen Berichterstattung von Der Spiegel, Die Zeit und STERN aus den Jahren 2005/6, keine Einzelerscheinung darstellen. Die einzelnen Formen werden klassifiziert, beschrieben und funktional interpretiert. Obwohl sie im Vergleich mit der politischen Berichterstattung in den 60er Jahren des 20. Jhs. deutlich zunehmen, handelt es sich, wie am Beispiel des politischen Essayismus gezeigt wird, nicht um eine neuartige Erscheinung, sondern um eine historisch tradierte Variante kommunikativen Schreibens, bei der die Ebene der grammatischen Wohlgeformtheit z.T. zugunsten der kommunikativen Gewichtung zurückgedrängt wird. Das Erstarken der Übergangsformen wird deshalb nicht als eine Reoralisierung gewertet, sondern als ein Hinweis auf eine Adaption bestimmter sprachlicher Techniken, die im schriftkulturellen Umfeld des Journalismus liegen und die, zwischen Nähe- und Distanztexten (i.S.v. Ágel/Henning 2006) positioniert, Bestandteil einer semi-oralen Vermittlungsvarietät sind. Die Einschätzung, ob wir es mit einer Verarmung oder Bereicherung der Schriftkultur zu tun haben, bleibt offen: Einerseits ist die Bereicherung von Informations- und Illokutionsstruktur begrüßenswert, andererseits scheint der Journalismus seine traditionelle Mittlerfunktion zwischen der privaten spontanen Schriftsprachlichkeit und der gehobenen Distanzsprachlichkeit partiell einzubüßen.

This article shows that transitional forms between parataxis and hypotaxis, which are predominantly associated with the spoken language, are not uncommon in contemporary print journalism, e.g. in the political reporting of Der Spiegel, Die Zeit and STERN from the years 2005/6. The individual forms are classified, described and interpreted functionally. Although they have clearly increased in comparison with political reporting in the 1960s, they are not a new feature, as is shown on the basis of political essays, but a historically documented variant of communicative writing, which at the level of the grammatical well-formedness is being pushed back partly in favour of communicative weighting. The increase in transitional forms is thus not rated as re-oralisation, but as a reference to an adaptation of certain linguistic techniques which belong to the culture of journalistic writing and which, located between proximity and distance texts (to use the terms of Ágel/Hennig 2006), are a component of a semi-oral intermediate variety. Whether this constitutes an impoverishment or an enrichment of the writing culture is a matter of judgment: on the one hand the enrichment of information and illocutionary structure is welcome, on the other hand journalism seems to a certain extent to be losing its traditional intermediary function between private, spontaneous writing and elevated distance forms.


Stefan Kühtz

Phraseologie in Fachtexten: Funktionen und analytisches Potenzial

Abstract

Im heutigen Verständnis umfasst der Phraseologismus-Begriff alle festgeprägten Wortverbindungen mit getrennt geschriebenen Formativen. Die sich daraus ergebende strukturelle und funktionale Vielfalt legt es nahe, Phraseologie als analytisches Instrument in der Textlinguistik zu nutzen. Am Beispiel von Fachtexten unterschiedlicher Fachlichkeitsgrade wird in diesem Beitrag gezeigt, dass zahlreiche sehr verschiedenartige Textmerkmale durch eine 'phraseologische Textanalyse' erfassbar und beschreibbar werden: So kommt Phraseologismen eine besondere Bedeutung bei der graduellen Ausprägung von Präzision, Fachlichkeit, Verständlichkeit und Expressivität zu; weiterhin sind textbildende, bewertende und konnotative Eigenschaften von Phraseologismen ertragreiche Untersuchungsfelder.
Art und Abfolge der eingesetzten Phraseologismen erweisen sich vielfach als typisch für eine bestimmte Textsorte. Insbesondere bei der oftmals schwierigen Differenzierung inhaltlich und funktional eng verwandter Textsorten bietet die phraseologische Textanalyse wertvolle Hilfestellung und bereichert damit die Fachtextlinguistik um ein vielseitig einsetzbares Instrument.

In today's understanding the term 'idiom' covers all fixed combinations of words with separately written formatives. The structural and functional variety resulting from this suggests that the study of idioms - or phraseology - could be useful as an analytical instrument in text linguistics. Using the example of technical texts of varying degrees of specialisation, this article shows that numerous very different textual characteristics can be detected and described by a 'phraseological text analysis'. Thus idioms have a special significance in the gradual development of precision, technical specialisation, comprehensibility and expressiveness. The text-constitutive formative, evaluative and connotative characteristics of idioms are also productive fields for investigation.
The type and order of the idioms used often prove to be typical for certain text types. In particular a phraseological text analysis can be an aid in the difficult differentiation between text types closely related in content and function, and thus provides text linguistics with a versatile instrument for the analysis of technical texts.