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Abstracts Deutsche Sprache 3/02

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Christine Gohl

Zwischen Kausalität und Konditionalität: Begründende wenn-Konstruktionen

Abstract

Neben konventionell kausalen Markierern verwenden SprecherInnen auch asyndetische Relationen und nicht-konventionell kausale Markierer, um Begründungen im Diskurs zu realisieren, u.a. die konventionell temporal oder konditional gebrauchte Konjunktion wenn. Wenn stellt in diesen Fällen weder einen zeitlichen Bezug her, noch führt es einen möglichen Grund, sondern vielmehr einen realen, im aktuellen Gesprächskontext gegebenen, faktischen Grund ein.

Der vorliegende Beitrag setzt sich nun mit Fragen auseinander, die die Funktion der Konjunktion wennin solchen Konstruktionen betreffen und beschreibt dabei die Kontexte, in denen diese Konstruktionen verwendet werden. Dabei wird gezeigt, dass wenn in den vorliegenden Fällen Funktionen erfüllt, die sich zwar mit seiner konditionalen Bedeutung in Zusammenhang bringen lassen, denen jedoch das typische Merkmal konditionaler Verwendungsweisen von wenn fehlt: die Eröffnung eines neuen mentalen Raumes und die Markierung eines Inhaltes als hypothetisch.

Weiterhin werden, ausgehend von der empirischen Analyse, allgemeinere Überlegungen hinsichtlich der Problematik einer breiten funktionalen Varianz, wie sie im Falle der Konjunktion wenn vorliegt, und dem Versuch, trotzdem zu einer einheitlichen Bedeutungsrepräsentation zu kommen, diskutiert. Es wird für eine stark kontextbasierte, funktionale Bedeutungsbeschreibung plädiert, bei der die sprachliche Einheit nicht losgelöst von ihrem sequentiellen und konstruktionalen Kontext betrachtet wird, sondern, eingebunden in diesen, ihre Funktion und damit ihre Bedeutung letztendlich erst durch ihren Gebrauch in einer bestimmten Handlung an einer bestimmten Stelle im zeitlichen Ablauf des Diskurses erhält.

In addition to conventional causal markers, speakers also use asyndetic relations and non-conventional causal markers in order to express reasons in discourse, among other things the conventional temporal and conditional conjunction wenn. In these cases wenn does not make a temporal reference, and it does not introduce a possible reason, but rather a real, actual reason in the context of the current conversation.

This article deals with questions concerning the function of the conjunction wenn in such constructions and describes the contexts in which these constructions are used. It is shown that in the cases studied wenn fulfils functions which can be brought into connection with its conditional meaning, but which lack the typical characteristic of conditional uses of wenn: the opening of a new mental area and the marking of contents as hypothetical.

The article then proceeds, on the basis of the empirical analysis, to discuss more general considerations concerning the problem of a broad functional variance, such as is present in the case of the conjunction wenn, and the attempt to arrive at a uniform meaning representation in spite of this variance. The author pleads for a strongly context-based, functional description of meaning, in which the linguistic unit is not regarded in isolation from its sequential and constructional context, but in which it is integrated in this, its function and thus its meaning determined in the final analysis only by its use in a certain act in a certain place in the temporal sequence of the discourse.


Karl Heinz Ramers

Prinzipien der Wortschreibung im Deutschen

Abstract

Im Zentrum der Debatten um die Rechtschreibreform stand aus linguistischer Sicht die Frage, welchen Prinzipien die Orthographie des Deutschen folgt.

Ziel des vorliegenden Beitrages ist die Klärung des Prinzipienbegriffs und seine Anwendung auf Regularitäten der Wortschreibung. Auf der Basis eines Wortmodells mit vier verschiedenen Repräsentationsebenen werden (i) das phonographische, (ii) das grammatische und (iii) das semantische Prinzip näher charakterisiert. Ersteres erfasst nicht allein die Spiegelung der segmentalen Struktur von Wörtern in ihrer graphischen Form, sondern berücksichtigt auch die Silben-und Akzentstruktur.

Zwei Aspekte des grammatischen Prinzips werden beleuchtet, (i) die Substantivgroßschreibung und (ii) die Unterscheidung zwischen Inhalts- und Funktionswörtern. Das semantische Prinzip wird in drei Teilkomponenten aufgefächert, (i) die Großschreibung der Eigennamen, (ii) die Morphemkonstanz und (iii) die Morphemdifferenzierung. Die letzten beiden Teilprinzipien werden unter einer Maxime zusammengefasst.

A central point in the discussions about the spelling reform was - from a linguistic viewpoint - the question, which principles are relevant in the orthography of German.

The aim of this paper is the clarification of the notion principle and his application to the regularities of the spelling of words. A word model with four different levels of representation is used to the precise characterisation of (i) the phonographic, (ii) the grammatical and (iii) the semantic principle. The first principle not only captures the reflection of the segmental structure of words in its graphical form, but takes into account the syllable and metrical structure, too.

Two aspects of the grammatical principle are considered, (i) the capitalization of nouns and (ii) the differentation between content words and function words. The semantic principle is divided into three components, (i) the capitalization of proper names, (ii) the stability of the morpheme and (iii) the separation of different morphemes. The last two sub-principles are combined to a single maxim.


Michael Richter

Komplexe Prädikate in resultativen Konstruktionen

Abstract

Im vorliegenden Aufsatz beschreibe ich eine syntaktische Analyse für resultative Konstruktionen im Deutschen, die Verbindungen wie etwas klein schneiden, etwas rot färben, etwas rund feilen oder sich gesund schlafenenthalten. Bestimmte Verben, davon soll ausgegangen werden, können ein zusätzliches Komplement haben. Dies hat satzartige Struktur und ist in der Literatur als Small Clause bekannt. Dessen Prädikat verbindet sich mit dem Matrixsatzes zu einem komplexen Prädikat; die Argumente beider Prädikate sind in einer monosententialen Struktur versammelt. Der hierfür gängige Terminus ist Clause-Union. Prädikatvereinigung und Clause-Union sind Kernmerkmale von Kohärenz im Sinne von Bech (1983) mit bestimmten syntaktischen Epiphänomen, die in resultativen Konstruktionen nachgewiesen werden können. Somit interpretiere ich resultative Konstruktionen als Resultat von Prädikatanhebung, wobei dieser Terminus auch repräsentationell/nicht-transformationell verstanden werden kann.

In diesem Aufsatz werden einige Konstruktionen mit transitiven Verben diskutiert, die für die Small-Clause-Analyse anscheinend problematisch sind. Ein Beispiel ist die Unterdrückung des Objekts in einem Satz wie er trinkt den Weinkeller leer, wobei den Weinkellernicht das Objekt des Verbs ist. Die hier vorgestellte Analyse schließt sich Auffassungen an, dass die Objekt-Variable in der semantischen Repräsentation aus semantischen Gründen leer bleiben muss. Dagegen bestehen derartige Beschränkungen in Sätzen wie er schneidet das Gemüse kleinnicht, weil hier ein reguläres direktes Objekt vorhanden ist.

Wie das Prädikat im Pseudokomplementsatz syntaktisch realisiert wird, ist durch den Wert des Parameters "dir" beim zweiten Konjunkt in der semantischen Repräsentation festgelegt.

Als theoretischen Rahmen verwende ich in diesem Aufsatz die transformationelle Grammatik Semantische Syntax(Seuren 1996). Die Analyse jedoch soll auch kompatibel sein mit nicht-transformationellen Grammatiken wie HPSG oder kategorialen Grammatiken.

This paper proposes a syntactic solution for resultative constructions in German like etwas klein schneiden, etwas rot färben, etwas rund feilen or sich gesund schlafen. The proposal is based on the assumption that the argument frame of certain verbs can be extended by an extraordinary clause, i.e. a pseudo-complement with a predicate-argument structure, known in the literature as Small Clause. The predicate is joined with the verb in the matrix sentence by predicate raising, and both form a complex predicate; the embedded clause is unioned with the matrix clause ("Clause Union"). This analysis fits in with the analysis of coherent sentences, and, indeed, resultatives do exhibit essential properties of coherence in the sense of Bech (1983). I thus interpret resultative constructions as a product of predicate raising, although this term can also be understood in a representational/non-transformational sense.

This paper discusses some constructions that seem to have no satisfactory explanation in small-clause approaches, for example the suppression of the object of the verb in a sentence like er trinkt den Weinkeller leer. Here den Weinkeller is not the object of the verb. The present analysis proposes that the object variable in the semantic representation stays empty for semantic reasons, while in er schneidet das Gemüse kleinthere are no semantic reasons to prevent das Gemüsebeing the object of the verb.

As theoretical framework I use the transformational grammar Semantic Syntax (Seuren 1996), although the analysis should also be compatible with non-transformational approaches like HPSG or categorial grammars.


Hardarik Blühdorn

Rauminformation und Demonstrativität

Am Beispiel des Deutschen

Abstract

Der vorliegende Aufsatz geht von der öfters vertretenen These aus, dass Rauminformation in der Sprache weniger wichtig sei als Zeitinformation. Ein genauerer Vergleich der grammatischen und lexikalischen Mittel zur Kodierung dieser Informationsarten deutet jedoch darauf hin, dass eine solche Behauptung nicht aufrecht zu erhalten ist. Zeitinformation wird mit Hilfe der grammatischen Kategorien des Verbs, Tempus, Modus und Aspekt (TMA), kodiert, während für die Kodierung von Rauminformation die nominalen Kategorien Determination, Kasus und Quantifikation (DCQ) zuständig sind. Daneben stehen für die Kodierung beider Informationsarten reichhaltige lexikalische Mittel zur Verfügung.

Aus ähnlichen Gründen wird der Vorschlag abgelehnt, das Deutsche als eine eher raumorientierte denn zeitorientierte Sprache zu betrachten. Anhand der deiktischen Adverbien hier, da und dort und der Determinantien dieser, der und jener wird das Zusammenspiel von Raum- und Diskursrollensemantik im Rahmen eines an Reichenbach angelehnten Relationenmodells untersucht. Das überraschende Ergebnis lautet, dass die relevanten Oppositionen zwischen den Demonstrativa des Deutschen nicht die Lokalisierung des Referenten, sondern die Lokalisierung des Sprechers betreffen. In Bezug auf den Referenten sind alle Demonstrativa des Deutschen Nahdeiktika, was sich unter anderem in ihrer anaphorischen Verwendbarkeit zeigt.

Abschließend wird im Sinne einer zweckmäßigen und ökonomischen Arbeitsteilung zwischen sprachlichen und nicht-sprachlichen Zeichen die Funktion von Zeiggesten beim situationsdeiktischen Gebrauch der deutschen Demonstrativa erklärt und ausbuchstabiert. Dadurch können traditionelle Beschreibungsprobleme für da und der aufgelöst und eine bisher noch kaum erkannte Schwierigkeit bei der Beschreibung von dort vermieden werden.

This article proceeds from a hypothesis defended by several authors, according to which spatial information is less important in language than temporal information. Such a claim is shown to be unsustainable, if we compare the grammatical and lexical means available for the encoding of these types of information. Temporal information is encoded by the grammatical categories of the verb, tense, mood and aspect (TMA), while the encoding of spatial information falls within the responsibility of the nominal categoriesof determination, case and quantification (DCQ). In addition, all languages possess a wide range of lexical means for the encoding of both types of information.

For similar reasons, Ireject the proposal that the German language should be regarded as more space-oriented than time-oriented. Focussing on the demonstrative adverbs hier, da and dort and the determiners dieser, der and jener, the interplay between spatial relations and discourse roles is investigated within the framework of aReichenbachian semantics. The discussion leads to the surprising result that the relevant oppositions among German demonstratives do notpertain tothe localization of the referent, but rather to the localization of the speaker. As to the referent, all German demonstratives indicate proximity, which explains why they all can be used anaphorically.

In the last section, it is shown how the use of pointing gestures accompanying German demonstratives in situational deixis exemplifies an efficient and economical interaction of verbal and non-verbal signs in discourse. This approach makes it possible toresolve some traditional problems with the semantic description of da and der, as well as to avoid a problem with the description of dort which, up to the present, has not even been noticed.