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Abstracts Deutsche Sprache 3/01

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Ewa Drewnowska-Vargáné

Topik und rhetorische Stilfiguren im kommunikationskulturellen Vergleich

Abstract

In diesem Beitrag gehe ich der Frage nach, inwieweit sich die Argumentationsweisen in ausgewählten Leserbriefen als Produkte von spezifischen deutsch-, polnisch- und ungarischsprachigen journalistischen Diskursgemeinschaften voneinander unterscheiden. Als Ausgangspunkt dient die Annahme, dass sich jede dieser Diskursgemeinschaften durch die für sie charakteristische Schreibkultur und durch die sie kennzeichnenden Vertextungsroutinen von den anderen differenziert. Die methodische Grundlage der vergleichenden Argumentationsanalyse bilden vor allem die Typologie der Topoi von Kienpointner (1992) und rhetorische Stilfiguren im Sinne von Ottmers (1996). Die Kriterien der Argumentativität werden in einer - in Anlehnung an textlinguistische und argumentationsanalytische Ansätze konzipierten - Definition des argumentativen Textes formuliert.

In this article I examine differences in the manners of argumentation in selected readers' letters as products of specific German-, Polish- and Hungarian-speaking journalistic discourse communities. The article starts from the assumption that each of these discourse communities has a typical writing culture and text production routines, and that these differ. The methodological basis for the contrastive argumentation analysis is provided by Kienpointner's (1992) typology of topoi and Ottmer's (1996) view of rhetorical stylistic figures. The criteria of argumentativity are formulated in a definition of the argumentative text which is based on theories from text linguistics and argumentation analysis.


Dirk Michel

Zeitungssyntax - Sprachwandel im 19. Jahrhundert

Abstract

Da der Einfluss der Zeitungssprache auf die Verbreitung der Standardsprache und die neuere Sprachentwicklung im Allgemeinen sehr hoch veranschlagt wird, wird in diesem Beitrag die Entwicklung des Satzbaus in Zeitungen im 19. Jahrhundert untersucht, um festzustellen, ob der Zeitungssprache die behauptete wichtige Rolle bei der Veränderung sprachlicher Normen auch im syntaktischen Bereich zukommt. Um zu einem umfassenden wissenschaftlichen Bild des syntaktischen Wandels der deutschen Sprache zu gelangen, werden die Ergebnisse dieser Untersuchung auch mit denen anderer Textarten verglichen.

The influence of the language of newspapers on the development of modern standard German is generally presumed to be very strong. This article focuses on the development of sentence structure in nineteenth-century newspapers in order to ascertain whether the language of newspapers really has had the important role which has been claimed for it in the development of linguistic norms in the area of syntax. The results are also compared with other text types in order to obtain a full picture of the development of German sentence structure.


Peter Eisenberg / George Smith / Oliver Teuber

Ersatzinfinitiv und Oberfeld

Ein großes Rätsel der deutschen Syntax

Abstract

Seit Jacob Grimm wird in deutschen Grammatiken die Frage diskutiert, wie es zur Ersetzung des regulären Partizips in Sätzen wie *Er hat arbeiten gewollt durch den Infinitiv Er hat arbeiten wollen kommt (`Ersatzinfinitiv'). Im Verbletztsatz ist außerdem zu beobachten, dass der Ersatzinfinitiv mit einer Bewegung des finiten Verbs - meist an den Anfang des Verbalkomplexes - einhergehen kann oder muss (*dass er arbeiten gewollt hat vs. dass er hat arbeiten wollen). Gunnar Bech spricht hier von der Position des finiten Verbs im Oberfeld und bindet sein Auftreten an kohärente Infinitivkonstruktionen.

Innerhalb der Vielfalt kohärent konstruierender Verben konnte durch vergleichende Untersuchungen innerhalb der Westgermania ein Kern der Konstruktion ermittelt werden, in dem die Sprecherurteile relativ verlässlich sind. Darüber hinaus gibt es aber in jeder der Sprachen eine große Zahl von unsicheren Grammatikalitätsbewertungen. Sie machen eine optimalitätstheoretische Darstellung der Konstruktion schwierig und haben überhaupt zu sehr unterschiedlichen Lösungsvorschlägen geführt. Diese betreffen vor allem die Konstituentenbildung im Verbalkomplex sowie die Möglichkeiten zur Position des finiten Verbs (z.B. `Auxiliary flip') oder auch mehrerer Verbformen mithilfe von Pied piping.

Unsere Arbeit präsentiert einen Lösungsvorschlag, der die relevanten Daten des Standarddeutschen insgesamt erfasst und in einen Erklärungszusammenhang bringt.

Für Verberst- und Verbzweitsätze reduziert sich das Problem im Deutschen auf die Erklärung des Ersatzinfinitivs, der hier im Standaradfall zu keinen topologischen Veränderungen führt. Die vorgeschlagene Lösung basiert auf einer Analyse der Zeitstruktur von Verben im Infinitiv einerseits und dem Partizip andererseits. Als entscheidendes topologisches Merkmal des Verbletztsatzes wird die Bewegung des Finitums aus der Endposition angesehen. Es wird gezeigt, dass dies wichtiger ist als der mögliche Landeplatz. Mit dem Verlassen der Endposition ist ein topologischer Kodierungsvorteil verbunden, der vom Ersatzinfinitiv erzwungen wird.

Since Jacob Grimm, German grammarians have discussed the question of how it is that the regular participle in sentences such as *Er hat arbeiten gewollt is replaced by the infinitive (Er hat arbeiten wollen). In verb-final sentences, it can additionally be observed that this Infinitivus Pro Participio (IPP) can or must be accompanied by a movement of the finite verb, usually to the beginning of the verb complex (*dass er arbeiten gewollt hat vs. dass er hat arbeiten wollen). Gunnar Bech refers here to the position of the finite verb in the Oberfeld and links its appearance to coherent infinitive constructions.

Through comparative studies of the various verbs which form coherent constructions in the West Germanic languages, it has been possible to establish a core of the construction in which native speaker judgments are relatively reliable. Beyond that, however, a large number of uncertain grammaticality assessments can be observed in each language. These pose difficulties for an optimality-theoretical account of the construction and have generally led to very different solutions being proposed. They concern especially the building of constituents in the verbal complex as well as the possible positions of the finite verb (e.g., 'Auxiliary Flip') or also of several verbs via Pied Piping.

Our paper proposes a solution which covers the relevant data from Standard German and places it in an explanatory context.

For verb-first and verb-second clauses, the problem in German is reduced to an explanation of the IPP, which in most cases does not lead to topological changes in these contexts. The proposed solution is based on an analysis of the time structure of verbs in the infinitive on the one hand and the participle on the other. For verb-final sentences, the crucial topological feature is considered to be the movement of the finite verb away from final position. It is shown that this is more important than the possible landing site. Leaving final position is associated with a topological coding advantage which is forced by the IPP.


Zsuzsanna Iványi

Wortsuchprozesse bei Fremd­ und Muttersprachlern

Eine konversationsanalytische Untersuchung

Abstract

Der Beitrag stellt sich zum Ziel, neben der Beschreibung der Typen und generellen Eigenschaften von Wortsuchprozessen die methodologischen Möglichkeiten der Konversationsanalyse zu klären. Als Grundlage für die sprachtheoretischen Überlegungen dienen empirische Analysen von Alltagsgesprächen in verschiedenen Sprachen (deutsch und ungarisch). Diese Überlegungen führen zur Beschreibung von Regelmäßigkeiten der Organisation einer "Syntax" von Wortsuchprozessen, zur Erschließung von Problemgründen und zum Vergleich mutter- und fremdsprachlicher Eigenheiten auf den verschiedenen Ebenen der Worterzeugung. Die Ergebnisse der Untersuchungen weisen in die Richtung sprachlicher Universalien und der notwendigen Expandierung von methodologischen Grenzen der Konversationsanalyse.

This article describes the types and general properties of word search processes with the aim of clarifying the methodological potential of conversation analysis. The theoretical linguistic considerations are based on empirical analyses of everyday conversations in different languages (German and Hungarian). These considerations lead to the description of regularities in the organisation of a "syntax" of word search processes, to the discussion of reasons for problems, and to a comparison of native and non-native pecularities on the different levels of word production. The results of the study point towards linguistic universals and the necessary expansion of the methodological boundaries of conversation analysis.