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Abstracts Deutsche Sprache 1/01

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Hardarik Blühdorn

Generische Referenz

Ein semantisches oder ein pragmatisches Phänomen?

Abstract

Der vorliegende Aufsatz behandelt die Frage, ob generische Referenz ein semantisches oder ein pragmatisches Phänomen ist. Die Opposition von partikulärer vs. generischer Referenz wird vor dem Hintergrund von vier anderen Oppositionen diskutiert: definite vs. indefinite DP, Zähl-DP vs. Masse-DP, quantifizierte vs. nicht-quantifizierte DP sowie referentieller vs. attributiver Gebrauch. Es wird gezeigt, dass keine dieser Oppositionen entscheidenden Einfluss auf die Auswahl einer partikulären oder generischen Deutung einer DP durch den Interpreten hat. Die einzige formale Beschränkung scheint darin zu bestehen, dass quantifizierte Masse-DPs keine generische Interpretation erlauben.

Die Analyse deutet darauf hin, dass generische Referenz keine semantische Eigenschaft von DPs ist. Als Alternative zu einem formal-semantischen Ansatz, wird hier eine kontextsensitive kognitive Suchroutine vorgeschlagen, die aus einer feststehenden Menge vorgefertigter Interpretationsmuster geeignete Lesarten für Determinansphrasen auswählt. Eine solche Suchroutine kann der Schnittstelle zwischen Semantik und Pragmatik zugeordnet werden. Darüber hinaus können wir annehmen, dass die Interpretation pseudo-generischer DPs durch rein pragmatische Inferenzprozeduren nach den zwei Haupttypen der Metonymie (pars pro toto und totum pro parte) geregelt wird.

This paper deals with the question of whether generic reference is a semantic or a pragmatic phenomenon. The opposition of particular vs. generic reference is discussed in the light of four other oppositions: definite vs. indefinite, count vs. non-count, and quantified vs. non-quantified DP, as well as referential vs. attributive use. The conclusion is that none of these oppositions has a decisive influence on the interpreter's selection of a particular or a generic reading of a DP. The only formal restriction seems to reside in the factthat quantified non-count DPs cannot receive genericreadings.

The analysis suggests that generic reference is not a semantic property of DPs. As an alternative to a formal semantics approach, the article suggests a context-sensitive cognitive search routine, which looks for appropriate interpretations of determiner phrases according to a pre-established set of patterns. Such a search routine may be characterised as a device of the interface between semantics and pragmatics. In addition, we can assume that the interpretation of pseudo-generic DPs is organized by purely pragmatic inference procedures, according to the two main types of metonymy (pars pro toto and totum pro parte).


Damaris Nübling

Von oh mein Jesus! zu oje!

Der Interjektionalisierungspfad von der sekundären zur primären Interjektion

Abstract

Die diachronen Entwicklungspfade zur Interjektion sind bisher kaum Gegenstand der Forschung gewesen. Dies liegt zum Teil an der mangelnden Belegsituation von prototypischerweise auf die Mündlichkeit beschränkten Interjektionen aus älteren Sprachstufen und an der allgemeinen Marginalisierung von Interjektionen in der Linguistik. In diesem Beitrag werden vier Wege zur primären Interjektion dargestellt, wobei besondere Bedeutung der Entwicklung sekundärer (lexikalischer) Interjektionen zu primären (prototypischen) Interjektionen beigemessen wird. Mithilfe verschiedener funktionaler und vor allem formaler Parameter wird dieser komplexe Interjektionalisierungsprozess detailliert dargestellt und in verschiedene Interjektionalisierungsstufen unterteilt. So lässt sich der Interjektionalitätsgrad von Einheiten wie oje! Mensch! Herrgott! und ach du meine Güte! relativ genau bestimmen.

Little research has been done into the diachronic development of interjections. This is partly due to a lack of evidence for older language stages, because interjections are typically limited to the oral domain, and partly due to a marginalisation of interjections in linguistics. This paper describes four alternative paths for the development of primary interjections. Special emphasis is placed on the development of secondary (lexical) interjections into primary (prototypical) interjections. Alongside formal parameters a number of functional parameters are used to describe in detail the complex process of interjectionalisation. This process is then divided into various stages. This makes it possible to determine the degree of interjectionalisation for examples such as oje! Mensch! Herrgott! and ach du meine Güte! with a relatively high degree of precision.


Maria Smirnova

Fragesätze in Widerspruchsfunktion

Ein semantisch-pragmatischer Beschreibungsansatz

Abstract

Die Semantik von Fragesätzen in Widerspruchsfunktion ist noch nicht hinreichend erforscht. Im Folgenden wird versucht, eine semantisch-pragmatische Analyse des Widersprechens durchzuführen und den Zusammenhang zwiwchen der Widerspruchsfunktion und der syntaktischen Form des Fragesatzes zu beschreiben.

The semantics of interrogative sentences in contradictory function has not yet been sufficiently investigated. The following article presents a semantic-pragmatic analysis of contradictions and attempts to describe the connection between the function of contradiction and the syntactic form of the interrogative sentence.


Werner Abraham

Gibt es im Deutschen eine Klasse von Präpositionen mit Doppelrektion?

Wanneer de muren aan je huis zijn ingestort,
dan ben je weliswaar je veiligheid kwijt.
Maar wat een uitzicht!
(Sophie: März 2000)

Abstract

Es gibt keine Präposition, die entweder den Dativ oder den Akkusativ regiert. Die Wortart Präposition regiert aus eigener Kraft prinzipiell den Dativ. Der Akkusativ dagegen wird durch das Sekundärprädikat hin-/her-, die optionale Verbpartikel, bzw. ein komplexes Richtungsadverbial zum Fortbewegungsverb regiert. Damit ist auch die Verteilung zwischen den Beschreibungsmoduln der Satz- und Wortsyntax gegeben: das Sekundärprädikat im Small clause-Format (hin-/her- bzw. (in) das Wasser hinein) liegt bei Verbpartikeln auf der Wortsyntaxebene, bei syntaktisch komplexen Richtungsadverbialen auf der Satzsyntaxebene. Die Beschreibungsformate in den beiden Moduln sind identisch: als Wortsyntax wie als Satzsyntax. Es wird schließlich erwogen, der Korrelation zwischen Präteritumschwundareal und Konversion bei den Verbrichtungspartikeln (vgl. hin/her-ab vs. ab-hin/her) eine Akzentsyntaxerklärung im Sinne Cinques (1993) zugrundezulegen.

There is no preposition which governs either the dative or the accusative. In principle the part of speech preposition naturally governs the dative. The accusative on the other hand is governed by the secondary predicate hin-/her-, by the optional verb particle, or by a complex adverb of direction together with the verb of movement. Thus the distribution between the description on the levels of sentence and word syntax is also clear: in the small clause format (hin-/her-or (in) das Wasser hinein 'into the water') the se-condary predicate is with verb particles on the level of word syntax, in the case of syntactically complex adverbs of direction it is on the level of sentence syntax. The description formats for word syntax and sentence syntax are identical. Finally the author gives some thought to the question of explaining the correlation between the area in which German has no simple past tense and the conversion of the direction particles (cf. hin/her-abas against ab-hin/her) on the basis of accent syntax, following Cinques (1993).


Sergej Alatorzew

Während - Präposition und Konjunktion zum Ausdruck gleichzeitiger Handlungen

Abstract

In diesem Beitrag werden die präpositional-substantivische Verbindung von während mit einem prozessualen Substantiv und die Temporalsätze mit der Konjunktion während von der Position der funktionalen Grammatik betrachtet, d.h. sowohl von den Mitteln zur Funktion, als auch von der Funktion zu den Mitteln. Die beiden Konstruktionen sind ein verbreitetes Sprachmittel zum Ausdruck gleichzeitiger Handlungen in der deutschen Gegenwartssprache. Die Untersuchung zeigt deutlich, dass bei der Realisierung der Funktion gleichzeitiger Handlungen sowohl im einfachen als auch im zusammengesetzten deutschen Satz mehrere Sprachmittel (lexikalische und grammatische) zusammenwirken. Eine isolierte Betrachtung dieser Mittel ist wenig sinnvoll.

In this article preposition plus noun combinations of während 'during' with a process noun and adverbial clauses of time with the conjunction während are examined from the point of view of functional grammar, i.e. both from the means to the function and from the function to the means. The two constructions are a common means of expressing simultaneous actions in modern German. The study shows clearly that in both simple and complex German sentences several linguistic means (lexical and grammatical) come together in the realisation of the function of simultaneous actions. An isolated view of these means is pointless.


Eszter Gombocz

An der "Schnittfläche" von Synchronie und Diachronie -

Probleme bei der Erstellung einer deutsch-ungarischen Wortfamiliensammlung

"Eines der größten Paradoxa der Wissenschaften besteht darin,
daß sie Grenzen ziehen müssen, wo realiter keine Grenzen sind."
(Baldinger 1960, S. 529)

Abstract

Die wichtigste These vorliegenden Beitrages ist es, dass sich historische Verwandtschaften in einer didaktisch konzipierten Wortfamiliensammlung für Fremdsprachler nicht völlig eliminieren lassen. Dadurch, dass nicht nur synchron durchsichtige Wörter, sondern auch diachron legitimierte Motivationen mit einbezogen werden, kann das Sprachempfinden der Lernenden weiterentwickelt und somit auch ihre potentielle Kompetenz gefördert werden. Die unscharfe Linie zwischen Synchronie und Diachronie macht es aber notwendig, zwischen verblassten Beziehungen, die nur für den Lexikographen von Belang sind, und Verknüpfungen, die den Fremdsprachenlernenden das Wörterlernen erleichtern, zu unterscheiden.

The most important thesis contained in this article is that historical relationships cannot be completely eliminated from a didactically oriented word family collection for non-native speakers. The inclusion of diachronically legitimised motivations alongside synchronically transparent words can help develop learners' feel for the language, thus also improving their potential competence. However, the unclear line between synchrony and diachrony makes it necessary to differentiate between historical connections which are no longer active - which are relevant only for the lexicographer - and links which help the foreign learner to acquire vocabulary.