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Abstracts Deutsche Sprache 4/00

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Wolf Peter Klein

Die Bezeichnungen für Filmtypen im Deutschen

Eine Untersuchung zur Lexik der Mediensprache

Abstract

Aufgrund der großen gesellschaftlichen Bedeutung des Film- und Fernsehwesens hat es auf diesem Feld zuletzt einen nicht unerheblichen lexikalischen Zuwachs gegeben. Er betrifft auch die verschiedenen Ausdrücke, mit denen auf bestimmte Typen von Filmen referiert wird (= Filmbezeichnungen). Empirisch lässt sich dieser Wortschatz besonders gut aus den einschlägigen Fernseh-Programmzeitschriften ermitteln. In morphologischer Perspektive kann man einfache von zusammengesetzten Filmbezeichnungen unterscheiden: Unter den einfachen finden sich Ausdrücke, die seit langer Zeit zum ästhetischen Grundvokabular zählen (z.B. Drama, Komödie); daneben stehen jüngere Anglizismen (z.B. Western, Thriller), aber auch einige native deutsche Wörter (z.B. Schwank, Märchen).

Bei den zusammengesetzten Filmbezeichnungen wirken verschiedene Motivationsprinzipien, gemäß denen (meistens) aus einfachen Filmbezeichnungen Komposita gebildet werden können. Einschlägig sind beispielsweise der Bezug auf die handelnden Personen im Film (z.B. Polizistendrama), auf den einschlägigen Handlungsort (z.B. Gefängnisdrama) oder die einschlägigen dargestellten Handlungen (z.B. Vergewaltigungsdrama). Aufgrund der internationalen Dimension des Film- und Fernsehwesens sind viele deutsche Filmbezeichnungen als Internationalismen zu analysieren.

The great social importance of film and television has led to a not insignificant lexical growth in this field, including different expressions for certain types of films. A good source of empirical data for this vocabulary are the relevant television programme magazines. From the morphological perspective one can differentiate between simple and complex terms for film types. Some of the simple terms have long been part of the basic aesthetic vocabulary (e.g. Drama, Komödie), but there are also newer Anglicisms (e.g. Western, Thriller) as well as some native German words (e.g. Schwank 'farce', Märchen 'fairy tale').

The complex terms for film types are formed in accordance with various motivation principles, by means of which compounds can be formed (mostly) from simple film terms. Examples are reference to the central characters in the film (e.g. Polizistendrama 'police drama'), or the scene of the action (e.g. Gefängnisdrama 'prison drama'), or the type of action represented (e.g. Vergewaltigungsdrama 'rape drama'). Due to the international dimension of film and television, many German terms for film types must be analysed as internationalisms.


Susanne Günthner

wobei (.) es hat alles immer zwei seiten.

Zur Verwendung von wobei im gesprochenen Deutsch

Abstract

In den letzten Jahren hört man in der gesprochenen Sprache neben den Konnektoren weil und obwohl zunehmend auch das Pronominal- bzw. Relativadverb wobei mit Verbzweitstellung.

Der vorliegende Beitrag widmet sich den unterschiedlichen Verwendungsweisen und Funktionen von wobeiim gesprochenen Deutsch. An Hand empirischer Untersuchungen werden folgende Fragen zu wobei-Konstruktionen in Alltagsgesprächen diskutiert:

  1. Welche Funktionen hat wobei in der gesprochenen Sprache?
  2. Weisen die verschiedenen Funktionen von wobei-Konstruktionen unterschiedliche syntaktische, semantische und prosodische Merkmale auf?
  3. Wie sind die unterschiedlichen semantischen Funktionsweisen von wobei zu begründen?
  4. Gibt es einen gemeinsamen semantischen Kern dieser unterschiedlichen Verwendungsweisen von wobei?
  5. Sind die - in der gesprochenen Sprache auftretenden - "neuen" Verwendungsweisen von wobei in Zusammenhang mit dem Grammatikalisierungsansatz zu beschreiben? D.h. repräsentieren die synchron vorhandenen Funktionen von wobei etwa verschiedene Stadien eines Grammatikalisierungsprozesses?

In recent years the pronominal or relative adverb wobei 'whereby' can increasingly be heard with verb-second position in spoken German, alongside the conjunctions weil'because' and obwohl'although'.

This article examines the different uses and functions of wobei in spoken German. On the basis of empirical investigations the following questions about wobei-constructions in everyday conversations are discussed:

  1. Which functions does wobei have in spoken German?
  2. Do the different functions of wobei-constructions point to different syntactic, semantic and prosodic features?
  3. How can the different semantic functions of wobei be justified?
  4. Is there a common semantic core of these different uses of wobei?
  5. Can the "new" uses of wobei which occur in spoken German be described as a part of grammaticalisation? Do the synchronically existing functions represent different stages of a grammaticalisation process of wobei?


Torsten Leuschner

"..., wo immer es mir begegnet, ... - wo es auch sei"

Zur Distribution von 'Irrelevanzpartikeln' in Nebensätzen mit w- auch/immmer

Abstract

Anhand von Belegen aus dem Mannheimer Korpus wird die positionelle und kombinatorische Varianz der 'Irrelevanzpartikeln' auch und immer in Nebensätzen mit W-Wort analysiert. Das zahlenmäßige Überwiegen bzw. Fehlen gewisser Varianten wird auf eine sowohl synchronisch wie diachronisch fest-stellbare Spezialisierung von immer auf linksneigende Positionen im Nebensatz sowie eine entsprechende Tendenz von auch zu rechtsneigenden Positionen zurückgeführt. Zur Erklärung werden funktionale Erwägungen herangezogen, wobei auch Motivationen für das Auftreten und den besonderen Charakter der Partikelkombination auch immer erkennbar werden.

Examples from the Mannheim corpus are used to analyse the positional and combinatorial variation of the "irrelevance particles" auch and immer in subordinate clauses with a w-word. The numerical predominance or absence of certain variants is attributed to a synchronically and diachronically observable specialisation of immer to left-leaning positions in the subordinate clause and a corresponding tendency of auch to right-leaning positions. Functional considerations are used to explain the pattern, and motivations for the occurrence and special character of the particle combination auch immer become recognisable.


Bernhard Kelle

Regionale Varietäten im Internet - Chats als Wegbereiter einer regionalen Schriftlichkeit?

Abstract

Seit die neuen elektronischen Medien eine weitere Verbreitung gefunden haben, lässt sich beobachten, dass sich dort, wo sie zur Kommunikation zwischen Menschen ('Usern') dienen, neue Texttypen entstehen, deren Vertextungsregeln erheblich von bisher bekannten Mustern abweichen. In diesem Beitrag werden die sog. Chat-lines näher betrachtet, die aufgrund ihrer hohen Dialogizität viele Merkmale gesprochener Sprache tragen. Eines davon ist der Einsatz von dialektalen Varietäten in unterschiedlichem Umfang. Beobachtet wurden ein deutscher, ein österreichischer und zwei Schweizer Chats. In allen konnten Dialektanteile vorgefunden werden, jedoch in unterschiedlicher Zahl und in unterschiedlicher Dialektalität. Chats entwickeln sich zu einer Quelle regionaler Schriftlichkeit. Sie wirken weit über die begrenzten 'Muotersproch'-Zirkel hinaus und können mit der autonomen Entwicklung neuer Angemessenheitsnormen auch auf andere Formen der Schriftlichkeit Einfluss nehmen.

Since the new electronic media have become more widespread, it can be observed that, where they serve for communication between people ('users'), new text types develop with text rules which deviate substantially from current patterns. This article makes a detailed study of so-called chat lines, which carry many features of spoken language on account of their high dialogicity. One of these is the use of dialectal variants to varying degrees. One German, one Austrian and two Swiss chats were observed. All contained elements of dialect, but in different quantities and in different degrees of dialecticity. Chats are developing into a source of regional written language. They are influential far beyond the limited 'Muotersproch' circles and can also influence other forms of written language as they develop autonomous new standards of appropriateness.


György Scheibl

Zur Unterscheidung thetisch - kategorisch in deutschen es-Konstruktionen

Abstract

Im vorliegenden Beitrag werden zuerst zwei grundsätzlich unterschiedliche Theorien über die logisch-semantische Gliederung der Aussagesätze in logisches Subjekt - logisches Prädikat diskutiert. Nach der ersten Auffassung hat ein jeder Satz ein logisches Subjekt und ein logisches Prädikat, und ist damit logisch strukturiert. Nach der zweiten Auffassung gibt es prinzipiell zwei Arten von Aussagesätzen: die mit eindeutiger logischer Strukturierung (kategorisch) und die ohne eine solche (thetisch).

Beide Theorien werden - mit jeweils unterschiedlichen Prädiktionen und Resultaten - auf deutsche Es-Sätze angewendet. Der Artikel wendet sich dabei schwerpunktgemäß folgenden Fragen zu: (i) Sind Es-Sätze logisch strukturiert?, (ii) Wenn ja, kann das Pronomen es in ihnen als logisches Subjekt betrachtet werden?

Neben ES-Konstruktionen im Deutschen werden bedeutungsähnliche aber strukturell verschiedene ungarische Beispielsätze hinsichtlich ihrer logischen Strukturierung analysiert und in den beiden Theorien ausgewertet.

Es wird letzten Endes dafür argumentiert, dass gerade die in vieler Hinsicht problematischen Es-Sätze den Satztyp bilden, der die beiden Theorien - trotz ihrer scheinbaren Unverträglichkeit - miteinander in Beziehung setzen und somit ihre Versöhnung erstermöglichen kann.

In this article the author first discusses two fundamentally different theories concerning the logico-semantic organisation of declarative sentences into logical subject and logical predicate. According to the first view, every sentence has a logical subject and a logical predicate, and is thus logically structured. According to the second view, there are two types of declarative sentences: those with clear logical structuring (categorical) and those without (thetic).

Both theories are applied - with different predictions and results in each case - to German es-sentences. The article focusses on the following questions: (i) Are es-sentences structured logically?, and (ii) If so, can the pronoun es be regarded as the logical subject?

Alongside es-constructions in German, semantically similar but structurally different Hungarian example sentences are analysed with regard to their logical structure and evaluated according to the two theories.

The conclusion is that the es-sentences, which are problematic in many respects, are the sentence type which can provide a connection between the two theories - despite their apparent incompatibility - and thus lead to a reconciliation between them.