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Abstracts Deutsche Sprache 3/00

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Margret Selting

Berlinische Intonationskonturen: Der 'Springton'

Abstract

Gegenstand der Untersuchung ist eine saliente Intonationskontur des Berlinischen: die Kontur des so genannten Springtons, bei der die Tonhöhe in einer unakzentuierten Silbe nach der nuklearen Akzentsilbe auffällig hoch springt, um dann gleich wieder für die Folgesilben auf eine tiefere Tonhöhe abzusinken. Der Formbeschreibung folgt eine detaillierte Funktionsbeschreibung. Es wird gezeigt, dass die Kontur in klar definierten Verwendungskontexten in unterschiedlichen, aber nahe verwandten Verwendungsweisen gebraucht wird. Die Verwendungskontexte sind: (1) Höhepunkte konversationeller Erzählungen oder andere Themenbeendigungen bzw. -beendigungsinitiativen, sowie weiterhin, als Sonderfälle dieser Verwendungskontexte, (2) themenbeendende explizite Bewertungen und (3) Nach-Beendigungen. Bei diesen Aktivitäten kontextualisiert die Kontur Bewertungen oder Einstellungen, die das 'Leichtnehmen' eines dargestellten Normverstoßes nahe legen. Der Ausdruck dieses 'Leichtnehmens' ist zugleich auch der Ausdruck einer Subjektivierung der ausgedrückten Einstellung zum dargestellten Sachverhalt.

The topic of this study is a salient intonation curve in Berlin speech: the so-called 'Springton' (jump accent), in which the pitch jumps to a high point in an unstressed syllable following the nuclear stress and then immediately falls again to a lower pitch on the subsequent syllables. The formal description of the pattern is followed by a detailed description of its function. It is shown that the pattern is used in clearly defined contexts in a number of different, but closely related ways. The contexts are: (1) highlights of conversational narratives, other topic terminations or termination initiatives, including special cases of these contexts, (2) explicit topic-terminating evaluations, and (3) post terminations. In these activities the pattern contextualises evaluations or attitudes which suggest that the violation of a norm is being 'taken lightly'. At the same time the expression of this 'taking lightly' also signals the fact that the attitude expressed is a subjective one.


Gisela Zifonun

"Man lebt nur einmal."

Morphosyntax und Semantik des Pronomens man

Abstract

Die traditionelle Einordnung von man als Indefinitpronomen wird in Zweifel gezogen, andere Zuordnungsmöglichkeiten werden geprüft. Zu diesem Zweck werden die Morphosyntax und die Semantik von man herausgearbeitet. Dabei steht insbesondere die Dichotomie 'generische' versus 'partikuläre' Verwendung zur Debatte. Abschließend wird ein kurzer Blick auf manaus der Lernerperspektive und im Sprachvergleich geworfen.

The traditional classification of man as an indefinite pronoun is questioned and other possible classes are checked. For this purpose the morphosyntax and semantics of man are examined, including in particular a discussion of the dichotomy 'generic' versus 'individual' use. Finally there is a short section on man from the perspective of the learner and in comparison with other languages.


Ekkehard Felder

Nachhaltiges Erinnern durch sprachliches Handeln am Beispiel von Gedenkreden

So wie die Erkenntnis die Sprache ahndet,
so erinnert sich die Sprache der Erkenntnis.
Hölderlin

Abstract

Ein Vergleich der Gedenkrede zur Einweihung des Mahnmals im KZ Bergen-Belsen, die Bundespräsident Theodor Heuss 1952 gehalten hat, mit der Rede von Bundespräsident Roman Herzog anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Naziterrors im Deutschen Bundestag am 27. Januar 1999 zeigt, dass es signifikante Parallelen - sowohl die Sprecherhandlungen, die Wortwahl als auch inhaltliche Aussagen betreffend - und Unterschiede gibt. Insbesondere die in diesen epideiktischen Reden unterbreiteten Reflexionen über das Gedenken und das Sprechen über das Gedenken (meta-rhetorische Ausführungen) geben Aufschluss über kultur- und gesellschaftspolitische Spezifika des jeweiligen Zeitabschnittes.

This article compares the commemorative speech at the inauguration of the memorial in the concentration camp Bergen-Belsen which Federal President Theodor Heuss held in 1952 with Federal President Roman Herzog's speech on the day of remembrance for the victims of Nazi terror in the German Federal Parliament on 27 January 1999. The speeches show both significant parallels - in the actions of the speaker, the choice of words and the content - and differences. In particular these rhetorically ornate speeches contain reflections on the act of remembrance and on speaking about remembrance (meta-rhetorical remarks) which give insights into specific cultural and socio-political aspects of the two periods.