2. Charakteristika der Textsorte Grammatik

Um die Vermittlung von grammatischem Wissen zu verbessern, muss man bei den Eigenschaften der Textsorte Grammatik ansetzen.

2.1 Mehrfachadressierung

Ein wesentliches Kennzeichen von einsprachigen Grammatiken ist ihre oft explizit ausgesprochene Mehrfachadressierung (Hoffmann 1984), ein notorisches Dilemma der Grammatikographie: Grammatiken richten sich an ein breit gestreutes Publikum mit unterschiedlichsten Interessen, Bedürfnissen und Vorkenntnissen, an linguistische Laien wie Experten, Muttersprachler und Nicht-Muttersprachler. Grammatiken werden in unterschiedlichen Benutzungssituationen konsultiert und - außer von Rezensenten - überwiegend nicht fortlaufend und vollständig rezipiert, sondern selektiv oder kursorisch. Man bemüht sie bei Produktions- wie bei Rezeptionsproblemen, bei der Übersetzung aus dem und ins Deutsche, oder zur Klärung ganz spezieller Fragen, wie sie etwa Lexikographen, Computerlinguisten, Sprachtypologen oder Linguistik-Studenten haben können. Je inhomogener und größer aber die Zielgruppe eines Textes ist, desto schwieriger können sie für den einzelnen Benutzer "optimiert" werden.

2.2 Multidimensionalität

Die Grammatik einer Sprache ist in mehreren Dimensionen beschreibbar: da sind die zwei Seiten des sprachlichen Zeichens, die lautlich-formale und die der Bedeutung. Da gibt es eine Grammatik des Sprecher-Schreibers und eine solche des Hörer-Lesers: der Rezipient orientiert sich an der Form und ordnet ihr Funktion und Bedeutung zu, der Produzent verfährt umgekehrt. Wo der eine sprachliche Mittel zum Ausdruck einer Kontrast-Relation sucht und dann über deren morphologisch-syntaktische Eigenschaften etwas wissen muss, sucht der andere die Bedeutung des Ausdrucks allein im Satz Die Botschaft hör ich wohl, allein, mir fehlt der Glaube, und möchte wissen, ob hier eventuell ein Bedeutungsunterschied zu aber besteht. Dass eine Funktion wie die Kontrast-Relation von Einheiten verschiedener Wortarten (Adverbien, Präpositionen, Partikeln, Subjunktoren) erfüllt werden kann, ist für den Benutzer einer gedruckten Grammatik allenfalls aufwendig über das Register herauszufinden, da der Großteil der Gebrauchsgrammatiken nach Wortarten eingeteilt ist. Bei der Rezeption kommt noch ein weiteres Problem hinzu: die im Bereich der Funktionswörter so ausgeprägte Polykategorialität (doch, indessen, aber, ja, vielleicht) kommt in vielen Grammatiken nicht systematisch zur Geltung, Wörterbücher wiederum bleiben häufig befriedigende grammatische Erklärungen schuldig. Die Doppelperspektive, Sprache "in zwei Angängen", einmal aus kommunikativ-funktionaler Perspektive, einmal aus formaler Sicht zu beschreiben [4], die der Druckfassung der IDS-Grammatik zugrundeliegt, kann in der Form der Buchgrammatik für den Nutzer nicht auf einen Blick erschlossen werden. Für den Zusammenhang der paradigmatischen Beziehungen sprachlicher Strukturen (Tempus, Modus, Genus verbi etc.) mit den syntagmatischen Beziehungen (Rektion, Kongruenz, Valenz) gilt dassselbe.

2.3 Pluralismus der Beschreibungsmodelle

Die meisten Gebrauchsgrammatiken sind insofern "pluralistisch", als sie, statt sich ausschließlich einem linguistischen Theorieansatz zu verpflichten, die einzelnen Teilbereiche des Gegenstands mit verschiedenen Beschreibungs- und Erklärungsmodellen behandeln. Sie bieten zu einem Phänomen aktuelle Querschnitte durch die Forschung, vergleichen und prüfen konkurrierende Theorien und integrieren die Ergebnisse der verschiedenen Ansätze. Indem Argumentationsstränge parallelisiert werden, können aber logische Textstruktur und sequentielle Anordnung nicht mehr zur Deckung gebracht werden; Einschübe, Digressionen, Fußnoten sind in gedruckten Texten die Folge.

2.4 grammatisches und lexikalisches Wissen

Grammatiken enthalten (idealerweise) eine Fülle von lexembezogenen Daten. Eine Schnittstelle zum Lexikon haben sie insbesondere im Bereich der geschlossenen Klassen der Funktionswörter und der unregelmäßigen Morphologie. Gute Grammatiken haben deshalb auch parallele oder gemischte Register für grammatische Terminologie und Wortformen. Je mehr lexembezogene Daten aber eine Grammatik enthält, desto umfangreicher, unhandlicher und teurer wird sie notwendig. Zugang zu grammatischer Information über Wortformen ist aber nicht nur aus der Perspektive des Rezipienten wichtig, sondern erfahrungsgemäß generell eine für Laien typische Suchstrategie, die mit Wörterbüchern nur unzureichend befriedigt wird.

2.5 inhärente Multimedialität des Gegenstands

Dass der Gegenstand der Grammatik inhärent multimedial ist, was durch die Monomedialität des Printmediums nur verschleiert wird, ist für die neuere Sprachwissenschaft, die die Graphie als sekundäres System betrachtet, trivial. Grammatiken beschreiben darüber hinaus ihren Gegenstand in Form von hierarchischen Strukturen und dynamischen Prozessen: da "hängt eine NP am VP-Knoten" oder ein Satz ist einem anderen "übergeordnet", da wird etwas "ins Vorfeld bewegt" oder ins Passiv "transformiert", es wird substantiviert, reflexiviert, perfektiviert, transitiviert, passiviert, attribuiert, modifiziert und anderes mehr betrieben, und je nach Sprachauffassung führt auch die Sprache selbst als wachsender und sich verändernder Organismus ein dynamisches Eigenleben.

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Fußnoten

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[4] Dass die grammatische Beschreibung von zwei Seiten her ansetzen sollte, findet sich schon bei Georg von der Gabelentz 1891 mit der Scheidung in eine analytische, klassifizierende und vom Großen zum Kleinen fortschreitende Beschreibung und in eine synthetische, vom Standpunkt des Redenden ausgehende Beschreibung.