Eva Breindl |
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Grammatik im WWW |
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Einem Großteil der Leser dieses Beitrags sind Grammatiken als gedrucktes Produkt der Grammatikographie - sicherlich eine vertraute Kost. Nimmt der Gegenstand Sprache im Beruf eine wichtige Rolle ein, dann steht Grammatik vielleicht sogar wöchentlich oder täglich auf dem Speiseplan. Dennoch werden wohl die meisten Grammatik-Konsumenten diese Kost als eher schwer verdaulich einstufen. Oft stellt schon der Zugang zum Wissen über Grammatik nun verstanden als System von Strukturen und Regeln einer Sprache eine Hürde dar: beispielsweise können Nutzer ein grammatisches Problem haben, das sie mangels ausgefeilter linguistischer Fachkenntnisse nicht so recht zu diagnostizieren und zu benennen wissen [1] . Register und Inhaltsverzeichnis einer Grammatik sind für sie dann wenig erhellend oder verwirrend, wenn nämlich die darin zugrundeliegende Systematik und Terminologie so ganz anders sind als gewohnt. Oder aber Nutzer haben eine ganz spezielle, präzise Frage, auf die sie in ihrer Grammatik aber keine ebensolche Antwort finden: eine schmale, "handliche" Grammatik bleibt ihnen die Antwort in der Regel schuldig, in einer umfangreichen wird ihnen die Lektüre eines ellenlangen Kapitels zugemutet.
Die notorische Schwierigkeit der Textsorte Grammatik hat sicher viel mit der Komplexität des Gegenstands selbst zu tun; sie hat aber auch, so möchte ich behaupten, nicht ganz unwesentlich mit dessen "Verpackung" zu tun, bzw. mit einer Diskrepanz zwischen dieser Verpackung und den berechtigten Erwartungen der Nutzer. Dieser Beitrag will zeigen, dass Grammatiken im Gewand multimedialer Hypertextsysteme gegenüber gedruckten, linear organisierten Grammatiken einen Mehrwert aufweisen, der einige der genannten Probleme wenn schon nicht gänzlich beseitigen, so doch spürbar minimieren kann. Das soll an zweierlei Material illustriert werden: zum einen an diversen im WWW publizierten Ressourcen zur Grammatik des Deutschen und anderer Sprachen, zum anderen an der Konzeption und an Materialien des Projekts GRAMMIS, (elektronisches grammatisches Informationssystem), das am Institut für deutsche Sprache, Mannheim auf der inhaltliche Grundlage der "Grammatik der deutschen Sprache" Zifonun/Hoffmann/Strecker et al. (1997), (hinfort mit IDS-Grammatik abgekürzt) entwickelt wird.
Diese Frage stellten sich 1992 Vertreter des Fachs Deutsch als Fremdsprache auf einem Symposion in Irland, wobei die Fragestellung meist zu "wieviel und welche Grammatik" präzisiert wurde. Den Tenor der Antworten, nachzulesen im gleichnamigen Sammelband Harden/Marsh (1993), kann man vielleicht grob mit "mehr als bisher" und "differenzierter als bisher" charakterisieren. Wie die Antwort auf eine solche Frage ausfällt, hängt natürlich stark von der Perspektive des Beantworters und der Klientel, die er im Auge hat, ab; sie ist darüber hinaus aber auch nicht unabhängig von zeitgenössischen Einstellungen und Paradigmen. So gilt etwa heute unter deutschen Philologie- und Linguistik-Studierenden Grammatik gemeinhin als eher unattraktiv, verglichen mit der Literaturwissenschaft oder mit anderen Zweigen der Linguistik, die im Ruf größerer Anwendungsorientierung stehen.
Nicht-Muttersprachler und Lerner des Deutschen sehen Grammatik in der Regel als notwendiges Übel an, als Mittel zum eigentlichen Zweck der Literatur und Kultur der Zielsprache. Die Grammatik des Deutschen speziell genießt den zweifelhaften Ruf, besonders schwierig zu sein, wofür gern die reichhaltige flexivische Markierung und so urdeutsche Phänomene wie Satzklammer und trennbare Verben ins Feld geführt werden. Auch unter Inlands-Vertretern des Fachs Deutsch als Fremdsprache in Praxis und Forschung ist eine gewisse Geringschätzung von Grammatik gegenüber zeitgemäßeren Ansätzen wie der interkulturellen Perspektive nicht gerade selten. Von der Auslandsgermanistik und ausländischen Deutschlehrern wird an der Vernachlässigung genuin sprachlicher Lehrziele über einer einseitigen Orientierung am Lehrziel "kommunikative Kompetenz" seit Beginn der 90er Jahre verstärkt Kritik geübt, - exemplarisch auf dem genannten irischen Symposion. Dabei wurden auch Langzeitbeobachtungen angeführt, die einen Zusammenhang zwischen der Abnahme des Grammatikunterrichts und unbefriedigenden Lernerleistungen nachweisen konnten. Hinzu kamen Anregungen aus der kognitiven Linguistik und konstruktivistischen Lerntheorien. Daraus resultierte eine Art Grammatik-Renaissance, sofern man dieVielzahl meta-grammatischer Publikationen (Völzing 1995, Helbig 1992, Funk/König 1991, Götze 1996, Jung 1993, Weydt 1993, Kwakernaak 1996) und Grammatiken mit einer Deutsch-als-Fremdsprache-Orientierung (Rug/Tomaszewski 1993, Hall/Scheiner 1995, Engel/Tertel 1993, Weinrich 1993) als signifikant ansehen mag. Diese Grammatik-Renaissance manifestiert sich nun - glücklicherweise - nicht als reumütige Rückkehr zu einer einseitig formorientierten strukturellen Grammatik, sondern es wird nahezu einstimmig auf die Wichtigkeit funktionaler Aspekte der Sprachbeschreibung hingewiesen, oft bei gleichzeitiger Forderung nach größerer Phänomendichte und Beschreibungstiefe. Im Einklang mit kognitiven, den Lernern eine aktivere Rolle beim Wissensaufbau zuerkennenden Lernkonzepten, steht auch der Wunsch nach systematischerer Grammatikvermittlung, weg von der "Häppchengrammatik" [2] . In ebendiesem Sinne fasst die besonderen Forderungen der Auslandsgermanistik an die Grammatikographie Fabricius-Hansen zusammen (Fabricius-Hansen 1998: 63):
"zuverlässige, präzise und verständliche Deutschgrammatiken, die besonders relevante und typologisch charakteristische Erscheinungen fokussieren, wobei grammatische Regularitäten soweit aktuell auch funktional, aus sprecherschreiberbezogener (produktiver) wie aus hörerleserbezogener (rezeptiver) Perspektive, erklärt oder kommentiert werden sollten."
Gegenüber muttersprachlichen Sprechern des Deutschen sehen sich Grammatikographen oft in dem Rechtfertigungsdilemma: wozu sollte sich jemand grammatisches Wissen aneignen, wenn er dessen Anwendung kompetent beherrscht?
Ein wirklicher kontinuierlicher Bedarf an grammatischem Wissen besteht dort, wo Sprache im beruflichen Kontext thematisiert wird, in Schule und Lehrerausbildung (wobei hier letztlich der Rechtfertigungsnotstand an die Vertreter derjenigen Institutionen weitergereicht wird, die Grammatik in Lehrplänen und Curricula verankern). Das in diesem Kontext gefragte Wissen ist systematischer Art und bis zu einem gewissen Grad auch Expertenwissen.
Sporadischer Bedarf an grammatischem Wissen tritt bei linguistischen Laien vorwiegend im Zusammenhang von Streitfällen auf, etwa zwischen Eltern und Lehrern, Sekretärinnen und Vorgesetzten, oder zwischen Vertragspartnern, die mehrdeutige Passagen eines Vertrags unterschiedlich auslegen. Motivation und Erwartungen sowie typische Fragestellungen von Ratsuchenden sind in einer Reihe von Publikationen professioneller Sprachratgeber-Institutionen wie der Duden-Redaktion, der Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache oder dem Aachener "grammatischen Telefon" der Unversität Aachen sowie dem grammatischen Telefon Potsdam und der Sprachberatung des Germanistischen Instituts an der Universität Halle dokumentiert (Biere/Hoberg (Hg.) 1995, Stetter 1995, Jäger/Stetter/Pfeiffer 1983). Den Laien-Anfragen ist gemeinsam, dass sie meist einer Auseinandersetzung der Sprachbenutzer mit einem synchronen Normproblem oder einer Normlücke des Deutschen entspringen ("Zweifelsfälle der deutschen Sprache") und dass die Fragenden an die Sprachberatungsinstitution einen Anspruch auf eine eindeutige, variantenfreie Normsetzung herantragen. Hinweise auf Alternativen und Varianten in der Auskunft sind unbeliebt und führen meist zu insistierenden Nachfragen wie "aber wie muss es nun richtig heißen?", "und was ist besser?". Häufig stammen die Anfragen nicht genuin aus dem Bereich Grammatik, sondern aus einer benachbarten Domäne, vor allem Zeichensetzung und Orthographie (Groß- und Kleinschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung, Komma vor Infinitiven oder bei Satzverbindungen), Lexik und Stilistik. Die Fragen sind punktuell und auf ein einzelnes Phänomen bezogen, der sprachsystematische Zusammenhang steht nicht im Vordergrund des Interesses, wenngleich Begründungen erwünscht sind. Gemeinsam ist den meisten Fragestellern auch, dass sie bereits eine Grammatik oder häufiger ein Wörterbuch konsultiert haben, darin aber keine Antwort gefunden haben, mit der Terminologie nicht zurande kamen oder die Erklärung als unbefriedigend empfunden haben. Ein nicht unwesentlicher Anteil der Anfragen lässt sich als FAQs (frequently asked questions), als häufige gestellte Frage, verbuchen. Hier eine Blütenlese, zusammengestellt aus der einschlägigen Literatur und ergänzt um die eigene Erfahrung in der Sprachberatungspraxis des IdS.
Über diese Fragen nach konkreter Fallentscheidung hinaus lässt sich noch ein weiterer Typ von Interesse am Gegenstand Sprache und Grammatik ausmachen: manifest wird er in den Fragestellungen von "dilettierenden Sprachphilosophen" (Stetter 1995: 38), die Begründungen für eine einzelsprachliche Norm suchen, oder diese unter Hinweis auf Diachronie, "Logik" oder Normen in anderen Sprachen ablehnen. Solche Fragen sind kaum systematisierbar und häufig auch nicht in einer für den Fragenden befriedigenden Weise zu beantworten. [3] Hier müssen entweder komplexe Zusammenhänge im Regelsystem Sprache vermittelt werden oder es muss kategorisch auf einer einzelsprachlichen Norm bestanden werden.
Nun ist die Erforschung der Grammatik des Deutschen ja kein jüngerer Forschungszweig und auf die meisten Fragen von Laien und auf viele Fragen von Experten steht auch irgendwo die Antwort. Nur kommen das kodifizierte grammatische Wissen und die Fragen irgendwie nicht zusammen. Welches Vermittlungsproblem die Linguistik hat, wurde nicht zuletzt an den oft sehr sachfremden aber emotionsgeladenen Reaktionen von Journalisten, Literaten, Lehrern oder sonstigen erbitterten Kulturwächtern auf die Orthographie-Reform offenkundig. Auch auf der Jahrestagung 1998 des IDS, die dem Thema "Sprache - Sprachwissenschaft Öffentlichkeit" gewidmet war, wurden von Fachleuten aus Literaturwissenschaft, Schule, Journalismus, Verlagswesen, Politik und Werbewirtschaft verstärkte Bemühungen um die Wissensvermittlung bei der germanistischen Linguistik eingeklagt (Beiträge im Jahrbuch 1998 des IDS, Stickel (Hg.) 1999).
So unbestreitbar also der Bedarf an grammatischem Wissen ist, so offen ist die Fragen nach dem Wie der Vermittlung: wie lässt sich das von Experten gesammelte und in Fachpublikationen kodifizierte grammatische Wissen besser an den Mann und die Frau bringen?
Fußnoten
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| [1] | Typisch ist diese Situation etwa für den Sprachlehrer bei der Korrektur von Schüler-Elaboraten, im Muttersprachen- wie im Fremdsprachenunterricht. |
| [2] | Funk/Koenig (1991) stellen ihrer Fernstudieneinheit "Grammatik lehren und lernen" repräsentative Lehrer- und Lernerzitate voraus: einschlägig hier eine Lehrerin: "die Grammatik in unserem Lehrbuch ist irgendwie unsystematisch. Es fehlt der Überblick. aber wir haben nichts anderes." (Funk/Koenig 1991: 10) |
| [3] | Unter diese Rubrik rechne ich etwa Fragen wie die folgenden: Warum kann man im Zuge der Rechtschreibreform nicht auch das überflüssige Fugen-s in Nominalkomposita (Bildungsreform, Rechtsstreit..) streichen? Warum kann es im Deutschen nicht heißen "der Verkehr ist viel?" Warum kann es im Deutschen nicht heißen "eins Bier", wenn es doch auch "zwei Bier" oder "one beer" heißt? |