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Varietäten des Deutschen - Regional- und Umgangssprachen

Bericht von der 32. Jahrestagung des IDS

von Michael Werner

Kleinräumige dialektale Strukturen, sogenannte »Orts-« oder »Basisdialekte«, weichen zunehmend großräumigeren Nonstandardvarietäten, für die Termini wie »Regiolekte« oder »dialektal gefärbte Umgangssprache« vorgeschlagen werden.

Beim »Verschwinden« dieser kleinräumigen Dialekte sind zwei linguistische Phänomene zu unterscheiden: »Dialektabbau« (= Abbau der sprachlichen Differenzen zur Standardsprache) und »Dialektaufgabe« (= Aufgabe der Anwendung im Gespräch).

Wollte man die Ergebnisse der 32. IDS-Jahrestagung, die vom 12. bis 14. März 1996 im Mannheimer Stadthaus stattfand und sich dem Thema »Varietäten des Deutschen« widmete, in wenigen Worten zusammenfassen, so würde sich die Quintessenz aus 16 Vorträgen und einer Podiumsdiskussion in etwa lesen wie oben dargestellt. Gewonnen ist mit einer derart drastischen Vereinfachung linguistischer Prozesse freilich nicht viel. Thematisch zu verschieden waren die Vorträge und Diskussionsbeiträge, als daß man sie guten Gewissens über einen Kamm scheren könnte.

In seinem Eröffnungsvortrag vor 500 Tagungsteilnehmern aus 26 Ländern beschäftigte sich Peter Wiesinger (Wien) mit dem Thema »Sprachliche Varietäten - gestern und heute«. Er verwies darauf, daß sich im schnellebigen 20. Jahrhundert auch die Geschwindigkeit des Sprachwandels erhöht habe. Die Flüchtlingsströme nach 1945, die Einwanderung von Spätaussiedlern und Ausländern seit den 50er Jahren und die hohe Freizeitmobilität hätten dazu beigetragen, daß sich die regionalen Sprachgemeinschaften binnen kurzer Zeit völlig anders zusammensetzten.

Höherer Bildungsstand, Urbanisierung, sozialer Aufstieg sowie der Einfluß der Medien seien ebenfalls für den Abbau der alten Ortsdialekte verantwortlich. Zahlreiche Referenten widmeten sich in ihren Vorträgen dem Phänomen der Dialektveränderung in einzelnen deutschsprachigen Regionen.

Über Sprachsituation und Sprachvarietäten in Norddeutschland informierte Dieter Stellmacher (Göttingen), über Mitteldeutschland Heinrich Dingeldein (Marburg) und über Süddeutschland Arno Ruoff (Tübingen). Österreichischen Varietäten widmete sich Hermann Scheuringer (Wien). Über sprachliche Tendenzen in der deutschsprachigen Schweiz referierte Helen Christen (Luzern), und Franz Lanthaler (Meran) sprach über deutsche Varietäten in Südtirol. Mit Varietäten des Deutschen außerhalb des geschlossenen deutschen Sprachgebiets beschäftigte sich Ludwig Eichinger (Passau), wobei die Definition des Begriffs »Sprachinsel« im Zentrum seiner Betrachtungen stand.

Einblicke in die Wörterbucharbeit des Duden gewährte Matthias Wermke (Mannheim). Er stellte die Problematik der Kategorisierung »umgangssprachlich« gebrauchter Lexeme dar, wobei er »Mündlichkeit« sowie »regionale«, »stilistische« und »situative Gebundenheit« sprachlicher Formen als wichtige Aspekte der Umgangssprachen herausstellte. Ebenfalls mit den Umgangssprachen, also jenen zwischen Standard und Dialekten liegenden sprachlichen Varietäten, beschäftigte sich Jürgen Eichhoff (Pennsylvania State University, USA) in seinem Vortrag »Umgangssprachen im Lichte der Wortgeographie«. Den Einfluß der Umgangssprachen auf die Standardsprache beschrieb Werner König (Augsburg). Er kam zu dem Ergebnis, daß in den letzten Jahren eine Aufwertung der im Süden Deutschlands üblichen Aussprache des Standards stattgefunden habe.

Weitere Vorträge galten den Themen »Areale Phonologie und phonologische Theorie« (Peter Auer, Hamburg), »Technik und Aussagefähigkeit zweidimensionaler Dialekterhebung und Dialektkartographie am Beispiel des Mittelrheinischen Sprachatlasses« (Günter Bellmann, Mainz) und Sprachwandelprozessen in der »Berliner Stadtsprache« (Helmut Schönfeld, Berlin). Während fast alle Referenten Ergebnisse abgeschlossener oder zumindest weit fortgeschrittener Forschungsprojekte präsentierten, gab Peter Wagener vom »Deutschen Spracharchiv« im IDS mit seiner Projektskizze »Nach 40 Jahren - Zu individuellen Veränderungen gesprochener Sprache« Einblicke in die »Linguistenwerkstatt«. Wagener referierte über die Ergebnisse einer Pilotstudie, in deren Rahmen nach 40 Jahren dieselben Informanten, von denen bereits Tonbandaufnahmen im Archiv vorliegen, erneut aufgesucht und aufgenommen wurden.

Vor allem in den Bereichen Phonetik/ Phonologie und Morphologie ließen sich sprachliche Veränderungsprozesse, die sich während der letzten vier Jahrzehnte vollzogen haben, dokumentieren.

Das Deutsche Spracharchiv hofft, mit einer »Sprecherdialektologie«, die Sprachbiographie, Sprachverwendung, Spracheinstellung und Sprachsubstanz einzelner Informanten untersucht, am Ende der Forschungsarbeit eine »Topographie des sprachlichen Wandels« zu gewinnen. Diese soll die dialektalen Kerngebiete des deutschen Sprachraums umfassen. Den Abschluß der Jahrestagung bildete eine Podiumsdiskussion zur Frage »Dialektverfall oder Mundartrenaissance?«. Hermann Bausinger (Tübingen), Jan Goossens (Münster/Löwen), Renate Herrmann-Winter (Greifswald), Klaus Mattheier (Heidelberg), Ingo Reiffenstein (Salzburg) und Heinrich Löffler (Basel) informierten über Bemühungen der Mundartpflege in verschiedenen deutschsprachigen Regionen. Kontroverse Ansichten waren bei dieser Diskussion jedoch selten. Mattheier stellte eine »dialektale Kulturszene« mit Dialekttheater, Dialektliteratur und journalistischen Dialekttexten vor allem in Regionen fest, in denen die Mundart in ihrer sprachlichen Substanz und ihrem Gebrauch her bedroht sei.

Den Begriff »Dialektrenaissance« lehnte Heinrich Löffler ab. Er sah nur eine »vermehrte Wahrnehmbarkeit der Dialekte durch die Sendungen lokaler Fernseh- und Rundfunkstationen«. Herrmann-Winter hingegen will schon eine »Zunahme der Domänenanzahl für den Dialektgebrauch« erkannt haben, was für eine Renaissance sprechen würde. Daß keine noch so engagierte Wiederentdeckung und Förderung der Dialekte ihren Abbau verhindern könnte, erklärten die übrigen Diskussionsteilnehmer. Goossens sprach in diesem Zusammenhang von einer »Regiolektisierung der Dialekte«. Reiffenstein betonte, daß auch die sich aus den alten Ortsdialekten entwickelnden, neu entstehenden Varietäten als »dialektale Sprachformen« anzusehen seien. Und Bausinger schließlich stellte klar, »daß die Möglichkeit, über Sprache Identität zu stiften, auch bei den großräumigeren dialektalen Varietäten« gegeben sei.

Zusammenfassend kann man festhalten, daß sich die areale Perspektive der Sprachwissenschaft nach 1989 grundlegend geändert hat: von einem Gegensatz »West/ Ost« zu einem Gegensatz »Nord/ Süd«. Den Dialekten und regionalen Umgangssprachen als »Mittel der Solidarisierung nach innen und der Abgrenzung nach außen« (Gerhard Stickel, IDS) kommt bei der Erforschung dieses Spannungsfelds eine besondere Bedeutung zu. Im Rahmen der IDS-Jahrestagung wurde der »Konrad-Duden-Preis« der Stadt Mannheim für das Jahr 1995 dem Braunschweiger Sprachwissenschaftler Helmut Henne verliehen.

Der Autor ist wissenschaftliche Hilfskraft am Seminar für Allgemeine Linguistik der Universität Mannheim.