Abstracts Deutsche Sprache 1/11

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Markus Hundt

Doppelte Perfektkonstruktionen mit haben und sein

Funktionale Gemeinsamkeiten und paradigmatische Unterschiede

Abstract

In diesem Beitrag wird zwei Fragestellungen im Zusammenhang mit dem doppelten Perfekt und dem doppelten Plusquamperfekt nachgegangen. Zum einen wird am Beispiel dieses in den maschinenlesbaren Textkorpora niederfrequenten Phänomens gezeigt, welche methodischen Schlussfolgerungen sich ziehen lassen, wenn man für die Untersuchung verschiedene Textkorpora heranzieht. Ausgewertet wurden die IDS-Korpora, das DWDS-Kernkorpus und das ZEIT-Korpus. Zum anderen wird - nach einem Blick in die historische Entwicklung der doppelten Perfektkonstruktionen - gezeigt, dass doppelte Perfektkonstruktionen mit dem Auxiliar sein einem syntaktischen Reanalyseprozess unterworfen sind, der dafür spricht, dass es sich hier nicht um doppelte Perfektkonstruktionen (wie bei Konstruktionen mit dem Auxiliar haben) handelt, sondern um einfache Perfektkonstruktionen der Kopula sein mit einem prädikativen Partizip II.

This article explores two problems connected with the double perfect and the double pluperfect. First, using the example of this low-frequency phenomenon in machine-readable corpuses, it shows that the methodological conclusions which can be drawn vary according to the text corpus used in the study. We analyse the IDS-corpuses, the DWDS core corpus and the ZEIT corpus. Secondly - after looking at the historical development of the double perfect constructions - the article shows that double perfect constructions with the auxiliary verb sein are subject to a process of syntactic reanalysis, which suggests that these are not actually double perfect constructions (as in constructions with the auxiliary haben), but simple perfect constructions of the copula sein with a predicative perfect participle.


Bjarne Ørsnes

"Arbeite lieber, als dass Du Maulaffen feilhälst!"

Zur Syntax und Semantik der vergleichend-substitutiven lieber-als-Konstruktion im Deutschen

Abstract

Der Aufsatz beschreibt die Syntax und Semantik der vergleichend-substitutiven lieber-als-Konstruktion im Deutschen. Die Lesarten von lieber werden als Unterschiede in Bereich, Vergleichsbasis und Orientierung beschrieben, und die syntaktischen Unterschiede zwischen dem verbgruppenbezogenen und dem satzbezogenen lieber werden aufgezeigt. Das satzbezogene lieber drückt einen Vergleich zwischen zwei sich gegenseitig ausschließenden Sachverhalten sowie die Orientierung von lieber auf entweder eine Topikentität oder den Sprecher aus. Die unterschiedliche Orientierung geht mit einem Unterschied in der Vergleichsbasis als entweder Präferenz oder Angemessenheit einher. Das satzbezo­gene lieber verhält sich ferner wie ein Fokusadverbial und die flexible Stellung von lieber trägt zur Festlegung des Komparationsfokus und damit des Komparandums bei. Es wird außerdem gezeigt, wie die als-Phrase in Abhängigkeit von der Partnerkonstituente ausgestaltet wird, d.h. von demjenigen Teil des Trägersatzes, den die als-Phrase ersetzen soll. Ist die Partnerkonstituente ein selbstständiges Satzglied oder Teil eines Verbalkomplexes, weist das als-Komplement eine (syntaktisch) funktionale Übereinstimmung mit seiner Partnerkonstituente auf. Stellt der ganze Trägersatz die Partnerkonstituente dar, liegt im als-Komplement Subordination in der Form eines dass-Satzes oder eines zu-Infinitivs vor.

The article describes the syntax and semantics of the comparative substitutive lieber-als ("rather than")-construction in German. The different readings of lieber are described as a difference in scope, point of comparison and orientation, and the syntactic differences between the VP- and the S-related readings of lieber are outlined. The S-related lieber denotes a comparison between two mutually exclusive propositions and allows orientation to either a topical entity or the speaker. The different orientations of the S-related lieber are correlated with a difference in point of comparison as either preference or appropriateness. In addition, the S-related lieber behaves like a focus adverbial and the flexible linearization possibilities restrict the focus of comparison in the main clause, i.e. the proposition to be compared. It is shown how the syntactic category of the complement of als ("than") is determined by the partner constituent, i.e. the part of the main clause that the als phrase is supposed to replace. If the partner constituent is an independent constituent of the main clause or part of a verbal complex, the als complement is functionally equivalent to the partner constituent, i.e. the category matches the syntactic function of the partner constituent. If the whole main clause is the partner constituent, the complement of als exhibits subordination in the form of a dass ("that") clause or a zu ("to") infinitive.


Vedad Smailagić

Die Präposition angesichts

Abstract

Dieser Aufsatz behandelt den Gebrauch der deutschen sekundären Präposition angesichts im Text und im Satz. Die Untersuchung basiert auf einem Korpus aus der Süddeutschen Zeitung und dem Mannheimer Morgen, beide Jahrgang 2003. Es wird zunächst gezeigt, dass die regierte Nominalphrase morphologisch und semantisch meistens sehr komplex ist und dass es nur ausnahmsweise Belege für ein einfaches Nomen ohne Attribute wie z.B. angesichts des Krieges gibt. Weiter konnte die Untersuchung zeigen, dass angesichts-Phrasen schon bekannte Informationen liefern, die eigentlich Prämissen für die neuen Informationen im Text darstellen. Davon zeugt unter anderem die Tatsache, dass die meisten regierten Nominalphrasen mit bestimmtem Artikel, Demonstrativum oder Possessivum vorkommen. Syntaktisch gesehen, sind die angesichts-Phrasen Adverbiale, die semantisch temporal, kausal, konditional oder konzessiv interpretiert werden können, und dabei - mit Ausnahme von temporaler Lesart - immer auch epistemische Bedeutung haben. Die meisten Beispiele sind die kausalen angesichts-Phrasen, die in vieler Hinsicht den epistemisch-kausalen da-Sätzen ähneln.

This article discusses the use of the German secondary preposition angesichts at the level of text and sentence. The study is based on a corpus from the Süddeutsche Zeitung and the Mannheimer Morgen, both from the year 2003. It is first shown that the governed noun phrase is usually morphologically and semantically very complex and that there are only exceptional cases of nouns without attributes such as angesichts des Krieges. Next, the study shows that angesichts phrases contain known information which actually constitutes premises for the new information in the text. This is demonstrated, among other things, by the fact that most of the governed noun phrases occur with the definite article, demonstrative or possessive. Syntactically, angesichts phrases are adverbials which can be interpreted in temporal, causal, conditional or concessive senses and - with the exception of temporal readings - always have epistemic meaning. Most of the examples given are causal phrases, which are in many ways similar to epistemic-causal da clauses.


Daniel Gutzmann

Ob einer wohl recht hat?

Zwei Satzmodustheorien für das Deutsche im Vergleich

Abstract

Dieser Aufsatz vergleicht die zwei Theorien von Lohnstein (2000, 2007) und Truckenbrodt (2006a, 2006b) über die Beziehung zwischen syntaktischen Satztypen und semantischen Satzmodi im Deutschen. Beide Ansätze basieren auf dem Gedanken, die syntaktische Bewegung von Ausdrücken in die linke Peripherie des Satzes so mit semantischen Operationen zu verknüpfen, dass der Satzmodus für jeden Satztyp kompositional abgeleitet werden kann. Selbstständige Sätze mit Verbletzt-Stellung dienen als Testfall für die beiden Theorien, insbesondere solche, die durch den Komplementierer ob eingeleitet werden, da diese eine sehr spezielle Syntax mit einer festgelegten Semantik verbinden. Auch wenn beide Ansätze nicht dazu in der Lage sind, alle Eigenschaften von selbstständigen ob-Verbletztsätzen zu erfassen, zeigt der Vergleich, dass Truckenbrodts Ansatz besser abschneidet als Lohnsteins.

This paper compares the two approaches to the interface between syntactic sentence typ and semantic sentence moods in German as proposed by Lohnstein (2000, 2007) and Truckenbrodt (2006a, 2006b). Both accounts are based on the idea of connecting the syntactic movement of expressions to the left periphery with semantic operations to derive the sentence mood for each sentence type in a compositional fashion. The approaches are evaluated with respect to verb-final sentences introduced by the complementizer ob 'whether', since due to its special form and meaning, this sentence type prooves to be a good test case for any sentence-type/sentence-mood theory. While both accounts are not able to deal with all features of verb-final ob-clauses, the comparison shows that Truckenbrodt's approach performs better than the one proposed by Lohnstein.