Abstracts Deutsche Sprache 1/10

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Heinz Leonhard Kretzenbacher

"Man ordnet ja bestimmte Leute irgendwo ein für sich ...?"

Anrede und soziale Deixis

Abstract

Anrede ist ein zur sozialen Positionierung von Gesprächspartnern wichtiges sprachliches Mittel. Das metaphorische Konzept "Distanz" wird zur Beschreibung solcher sozialen Positionierungen in der Linguistik und anderen Sozialwissenschaften zwar häufig, aber nicht in sehr konsistenter Weise verwendet. In diesem Aufsatz wird ein integratives zweidimensionales Modell gleitender Skalen empfundener vertikaler (hierarchischer) und horizontaler (sozialer) Distanz zwischen Gesprächspartnern entwickelt, das es diesen ermöglicht, intuitiv die richtige Anredeform für eine gegebene Gesprächskonstellation zu wählen. Das Modell wird durch empirische Daten metalinguistischer Kommentare zur Anrede untermauert und dient als Basis zur Beschreibung deutscher Anredeformen mit Bezug auf ihre Position auf beiden Skalen.

Forms of address are a major linguistic instrument for the social positioning of interlocutors in conversation. The metaphor of "distance" has frequently been used in linguistics and other social sciences to describe this social positioning, but it is used inconsistently. This article suggests an integrated two-dimensional model of gliding scales of perceived vertical (hierarchical) and horizontal (social) distance between interlocutors as an intuitive means of finding the appropriate form of address in a given conversation. The model is supported by empirical data consisting of metalinguistic comments on the address system by native speakers and is used as the basis for the description of German forms of address in relation to their position on both scales.


Mathilde Hennig

Plädoyer für eine Grammatikbenutzungsforschung: Anliegen, Daten, Perspektiven

Abstract

Der vorliegende Beitrag plädiert für die Etablierung einer Grammatikbenutzungsforschung nach dem Vorbild der Wörterbuchbenutzungsforschung. Ziel ist es, auf der Basis von Kenntnissen über die Benutzung von Grammatiken den Nutzwert zukünftiger Nachschlagewerke zu erhöhen. Die Überlegungen zur Grammatikbenutzungsforschung werden durch eine empirische Erhebung zur Benutzung der Dudengrammatik illustriert, mit der Daten zu den Benutzern der Grammatik, ihren Erwartungen an die Grammatik sowie ihre grammatischen Fragen erfasst werden konnten.

This article argues for the establishment of a grammar use research on the model of dictionary use research. The aim is to increase the usefulness of future reference works through a better understanding of how grammars are used. The points to be considered by grammar use research are illustrated by an empirical survey on the use of the Duden Grammar which contains data on the users of the grammar, their expectations of the grammar and their grammatical questions.


Kristof Baten

Die Erwerbssequenzhypothese: Theorie und Praxis des Kasuserwerbs

Abstract

In der Spracherwerbsforschung wird die Annahme, dass grammatische Strukturen in Stadien erworben werden, seit langem allgemein akzeptiert. So lässt sich im DaF-Bereich von zahlreichen Studien empirisch nachweisen, dass der Erwerb der deutschen Wortfolge nach einer implikativen Sequenz abläuft. Anders ist es um den Erwerb der deutschen Morphologie bestellt, der nur gelegentlich untersucht worden ist. So wurde zum Beispiel dem Erwerb des deutschen Kasussystems im Fremdsprachenunterricht - anders als im Erstsprachenerwerb - kaum Aufmerksamkeit gewidmet. Dieser Beitrag will dem Kasuserwerb im Fremdsprachenunterricht als Forschungsgegenstand einen neuen Impuls geben, sowohl aus erwerbstheoretischer Sicht als auch im Hinblick auf die Unterrichtspraxis. Aus theoretischer Sicht vermittelt der Beitrag auf der Grundlage einer aktuellen Erwerbstheorie, nämlich der Processability Theory, einen Entwurf eines Erwerbsszenarios. Für ältere Ergebnisse aus dem Forschungsbereich des Deutschen als Muttersprache und Zweitsprache eröffnet diese Theorie eine völlig neue Perspektive. Bezüglich der Unterrichtspraxis werden Überlegungen darüber angestellt, ob eine feste Sequenz im Kasuserwerb für die Progression im Grammatikunterricht Konsequenzen hat. In the field of second language acquisition (SLA), it is a commonly held view that language acquisition evolves along a developmental sequence. In the field of German as a Second Language (GSL) there is a considerable amount of empirical evidence on developmental sequences, but such studies are confined to German word order rules, and only occasionally include the acquisition of German morphological features. The acquisition of the German case system in a formal language learning setting has hardly been studied from a developmental point of view at all (in contrast to L1 research). Against this background, the present article seeks to give impetus to further research on case acquisition, serving both a theoretical and an applied purpose. From a theoretical point of view, the article seeks to formulate a developmental sequence for case acquisition on the basis of a current SLA-theory, i.e. Processability Theory. It also sheds new light on older descriptive studies from the fields of both first and second language acquisition. The paper ends with some reflections on the consequences a fixed sequence of case acquisition might have for the teaching of German grammar.


Irene Szumlakowski

"Dann brauche ich nicht mehr zum Rathaus."

Eine weitere Modalverbeigenschaft des Verbs brauchen

Abstract

Die Stellung des Verbs brauchen innerhalb der Gruppe der Modalverben ist umstritten, auch wenn dieses Lexem einige Eigenschaften mit den Modalverben teilt. Andere wesentliche Merkmale dieser Verbgruppe weist dieses Verb dagegen nicht auf. Von der Analyse eines Korpus ausgehend, wird ein weiterer Gebrauch dieses Verbs gezeigt, der seine Stellung als Modalverb bekräftigen kann.

It is a matter of debate whether verb brauchen should be included in the group of the German modal verbs. Although this verbal lexeme shares some formal features with the other modal verbs, it does not exhibit some essential characteristics of this verbal group. We start out by analysing a corpus, in which another function of the verb brauchen is shown which may reaffirm its place among the German modal verbs.