Abstracts Deutsche Sprache 1/09

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Klaus-Peter Konerding

Unterspezifikation, Sorten und Qualia-Rollen: Skizze eines integrativen Modells

Abstract

Probleme der Bedeutungszuweisung bei systematischer oder kontextspezifischer Polysemie werden heute in der Regel mit Hilfe von Modellen der inferentiellen Anreicherung lexikalischer Basisbedeutungen gelöst (lexikalische Unterspezifikation). Derzeit dominieren zwei prominente Varianten für die Modellierung. Diese Varianten unterscheiden sich zum einen nach Art und Grad des Umfangs, der für die Grundbedeutung lexikalischer Einheiten vorgesehen wird, zum anderen nach der jeweiligen Methode der Zuweisung kontextspezifischer Bedeutungen (Qualia-Selektion vs. Abduktion). Beide Varianten stehen sich etwas unversöhnlich gegenüber. Im Rückgriff auf ein bisher fehlendes Verfahren der empirischen Fundierung von Qualia-Rollen wird ein Modell der Bedeutungsanreicherung auf der Grundlage einer Sortierung von Kontexten skizziert, das über eine semantisch-konzeptuelle Schnittstellen-Schichtung die letztlich notwendige Synthese der beiden Ansätze ermöglicht. Zugleich werden die jeweiligen Schwächen der beiden Ansätze mit einem wesentlichen Synergiegewinn für die adäquate Klärung der entsprechenden Phänomene überwunden.

Problems arising from the assignment of meaning in cases of systematic or context-specific polysemy are nowadays usually approached by means of models of inferential enrichment of basic lexical meanings (lexical underspecification). Two predominant variants of this kind of modelling may be distinguished. They differ from each other in what they assume basic lexical meanings to encompass as well as in the method by which they take meanings to be assigned to lexical items in context (qualia-selection vs. abduction). These two models may be considered as being opposed to one another to some extent. Using a procedure which gives qualia-roles an empirical basis, this contribution presents an outline of an alternative model of meaning enrichment. This model is based on the sorting of contexts and uses a layered structure of semantic-conceptual interfaces, thereby overcoming the weaknesses associated with each of the rivalling models. It also offers a substantial gain in synergy, increasing its explanatory power.


Edeltraud Winkler

Überlegungen zu Artefaktbezeichnungen im Deutschen

Abstract

Die Artefaktbezeichnungen im Deutschen weisen, wie viele andere sprachliche Ausdrücke auch, eine vom Kontext abhängige Bedeutungsvariation auf, die sich nach systematisch wiederkehrenden Mustern gestaltet. Ein Ziel dieser Untersuchung ist es, herauszufinden, wie diese Bedeutungsvariation zustande kommt und welche semantischen Relationen oder Merkmale das Bindeglied zwischen den einzelnen Varianten der Wortbedeutung bilden. So lässt sich auch der Grad an Systematizität oder Regelhaftigkeit der Polysemie genauer bestimmen. Die Bedeutungsvariationen bei Artefaktbezeichnungen werden hier im wesentlichen als Fälle von metonymischer Bedeutungsverschiebung behandelt. Den Ausgangspunkt der Analyse bildet dabei eine unterspezifizierte semantische Form der sprachlichen Ausdrücke, die mit Hilfe verschiedener inferenzieller Verfahren und unter Einbeziehung von Kontext und Weltwissen schrittweise angereichert und modelliert wird.

German artifact expressions, like many other linguistic expressions, show a context-dependent variability of meaning which follows systematically recurring patterns. This investigation aims to explore the reasons for this variability of meaning and to identify the semantic relations or features linking the different meaning variants. By identifying links among these, the degree of systematicity or regularity of the polysemy of these lexical items may be determined more precisely. Variations in the meaning of artifact expressions are basically treated as cases of metonymic shift. The analysis proposed assumes that the semantic form of artifact expressions is underspecified and is gradually enriched and modelled by inferential procedures and by the inclusion of context and encyclopaedic knowledge.


Klaus von Heusinger

Zur Bedeutung von Derivationen an der Schnittstelle von lexikalischer Semantik und konzeptueller Struktur

Abstract

Die Bedeutungsvielfalt von Derivationen hängt von der lexikalischen Bedeutung der Basis, der Funktion des Derivationsaffixes, der konzeptuellen Struktur und weiterer situationeller Information ab. Das Zusammenspiel von diesen unterschiedlichen Ebenen soll exemplarisch an Nominalisierungen auf -ata im Italienischen untersucht werden, da diese sich durch eine erstaunliche Variation auszeichnen. Sie werden produktiv von verbalen und nominalen Basen gebildet. Während deverbale Derivationen ein abgegrenztes und individuiertes Ereignis bezeichnen, können denominale Ableitungen unterschiedliche Typen von Ereignissen oder Resultaten entsprechend einer begrenzten Anzahl von Mustern bezeichnen. Trotz dieser sehr unterschiedlichen Bedeutungen wird eine unterspezifizierte Semantik für das Suffix vorgeschlagen, dass abhängig von den konzeptuellen Eigenschaften der Basis die Bedeutung der Derivation festlegt. Eine semantische Analyse von Nominalisierung auf -ata trägt somit auch zum allgemeinen Verständnis der Interaktion zwischen lexikalischer Semantik und konzeptueller Struktur bei.

The semantic diversity of derivations depends on the lexical meaning of the base, the function of the derivational affix, the conceptual structure and other situational information. This contribution investigates the interaction of these different levels as exemplified by Italian nominalisations on -ata, whose meanings are remarkably variable. They are built productively from verbal and nominal bases. While deverbal derivations denote delimited and individuated events, denominal ones may denote different types of events or results which correspond to a limited number of patterns. In spite of these highly different meanings, this contribution assumes that the meaning of the suffix is underspecified and that the suffix determines the meaning of the derivation on the basis of the conceptual properties of the base. The semantic analysis of nominalisations on -ata hence contributes to broaden our understanding of the interaction between lexical semantics and conceptual structure.


Kristel Proost

Bedeutung und Standardinterpretation von Äußerungen mit negierten negativ-bewertenden Adjektiven

Abstract

Thema dieses Beitrags ist der Unterschied zwischen der Bedeutung und der Standard- oder "Default"-Interpretation von Äußerungen mit negierten lexikalischen bzw. un-präfigierten Antonymen graduierbarer Adjektive wie intelligent (z.B. X ist nicht dumm vs. X ist nicht unintelligent). Ausgehend von der Darstellung der Bedeutung und der Standarinterpretation der entsprechenden nicht-negierten Formen dieser Äußerungen (z.B. X ist dumm vs. X ist unintelligent) wird zunächst gezeigt, dass Äußerungen wie X ist nicht dumm und X ist nicht unintelligent sich im Hinblick auf das, was mit ihnen kodiert ist, unterscheiden: Äußerungen mit negierten lexikalischen Antonymen (X ist nicht dumm) umfassen sowohl den positiven als auch den neutralen Mittelbereich der jeweils relevanten Skala, solche mit negierten un-präfigierten Antonymen (X ist nicht unintelligent) hingegen nur den positiven Bereich. Die beiden Typen von Äußerungen unterscheiden sich aber auch im Hinblick auf ihre Standardinterpretation: Obwohl sie beide überlicherweise als "eher X" oder "ziemlich X" (z.B. "eher intelligent" oder "ziemlich intelligent") interpretiert werden, wird die mit den negierten, un-präfigierten Formen ausgedrückte Bewertung von Muttersprachlern (des Deutschen) häufig als positiver eingeschätzt als die Bewertung, die mit den negierten nicht-abgeleiteten Formen ausgedrückt wird.

This contribution deals with the difference between the meaning and the standard or default interpretation of utterances containing negated lexical vs. morphological antonyms of gradable adjectives such as intelligent (e.g. X is not stupid vs. X is not unintelligent). Starting from the description of the meaning and the standard interpretation of the positive equivalents of these utterances (X is stupid vs. X is unintelligent), utterances like X is not stupid and X is not unintelligent are first shown to differ with respect to what they code: Utterances with negated lexical antonyms (X is not stupid) are used to refer to the positive as well as the neutral middle area of the relevant scale, while such with negated morphological antonyms (X is not unintelligent) may only be used to refer to the positive section of that scale. Apart from being different with respect to what they code, utterances like X is not stupid and X is not unintelligent also differ regarding their standard interpretation: both are interpreted by default as "rather X" or "fairly X" (e.g. as "rather intelligent" or "fairly intelligent"), but the evaluation expressed by the negated morphological form is frequently judged by native speakers (of German) to be more positive than the one expressed by the negated lexical form.