Abstracts Deutsche Sprache 4/07
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Hardarik Blühdorn
Zur Struktur und Interpretation von Relativsätzen
Abstract
Der vorliegende Aufsatz hat zwei Ziele. Zum einen untersucht er die syntaktische, prosodisch-informationsstrukturelle und semantisch-pragmatische Vielfalt adnominaler Relativsätze des Gegenwartsdeutschen anhand von vier Dimensionen der Nähe und Ferne zwischen Bezugsnominale und Relativsatz: Kontaktstellung vs. Distanzstellung, hypotaktischer vs. parataktischer Anknüpfung, unselbständiger vs. selbständiger Phrasierung und Restriktivität vs. Appositivität. In der Relativsatz-Literatur finden sich zahlreiche Thesen über Beschränkungen in der Kombinierbarkeit dieser Eigenschaften. Kaum eine davon hält jedoch einer genaueren Überprüfung stand, sodass der Aufsatz zu dem Fazit gelangt, dass deutsche Relativsätze wesentlich mehr Variation zulassen, als üblicherweise angenommen wird.
Zweitens untersucht der Aufsatz eingehender die Opposition zwischen restriktiven und appositiven Relativsätzen. Auch über diese wichtige Unterscheidung sind zahlreiche Annahmen in Umlauf, die sich als revisionsbedürftig erweisen. Es wird gezeigt, dass zwei weit verbreitete Unterscheidungskriterien nur bedingt anwendbar bzw. operationalisierbar sind: die Einschränkung des Referenzbereichs durch restriktive Relativsätze und das unterschiedliche Skopusverhalten. Stattdessen wird auf Unterscheidungskriterien gesetzt, die bisher eher wenig beachtet wurden: die Referentialität des Relativpronomens und die Deskriptivität des Bezugsnominales. Diese werden als entscheidende Faktoren für die semantische Interpretation von Relativsätzen herausgestellt. Appositive Interpretation von Relativsätzen ist möglich, wenn ihr Relativpronomen referentiell gedeutet werden kann. Restriktive Interpretation von Relativsätzen ist möglich, wenn das Bezugsnominale eine deskriptive Komponente enthält. Sind beide Bedingungen erfüllt, so kann ein Relativsatz auf beide Arten gelesen werden. Dann muss pragmatisch zwischen den Interpretationsmöglichkeiten ausgewählt werden.
This article has two objectives. Firstly, it investigates the diversity of adnominal relative clauses in present-day German with respect to syntax, prosody and information structure, and finally semantics and pragmatics. It distinguishes four dimensions of proximity vs. remoteness between the relative clause and its nominal antecedent: positional contact vs. positional distance, hypotactic vs. paratactic linking, dependent vs. independent prosodic phrasing and restrictive vs. appositive function. In the literature on relative clauses, numerous attempts have been made to formulate restrictions on combinations of these properties. But hardly any of the postulated restrictions turns out to be empirically valid. The first conclusion reached in this paper is therefore that German relative clauses allow for much more variation than it is generally assumed.
Secondly, the paper examines more closely the opposition between restrictive and appositive relative clauses. With respect to this distinction, too, numerous assumptions have been formulated which are in need of revision. It will be shown that two of the criteria widely used for explaining the difference between restrictive and appositive relative clauses are not adequate for the purpose: referential restriction of the nominal antecedent and different scopal behaviour. For an alternative approach two criteria, which have been less prominent in the literature, are taken as a starting point: the referentiality of the relative pronoun and the descriptive properties of the nominal antecedent. It will be argued that these are the crucial factors which trigger the semantic interpretation of relative clauses. Appositive interpretations are possible if the relative pronoun can be read referentially. Restrictive interpretations are possible if the nominal antecedent contains a descriptive component. In cases where both conditions are fulfilled, the relative clause can be interpreted both restrictively and appositively. A decision between the two readings must then be taken on pragmatic grounds.
Carmen Mellado Blanco
Die nicht denotativen Bedeutungskomponenten der Phraseologismen: Ihre phraseografische Behandlung im Rahmen der strukturellen Semantik
Abstract
Gegenstand dieses Beitrags sind die als nicht denotativ aufzufassenden Bedeutungskomponenten der Phraseologismen (PH), die einen wesentlichen Anteil der idiomatischen Bedeutung ausmachen. Dabei wird das Augenmerk auf die Seme konnotativen, stilistischen und pragmatischen Charakters gerichtet, die besonders im Anhängerkreis der strukturellen Semantik unter der Rubrik der .latenten Seme. Aufmerksamkeit erweckten. In diesem Zusammenhang wird die semantische Umkehrprobe als eine der representativsten Untersuchungsmethoden zur Beschreibung und lexikografischen Darstellung der nicht denotativen Bedeutungskomponenten der PH unter die Lupe genommen. Anhand von (1) Definitionsvergleichen zwischen den beiden bis jetzt erschienenen Auflagen von Duden Redewendungen (1992; 2002), und (2) von einigen experimentellen Bedeutungsdarstellungen von PH in Beiträgen der 80er und 90er Jahre versucht dieser Aufsatz, einen retrospektiven Überblick über die Forschung der zwei letzten Jahrzehnte des 20. Jhs. zur Darstellung der phraseologischen Bedeutung anzubieten.
The subject of this paper is the analysis of the elements in the meaning of idioms that cannot be considered denotative, which form a fundamental part of the idiomatic meaning. We will particularly examine the stylistic and pragmatic connotative components of the phraseological meaning which, using the name .latent components., were studied by the followers of structural semantics. In this context we will take special notice of the semantic test of reversibility as one of the most representative research methods for the lexicographical description and representation of the non-denotative semantic components of the idioms. Using (1) the comparisons of definitions in the two editions of Duden Redewendungen (1992; 2002), and (2) the experimental descriptions of the meaning of idioms in articles from the 80s and the 90s, this study will try to offer a panoramic retrospective on research in the last two decades of the twentieth century on description of phraseological meaning.
Koniba Diabaté
Versuch zu einem integrativen Textverständnis als Rahmenmodell für die Beschreibung von Texten
Abstract
Mit dem vorliegenden Beitrag wird ein umfassendes integratives Textverständnis angestrebt. Im Vorfeld dieser Auseinandersetzungen werden - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - vorhandene Definitionsmöglichkeiten erörtert. Es besteht bisher die Tendenz, Texte entweder auf der Ebene der Oberfläche oder auf der semantischen Ebene oder auf der Handlungsebene oder auch auf der pragma-kommunikativen oder auf der kognitiven Ebene zu definieren (vgl. dazu u.a. Heinemann 2002, S. 64-95; Klemm 2002, S. 17-29; Brinker 2001, S. 12). All diese isolierten Definitionsversuche machten - jeder auf seine Weise - den Weg zu textlinguistischen Forschungen gangbar und verdienen insofern Hochachtung und Anerkennung. Es obliegt nun der Kompetenz der neuen Generation, zu unter¬suchen und zu prüfen, ob das Zusammenwirken bzw. das Ineinandergreifen der grammatischen, semantischen, handlungsorientierten, pragma-kommunikativen und der kognitiven Anteile von Texten nicht von größerem Interesse wäre und deshalb nicht ins Blickfeld rücken sollte. Auf jeden Fall erweist sich eine gewisse Kooperation, besser Integration als erforderlich.
This article aims at a comprehensive integrative understanding of texts. As a means of achieving this, existing definitions are discussed - without claiming to be comprehensive. So far there has been a tendency to define texts either on the surface level, on the semantic level, on the action level, on the pragma-communicative or on the cognitive level. All these isolated attempts at definitions have - each in its own way - contributed to the development of research in text linguistics, and to that extent they deserve respect and acknowledgment. It is now incumbent on the new generation to examine whether the interplay or interlinking of the grammatical, semantic, action-oriented, pragma-communicative and cognitive elements of texts is not of greater interest and should not therefore become the focus of attention. In any case a certain co-operation, or better: integration, is shown to be necessary.