Abstracts Deutsche Sprache 3/07
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Gisela Zifonun
Relativsyntagmen im Deutschen und in europäischen Vergleichssprachen: Funktionale Domäne und ausgewählte Varianzparameter
Abstract
Der Beitrag verfolgt zwei Zielsetzungen: eine deskriptive und eine methodologische. Auf der Ebene grammatischer Beschreibung erfolgt eine Analyse der deutschen Relativsatzkonstruktion aus der Gegenüberstellung mit entsprechenden Konstruktionen anderer europäischer Sprachen heraus, insbesondere mit Konstruktionen des Englischen, Französischen, Polnischen und Ungarischen, den Kernkontrastsprachen des Projekts "Grammatik des Deutschen im europäischen Vergleich". Dabei wird auf die zentralen Projektkonzepte 'funktionale Domäne' und 'Varianzparameter' rekurriert. Die funktionale Domäne des Relativsatzes wird als Beitrag zu der übergreifenden Funktion nominaler Konstruktionen, nämlich der Referenz, bestimmt und zwar als referentielle Modifikation des begrifflichen Kerns durch einen verankernden Sachverhalt. Von den die Sprachen differenzierenden Parametrisierungen werden drei herausgegriffen und in ihrer Korrelation diskutiert.
In methodologischer Hinsicht soll am Beispiel des Relativsatzes gezeigt werden, in welcher Weise typologische Generalisierungen, Kontraste zwischen - in diesem Fall überwiegend nah verwandten bzw. über Sprachkontakte miteinander verbundenen - Sprachen und einzelsprachenspezifische Eigenschaften aufeinander zu beziehen sind, immer im Dienst einer besseren Einsicht in das Funktionieren des Deutschen.
This article has two objectives, one descriptive and the other methodological. On the level of grammatical description, an analysis of the German relative clause construction is undertaken from the point of view of a contrast with corresponding constructions in other European languages, in particular English, French, Polish and Hungarian, the core contrast languages of the project "German grammar in a European comparison". Reference is made to the central concepts of the project, 'functional domain' and 'variance parameter'. The functional domain of the relative clause is defined as a contribution to the general function of nominal constructions, i.e. reference, specifically as referential modification of the conceptual core by the circumstances in which it is embedded. Three parameters which differentiate between the languages are picked out and discussed in their correlation with one another.
As far as the methodology is concerned, the example of the relative clause is used to show how typological generalisations, contrasts between languages - in this case predominantly closely related languages or languages which have long been in contact with one another - and characteristics specific to individual languages are connected, always with a view to obtaining a better insight into the way the German language functions.
Lutz Gunkel
Demonstrativa als Antezedentien von Relativsätzen
Abstract
m Deutschen und anderen europäischen Sprachen können Demonstrativa das Antezedens von Relativsätzen bilden oder als Determinator eines solchen Antezedens fungieren. Konstruktionen dieser Art weisen Besonderheiten in Bezug auf Form und Bedeutung auf: Einerseits finden sich Demonstrativa, die nicht oder nur marginal mit appositiven Relativsätzen kombiniert werden können, andererseits solche, die entweder keine restriktiven Relativsätze zulassen oder sich mit diesen nur in speziellen, nichtdeiktischen und nichtphorischen Bedeutungen kombinieren lassen. Zumindest einige dieser Besonderheiten scheinen auf allgemeinere, sprachübergreifende Beschränkungen hinzuweisen. So zeigt sich tendenziell, dass die Kombinierbarkeit von Demonstrativa mit restriktiven Relativsätzen mit der deiktischen Stärke des Demonstrativums korreliert: Distanzmarkierende und in diesem Sinn deiktisch starke Demonstrativa schließen restriktive Relativsätze tendenziell aus, während distanzneutrale oder nichtdeiktisch verwendbare Demonstrativa sie in der Regel zulassen. Beschränkungen dieser Art werden anhand des Deutschen, Französischen und Schwedischen aufgezeigt.
In German and other European languages, demonstratives can form the antecedent of relative clauses or function as the determiner of such an antecedent. Constructions of this kind exhibit peculiarities in both form and meaning: on the one hand there are demonstratives which are not combinable or are only marginally combinable with appositive relative clauses, and on the other hand there are those which either do not permit restrictive relative clauses or can be combined with these only in special, non-deictic and non-phoric meanings. At least some of these characteristics seem to point to more general restrictions which can be found in many languages. Thus the combinability of demonstratives with restrictive relative clauses tends to correlate with the deictic strength of the demonstrative: distance-marking and in this sense deictically strong demonstratives tend to exclude restrictive relative clauses, while distance-neutral or non-deictically usable demonstratives usually permit them. Restrictions of this kind are identified in German, French and Swedish.
Miriam Ravetto
Es war einmal ein Königssohn, der bekam Lust in der Welt umher zu ziehen
Die deutschen d-V2-Sätze: synchrone und diachrone Überlegung
Abstract
n diesem Aufsatz geht es um Sätze, deren Vorfeld mit einem anaphorischen d-Pronomen des Typs der/die/das besetzt ist und die - im Gegensatz zu Relativsätzen - Zweitstellung des Finitums aufweisen (d-V2-Sätze), wie in: Ich habe einen Bekannten, der fährt einen Porsche. Sätze dieser Art werden in drei Perioden der Sprachgeschichte untersucht. Das Korpus besteht aus Texten aus dem Frühneuhochdeutschen, dem 19. Jahrhundert und der deutschen Gegenwartssprache. In allen drei Perioden kommen d-V2-Sätze vor. Sie werden nach ausgewählten Kriterien untersucht und mit Relativsätzen verglichen. Es werden Bedingungen formuliert, unter denen Relativsätze durch d-V2-Sätze substituiert werden können.
The present article deals with clauses which have an anaphoric d-pronoun (der/die/das) in the Vorfeld (front field) and whose finite verb is - in contrast to relative clauses - in second position (d-V2-clauses), as in: Ich habe einen Bekannten, der fährt einen Porsche. Clauses of this type are analysed in three historical periods. The corpus consists of texts from Early New High German, from the 19th century and from present-day German. In all three periods, d-V2-clauses occur in the data. They are examined according to various syntactic criteria and compared to relative clauses. Finally, conditions are formulated that allow for the substitution of relative clauses by d-V2-clauses.
Anke Holler
Uniform oder different?
Zum syntaktischen Status nicht-restriktiver Relativsätze
Abstract
Üblicherweise werden Relativsätze hinsichtlich ihrer Nicht-/Restriktivität unterschieden. Zahlreiche grammatiktheoretische Arbeiten beschäftigen sich mit der Frage, wie genau restriktive von nicht-restriktiven Relativsätzen abzugrenzen sind und inwieweit die zunächst semantisch-pragmatisch geprägte Differenzierung auf strukturelle Unterschiede zurückgeht. Im vorliegenden Artikel soll der in diesem Forschungszusammenhang weitestgehend vernachlässigten Frage nachgegangen werden, ob sich die Klasse der nicht-restriktiven Relativsätze aus syntaktischer Perspektive tatsächlich homogen verhält. Anhand entsprechender empirischer Evidenz wird argumentiert, dass (i) appositive Relativsätze von weiterführenden Relativsätzen syntaktisch zu unterscheiden sind und dass sich (ii) weiterführende d- und weiterführende w-Relativsätze syntaktisch einheitlich verhalten. Es wird vorgeschlagen, diese Fakten in der syntaktischen Analyse derart umzusetzen, dass appositive Relativsätze mit ihrer nominalen Bezugsgröße eine Konstituente bilden, während weiterführende Relativsätze strukturell verwaiste Syntagmen darstellen.
Relative clauses are usually differentiated according to their non-/restrictivity. Numerous theoretical studies look into questions such as how restrictive relative clauses can be distinguished from non-restrictive ones and to what extent the semantic-pragmatic differentiation between restrictive and non-restrictive relative clauses is based on structural differences. The present article tackles a problem that has generally been neglected in previous research. It investigates from a syntactic perspective whether the class of non-restrictive relative clauses behaves homogeneously. Based on empirical evidence it argues that (i) appositive relative clauses must be distinguished syntactically from continuative relative clauses, and that (ii) continuative w- and d-relative clauses show a uniform syntactic behaviour. In view of these facts, a syntactic analysis is proposed which treats an appositive relative clause and its nominal antecedent as one constituent, and a continuative relative clause as a structurally orphaned syntagma.
Karin Birkner
Semantik und Prosodie von Relativsätzen im gesprochenen Deutsch
Abstract
In der einschlägigen Literatur wird üblicherweise eine dichotome Unterscheidung zwischen "appositiven" und "restriktiven" Relativsätzen gemacht, die wesentlich auf das Kriterium der Denotatseinschränkung und damit auf einen extensionalen Referenzbegriff rekurriert. Als ein wichtiges Mittel der semantischen Disambiguierung gilt die prosodische Gestaltung: bei Restriktion wird angenommen, dass Relativsatz und Bezugsnominale prosodisch integriert gestaltet sind, während appositive Strukturen durch ein prosodisch desintegriertes Format gekennzeichnet werden. Diese Annahmen sind jedoch empirisch bisher nur unzureichend überprüft worden. Der vorliegende Beitrag stellt die Ergebnisse einer korpusbasierten Untersuchung zum Verhältnis von Semantik und Prosodie von Relativsatzstrukturen im gesprochenen Deutsch vor. Dabei wird zum einen die Angemessenheit eines extensionalen Referenzbegriffs für die semantische Bestimmung von Relativsatzstrukturen überprüft, zum anderen die prosodische Gestaltung von Relativsätzen korpusbasiert untersucht.
In the literature it is generally assumed that relative clauses can be divided into two classes: appositive versus restrictive. This distinction is based on the criterion of referential restriction and hence on an extensional notion of reference. An important means providing for semantic disambiguity between relative clauses of the two types is seen in their prosodic design. Restrictive relative clauses are taken to be prosodically integrated, whereas appositive ones are characterised by prosodic non-integration. But this assumption has rarely been subjected to empirical testing. The present paper gives an overview of the results of a corpus-based study on the relation between the semantics and prosody of relative clauses in spoken German. On the one hand, it discusses the adequacy of the extensional notion of reference and on the other, it investigates the prosodic design of relative clauses in empirical data.