Abstracts Deutsche Sprache 1/07

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Klaas-Hinrich Ehlers

Nachkriegslinguistik

Ein Überblick über die bundesdeutsche Sprachforschung der fünfziger und sechziger Jahre

Abstract

Die Jahresberichte über die Förderaktivitäten der Deutschen Forschungsgemeinschaft bieten eine weit reichende Quellenbasis, um die Entwicklungen der sprachwissenschaftlichen Forschung in den 1950er und 1960er Jahren nachzuzeichnen. Der Beitrag beleuchtet die allmählichen Verschiebungen im Umfang, im Personal, in den Gegenständen und in den Methoden der bundesdeutschen Nachkriegslinguistik. Dabei werden die starken Kontinuitäten zur kulturkundlichen Linguistik der Zwischenkriegszeit ebenso sichtbar wie die verschiedentlich einsetzenden Neuerungstendenzen am Beginn der 60er Jahre. Diese Überblicksdarstellung lässt eingefahrene Geschichtsbilder der deutschen Nachkriegslinguistik differenzierungsbedürftig erscheinen, die für diese Zeit nur einen einfachen und radikalen Paradigmenwechsel von der Sprachinhaltsforschung (und Ausläufern der Junggrammatik) zur strukturalen Linguistik nach internationalem Vorbild konstatieren.

The annual reports on the research supported by the German Research Foundation offer extensive material for a description of linguistic research in the 1950s and 1960s. This article traces the gradual shifts in the size, personnel, topics and methods of post-war linguistics in the Federal Republic of Germany. The strong continuity with the cultural linguistics of the inter-war period becomes clear, as do the innovative tendencies at the beginning of the 60s. This overview shows the inadequacies in the standard historical descriptions of post-war German linguistics, which note for this period only a simple and radical paradigm change from Sprachinhaltsforschung (and late Neogrammarian studies) to structural linguistics following international models.


Heide Wegener

Entwicklungen im heutigen Deutsch - Wird Deutsch einfacher?

Abstract

Der Artikel gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil werden Entwicklungen aufgezeigt, die zu einer Vereinfachung (Verbflexion, Pluralbildung, Flexionsklassen), bei den Kasus vermutlich zu einer Aufspaltung in zwei Varietäten des Deutschen führen. Daran schließen sich Überlegungen zum Erwerb der (ir)regulären Formen und zur Akzeptanz von sprachlichen Veränderungen an. Im zweiten Teil wird gezeigt, in welchen für das Deutsche wesentlichen Bereichen keine Veränderung stattfindet, Deutsch also entscheidende Charakteristika beibehält (Genus und Nominalklammer, Verb- und Satzklammer). Der dritte Teil schließlich zeigt, dass im Bereich der Wortstruktur sogar Entwicklungen "zurück" zu früheren Stufen stattfinden, durch die typische Strukturen des Ahd. wieder aufleben.

This article is divided into three parts. In the first part, developments leading to a simplification of the language are discussed (verbal inflection, plural formation, inflectional classes), which as far as case is concerned will presumably lead to a split into two varieties of German. This is followed by reflections on the acquisition of (ir)regular forms and on the acceptance of linguistic change. The second part shows the areas of German in which no changes are taking place, in which German is therefore maintaining its typical characteristics (gender and nominal bracket, verb and sentence bracket). The third part, finally, shows that within the area of word structure developments are even taking place which lead "back" to earlier stages of the language, reviving structures typical of Old High German.


Oliver Stenschke

"Ende diesen Jahres": Die Flexionsvarianten von Demonstrativpronomina als ein Beispiel für Degrammatikalisierung

Abstract

Immer öfter findet man in der Standardsprache Formulierungen wie "Ende diesen Jahres", obwohl es bei korrekter Flexion im Gen. Sg. Mask. und Neutr. eigentlich "Ende dieses Jahres" heißen müsste. Die Ursache hiefür liegt zunächst einmal in der Analogie zu Zeitangaben mit einem artikellosen, attribuierten Substantiv im Genitiv wie z.B. "Ende nächsten Jahres". Die Flexionsform "diesen" im Gen. Sg. Mask. und Neutr. wird daher als adjektivische Flexionsvariante bezeichnet. Ein Blick in einschlägige Grammatiken zeigt für das Demonstrativpronomen "der" die Parallele, dass auch dort Varianten auftauchen (derer/deren), allerdings im Gen. Pl.: Während "derer" ausschließlich pronominale Funktion aufweist, wird "deren" hauptsächlich in adjektivischer Funktion verwendet. Zur Variante "diesen" findet man in den Grammatiken kaum etwas und wenn doch, dann ist es wenig aufschlussreich hinsichtlich seiner Verwendungsbeschränkungen. Dafür findet man noch Hinweise auf (z.T. historische) Flexionsvarianten bei anderen Pronomina, insbesondere solch. Davon ausgehend stellt sich irgendwann die Frage nach der prototypischen Flexion von Pronomina insgesamt.
In diesem Aufsatz wird für die adjektivische Flexionsvariante von dieser eine Verwendungsbeschränkung beschrieben, mit der die These eingeht, dass sich hier ein Prozess der Degrammatikalisierung beobachten lässt. Darüber hinaus werden drei prototypische Flexionsparadigmen vorgeschlagen: ein determinatives, ein pronominales und ein adjektivisches.

Formulations like "Ende diesen Jahres" ('at the end of this year') are becoming more and more common in Standard German, even though the correct form of the gen. sing. masc. and neutr. should be "Ende dieses Jahres". The reason for this lies first of all in the analogy with expressions of time containing an articleless noun with attributive adjective in the genitive such as "Ende nächsten Jahres" ('at the end of next year'). The inflectional form "diesen" in the genitiv sing. masc. and neutr. is thus called the adjectival inflectional variant. A look at the relevant grammars shows the parallel with the demonstrative pronoun, which also has variants ("derer/deren"), though in the gen. pl.: the form "derer" is used mainly in pronominal function, while "deren" is used mainly in adjectival function. The variant "diesen" is hardly mentioned in the grammars, and the brief mentions that do occur are contain little information on restrictions in its use. On the other hand, references to (historical etc.) inflectional variants of other pronouns can be found, especially "solch" ('such'). This raises the question of the prototypical inflection of pronouns in general.
This article describes a restriction in the use of the adjectival inflectional variant of "dieser" together with the thesis that a process of degrammaticalisation is taking place in such cases. Three prototypical inflectional paradigms are then suggested: a determinative, a pronominal and an adjectival paradigm.