Abstracts Deutsche Sprache 4/06

Zum Inhaltsverzeichnis dieser Ausgabe

Markus Hundt

Kinder sind Kinder

Struktur, Semantik und Pragmatik tautologischer Äußerungen

Abstract

Tautologische Äußerungen wurden bereits mehrfach in der Forschung thematisiert und es nimmt nicht Wunder, dass hier verschiedenste Lösungsansatze entwickelt wurden. In diesem Beitrag geht es darum, in Weiterentwicklung bereits bestehender Ansätze, einen neuen Vorschlag zur Lösung des Tautologienproblems mit Bezug auf die Verwendung in der Alltagssprache zu erörtern. Dabei werden sowohl die Prototypensemantik als auch pragmatische Schlussverfahren genutzt. Es wird argumentiert, dass sich sinnvolle konversationelle Implikaturen aus tautologischen Äußerungen auf prototypische Bedeutungsanteile der kommunizierten Konzepte beziehen müssen und somit nicht vollständig kontextinduziert sind. Tautologien werden als hochgradig sprachökonomische kommunikative Verfahren gesehen, um Teile der Kernbedeutung von Konzepten zu aktivieren, die ansonsten nur mit aufwendigeren, expliziten Paraphrasen möglich wären.

A considerable amount of research has been done on tautological sentences like Kinder sind Kinder and it is not surprising that a number of different solutions have been suggested. This article proposes a new approach to this old problem, building on and extending previous lines of argumentation. The proposed solution combines prototype theory and pragmatic inferences. It is argued that the decision as to which inferences are to be drawn is subject to co- and context and to the prototypical structure of the central concept in the tautology. Tautologies are viewed as an economical way of making a point because they highlight parts of the core meaning of the concepts which otherwise could only be expressed in a lengthy paraphrase.


Dietrich Busse

Sprachnorm, Sprachvariation, Sprachwandel

Überlegungen zu einigen Problemen der sprachwissenschaftlichen Beschreibung des Deutschen im Verhältnis zu seinen Erscheinungsformen

Abstract

Der Aufsatz befasst sich mit einigen Aspekten und vor allem Problemen, die sich aus dem Wechselverhältnis zwischen den drei wichtigsten sprachwissenschaftlichen Beschreibungsebenen ergeben, der synchronen Erforschung der Sprache an sich bzw. der Sprachnorm, der Untersuchung der Sprachvariation und der Untersuchung des Sprachwandels. Diese drei Ebenen hängen enger zusammen, als es manche vermuten. Grob gesprochen handelt es sich um die Problematik des Verhältnisses zwischen dem Deutschen und seinen zahlreichen konkreten Realisierungs- oder Erscheinungsformen. Mit "dem Deutschen" ist üblicherweise das System der heutigen neuhochdeutschen Standardsprache gemeint, wie es Grundlage der Sprachbeschreibung in den gängigen Grammatiken, Wörterbüchern und Schulbüchern ist. Die "Erscheinungsformen" sind sowohl synchrone, also heutzutage verwendete Sprachvarianten des Deutschen aber durchaus auch die verschiedenen diachronen (historischen) Sprachstufen des Deutschen. In der Abhandlung wird zunächst das Verhältnis von Sprache und der Sprachnorm näher betrachtet, sodann auf die Wechselwirkungen zwischen der Sprach­norm und den Erscheinungsformen des Deutschen eingegangen, und zwar sowohl den synchronen Varietäten als auch unter dem Aspekt des Sprachwandels, um schließlich einige Schlussfolgerungen aus den hier vorgestellten Beobachtungen zu ziehen.

This article is concerned with some aspects of, and above all problems arising from, the interrelationship between the three most important levels of linguistic description: the synchronic study of language per se and/or of linguistic norms, the investigation of linguistic variation and the investigation of language change. These three levels are more closely connected than some people assume. Roughly speaking the problem is one of the relationship between German and its numerous concrete realisations or manifestations. "German" usually means the system of the modern New High German standard language, which is the basis of the linguistic description in the grammars, dictionaries and school books in common use. The "manifestations" are both synchronic, i.e. current variants of the German language, but also the different diachronic (historical) stages in the development of German. The article deals first with the relationship between language and linguistic norm, then looks at the reciprocal effects between the linguistic norm and the manifestations of German, both the synchronic varieties and under the aspect of language change, and finally draws some conclusions from the observations presented here.


Heidrun Kämper

Diskurs und Diskurslexikographie

Zur Konzeption eines Wörterbuchs des Nachkriegsdiskurses

Abstract

In dem Beitrag werden Überlegungen zu dem neuen Wörterbuchtyp eines Diskurswörterbuchs formuliert. Dazu werden zunächst, nachdem Diskurs als linguistischer Gegenstand konstituiert wurde, die Aufgaben einer Diskurslexikographie beschrieben. Diese Aufgaben bestehen in der Aufdeckung der topikalischen, begrifflichen und semantischen Ordnung des Diskurses (die seine Kohärenz erzeugt) auf der Wortebene sowohl semasiologisch als auch onomasiologisch. Damit sind gleichzeitig die Unterscheidungsmerkmale des lexikographischen Typs 'Diskurswörterbuch' genannt, das seinen Platz hat zwischen dem allgemeinsprachlichen, weitgehend kontextfernen Standardwörterbuch und dem kontextnahen Spezialwörterbuch. Auf dem Raster von fünf Diskursmerkmalen wird anschließend der deutsche Nachkriegsdiskurs skizziert, bevor schließlich das Wörterbuch zum Schulddiskurs konzeptuell und strukturell dargelegt wird.

This article formulates ideas for a new type of dictionary, a discourse dictionary. Firstly discourse is constituted as a linguistic object, after which the tasks to be carried out by discourse lexicography are described. These consist of uncovering the topical, conceptual and semantic order of the discourse (which produce its coherence) on the level of the word both semasiologically and onomasiologically. Here we have already mentioned the distinguishing features of the lexicographical type 'discourse dictionary', which has its place between the general 'standard dictionary', which is usually far removed from its context, and the specialised dictionary, which is close to its context. Following this, five discourse characteristics are used to sketch post-war German discourse, and finally the conceptual and structural features of the dictionary on the discourse of guilt are described.


György Scheibl

Aktiv, Passiv und Antipassiv. Argumentale Reorganisation im Deutschen

Abstract

Diese Arbeit versteht sich als eine Fallstudie, in der - ausgehend von den transitiv-intransitiven Varianten von Verben wie essen - ein Überblick über die Typen der argumentalen Reorganisation im Deutschen gegeben werden soll. Während der Arbeit verfolge ich eine kontrastiv-typologische Strategie als methodologisches Prinzip, indem ich typologische Zusammenhänge auf die auf grammatischen Traditionen beruhenden und "unerschütterlichen" Kategorisierungen der Einzelsprache anwende, um deren Standhaftigkeit zu testen. So formuliere ich nach typologisch bewährten Kriterien eine tentative Definition des Genus verbi, nach der sich im Deutschen neben dem Aktiv und dem Passiv auch das sog. Antipassiv als Genus verbi qualifizieren kann. Ich will durch die Analyse keine unwiderlegbaren Beweise für das Antipassiv im Deutschen liefern, vielmehr möchte ich zeigen, inwiefern diese typologischen Klassifikationen und Be-griffsbestimmungen die traditionellen grammatischen Kategorisierungen des Deutschen in einem anderen Lichte erscheinen lassen.

This article is a case study which gives an overview of the types of argumental reorganisation in German on the basis of the transitive and intransitive variants of verbs such as essen ('to eat'). During the work I pursue a contrastive typological strategy as my methodological principle by applying typological connections to "unshakable" categorisations of the individual language (based on grammatical traditions) in order to test their stability. Thus I am able to formulate - on the basis of typologically proven criteria - a tentative definition of mood, according to which not only active and passive, but also the so-called antipassive would count as a mood in German. I do not claim to supply irrefutable proof for the antipassive in German on the basis of this analysis, but rather I would like to show how these typological classifications and definitions show traditional grammatical categorisations of German in a different light.