Abstracts Deutsche Sprache 4/05
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Helmut Weiß
Von den vier Lebensaltern einer Standardsprache
Zur Rolle von Spracherwerb und Medialität
Abstract
In dem vorliegenden Aufsatz wird ein neues Modell der Entwicklung von Standardsprachen vorgeschlagen, das auf den Parametern Spracherwerb [ersterworben vs. sekundär gelernt] und Medialität [gesprochen vs. geschrieben] basiert. Danach entwickeln sich Standardsprachen in vier Stufen von (i) sekundär gelernten Schriftsprachen zunächst zu (ii) Sprachen, die sich an der Mündlichkeit orientieren, die dann (iii) in mündlicher Kommunikation tatsächlich verwendet werden, um dann (iv) zuletzt auch ersterworben zu werden. Das Modell wird anhand des Neuhochdeutschen (NHD) exemplifiziert.
This article presents a new model for the development of standard languages which is based on the parameters language acquisition [L1 acquired vs. secondarily learned] and medium [spoken vs. written]. According to this model, standard languages develop from (i) secondarily learned written languages to (ii) languages oriented towards orality which (iii) are really used in oral communication and (iv) finally L1 acquired. The model is illustrated with examples from New High German.
Csaba Földes
Grammatische Zweisamkeit
Morphosyntax im Sprachen- und Kulturenkontakt
Abstract
Der Aufsatz diskutiert grammatische Aspekte von authentischen Sprachgebrauchsstrukturen in einem komplexen Kontakt- und Integrationsraum von mehreren Sprachen und Kulturen. Als empirisches Illustrationsmaterial dient ein umfangreiches kontaktlinguistisches Feldforschungsprojekt im ungarndeutschen Ort Hajosch/Hajós (Komitat Batsch-Kleinkumanien/Bács-Kiskun). Anhand von dort ermittelten Sprechprodukten zwei- bzw. mehrsprachiger Sprecher werden vielgestaltige sprachlich-kommunikative Kontakt-, Konvergenz- und Interaktionsphänomene grammatischer Natur identifiziert. Ihre Analyse ergab, dass die exemplarisch untersuchte Diskursgemeinschaft beim Umgang mit morphosyntaktischen Phänomenen zahlreiche und vor allem mannigfaltige Formen von Hybridität hervorbringt. Die erschlossenen Phänomenklassen und -typen scheinen für transkulturelle Zusammenhänge generell verallgemeinerbar zu sein.
This article discusses grammatical aspects of authentic linguistic usage structures in an area of complex contact and integration involving several languages and cultures. Empirical illustrative material is provided by an extensive field research project on language contact in the Hungarian-German village of Hajosch/Hajós (Bács-Kiskun county). A great variety of grammatical phenomena relating to linguistic andcommunicative contact, convergence and interaction are identified on the basis of the speech of bi- and/or multilingual speakers recorded there. The analysis of these phenomena reveals that the discourse community studied here produces numerous and above all varied forms of hybridity in the process of handling morphosyntactic phenomena. The classes and types of phenomena identified here seem to occur in transcultural contexts generally.
Elke Donalies
Was genau Phraseme sind ...
Was genau Kollokationen sind,
möchte ich nicht definieren müssen.
Heringer 1999, S. 109
Abstract
In diesem Beitrag sichte ich den tradierten Kernbestand phrasemischer Definitionskriterien: die Polylexikalität, die morphosyntaktische Anomalie, die semantische Anomalie, die mnemische Abrufbarkeit und die sprachgemeinschaftliche Üblichkeit. Dabei geht es um die Frage, was diese Kriterien aussagen, was sie bei der Definition von Phrasemen leisten können und ob es möglich ist, Phraseme von angrenzenden Phänomenen wie Wort, Kollokation und Phrase abzugrenzen.
This article examines the traditional core definition criteria for phraseological units: polylexicality, morphosyntactic anomaly, semantic anomaly, mnemonic recall, and their common use in the linguistic community. The article seeks to clarify what these criteria mean, what they accomplish in the definition of phraseological units, and whether it is possible to distinguish phraseological units from adjacent phenomena such as word, collocation and phrase.
Said Sahel
Die Variation der Adjektivflexion nach Pronominaladjektiven und einige ihrer Determinanten
Eine empirische Untersuchung
Abstract
In der vorliegenden Arbeit wird ein Fall innersprachlicher Variation im Deutschen präsentiert. Es geht um die Variation der Adjektivflexion nach den so genannten Pronominaladjektiven wie all-, manch-, sämtlich- und solch- (z.B. aller westlichen Demokratien vs. aller demokratischer Parteien; manche osteuropäische Beitrittskandidaten vs. manche kuriosen Organisationen; sämtliche politische Entscheidungen vs.sämtliche europäischen Erstaufführungen; solche heftige Diskussionen vs. solche vorpolitischen Aspekte). Anhand eines Korpus aus Zeitungstexten mit mehr als 100 Millionen Wortstellen und einer Befragung von kompetenten Sprechern wird zum einen das Ausmaß der Variation in diesem besonderen Bereich der Adjektivflexion ermittelt, zum anderen wird untersucht, welche sprachsystematischen Faktoren diese Variation steuern. Die Datenanalyse zeigt, dass die Häufigkeitsverteilungen der starken und schwachen Adjektivflexion sowohl im Korpus als auch in den metasprachlichen Urteilen der Befragten nach ein und demselben Pronominaladjektiv variieren. Diese Variation ist aber nicht willkürlich. Vielmehr wird sie von bestimmten sprachsystematischen Faktoren wie Kasus, Numerus, Rektion und Adjazenz determiniert. Die Implikationen der erzielten Ergebnisse auf die Beschreibung und Systematisierung der Adjektivflexion nach Pronominaladjektiven werden diskutiert.
This article discusses a case of intralingual variation in German, namely the variation in the inflection of adjectives after the so-called pronominal adjectives such as all-, manch-, sämtlich- and solch- (e.g. aller westlichen Demokratien vs. aller demokratischer Parteien; manche osteuropäische Beitrittskandidaten vs. manche kuriosen Organisationen; sämtliche politische Entscheidungen vs. sämtliche europäischen Erstaufführungen; solche heftige Diskussionen vs. solche vorpolitischen Aspekte). On the basis a corpus of newspaper texts containing more than 100 million words and responses to a questionnaire from competent speakers, we were able to determine the extent of the variation within this special area of adjective inflection and to assess which systematic factors influence this variation. The analysis of the data shows that the frequency distributions of the strong and weak adjective inflections vary both in the corpus and in the metalinguistic judgements of the informants after one and the same pronominal adjective. However, this variation is not arbitrary, rather it is determined by certain systematic factors such as case, number, government and adjacency. The implications of the results for the description and systematisation of the adjective inflection after pronominal adjectives are discussed at the end of the article.