Abstracts Deutsche Sprache 3/05

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Gisela Zifonun

Sowohl Determinativ als auch Pronomen?

Sprachvergleichende Beobachtungen zu dieser, aller und Konsorten

Abstract

Im vorliegenden Beitrag wird ein Vorschlag für die Wortartenunterscheidung bei den nominalen Funktionswörtern entwickelt, der auf dem Prinzip der "Unterspezifikation" beruht. Das Merkmal, in dem nominale Funktionswörter unterspezifiziert sein können, ist "Selbstständigkeit". So werden "nur-selbstständige nominale Funktionswörter" (genuine Pronomina), von "nur-adnominalen" (genuine Determinative) und "non-selbstständigen" unterschieden. Den Non-Selbstständigen wie dt. dieser, die im Hinblick auf Selbstständigkeit unterspezifiziert sind, gilt das besondere Augenmerk. Im Anschluss an die englische Grammatikografie wird eine Verwendungstypik für diese Gruppe vorgestellt. Ihre Konkurrenz mit den Nur-Selbstständigen wird sprachvergleichend, vor allem im Kontrast zwischen Englisch und Deutsch, herausgearbeitet. Aus den Beobachtungen werden allgemeinere Folgerungen für das Phänomen der Indeterminiertheit oder Adaptivität von sprachlichen Ausdrücken, seine Beschreibung mithilfe von Unterspezifikation und seine unterschiedlichen Erscheinungsformen in der Flexionsmorphologie und im Lexikon von Funktions- und Inhaltswörtern gezogen. Hintergrund des Beitrags ist das IDS-Projekt "Grammatik des Deutschen im europäischen Vergleich" (GDE).

This article presents a proposal for the word class differentiation of nominal function words based on the principle of underspecification. The feature for which the nominal function words can be underspecified is "independence". In this way, "exclusively independent nominal function words" (genuine pronouns) can be distinguished from "exclusively adnominal" (genuine determinatives) and "non-independent" function words. The focus here is on the non-independent function words, such as German dieser, which are underspecified with regard to the feature "independence". A list of typical uses for this group is presented, following the example of English grammars. The competition with the "exclusively independent" group is examined, especially by means of a contrast between English and German. The observations lead to more general conclusions about the indefiniteness or adaptiveness of linguistic elements, the description of this phenomenon by means of underspecification and its various manifestations in the inflectional morphology and the lexicon of both function and content words. The background to the article is the IDS project "Grammatik des Deutschen im europäischen Vergleich" (German grammar in a European comparison).


Markus Hundt

"Dieser Satz ist falsch!"

Zur Semantik und Pragmatik semantischer Antinomien in der Alltagssprache

Abstract

Solange sich Wissenschaftler über semantische Antinomien Gedanken machen, solange sind sie bislang auch zu den unterschiedlichsten Lösungen und Auswegen aus diesen logischen Zwickmühlen gelangt. In diesem Beitrag geht es nicht darum, einen weiteren Lösungsvorschlag zu machen, sondern darum, linguistische Argumente zu einer denkbaren Lösung des Antinomienproblems beizutragen. Im Zentrum stehen dabei die semantischen Besonderheiten der Alltagssprache und kommunikativ-pragmatische Argumente. Auf dieser Basis lässt sich erklären, weshalb semantische Antinomien die Wissenschaftler nach wie vor reizen. Vor allem drei Faktoren sind aus alltagssprachlicher Sicht relevant, um das Antinomienproblem zu entschärfen: das Prädikationspotential von Wörtern und Phrasen, ihre Interpretierbarkeit und schließlich die Wahrheitswertfähigkeit von Sätzen.

The scientific community has suggested very different solutions to the problem of semantic paradoxes. It is not the aim of this paper to add yet another possible solution to the logical problem; instead, linguistic arguments will be discussed. At the core will be the semantics and pragmatics of everyday language use. On this basis it is possible to explain why semantic paradoxes still intrigue researchers. Three factors are seen as central for the solution of semantic paradoxes on the basis of everyday language use: first, the predication potential of words and phrases, second their interpretability, and third, the ability of sentences to have a truth-value.


Claudia Fraas

Schlüssel-Konzepte als Zugang zum kollektiven Gedächtnis

Ein diskurs- und frameanalytisch basierter Ansatz

Abstract

Der Aufsatz stellt eine Methode vor, die einen empirischen Zugang zu einem an sich analytisch schwer fassbaren Phänomen bietet: kollektive Wissenssysteme und kollektives Gedächtnis können in einem ersten Zugriff über diskursiv zentrale Konzepte aufgeschlossen werden. Der Ansatz basiert auf der Grundannahme, dass Texte des öffentlichen Diskurses Medien der Konstitution, Manifestation und Distribution von Wissen und so eine Form von social cognition sind. Wenn Kontextdaten systematisch ausgewertet werden, können empirisch gesicherte Aussagen über Interpretationen diskursiv zentraler Konzepte getroffen werden, was Rückschlüsse auf die verbale Konstruktion von Wirklichkeit und über Veränderungen dieser Wirklichkeitskonstruktionen zulässt. Methodisch kann dieses Vorhaben mit Hilfe eines durch eine pragmatische Dimension erweiterten Frame-Modells umgesetzt werden, das ein gut handhabbares und operationalisierbares Instrumentarium zur Verfügung stellt. Der vorgestellt Ansatz wird demonstriert am Beispiel des Konzeptes identität, das eines der Schlüsselkonzepte des Diskurses zur Deutschen Einheit ist. Abschließend werden Perspektiven für weiterführende Forschungen im Rahmen diskursanalytischer Arbeiten gegeben.

This article introduces a method allowing an empirical approach to a phenomenon which is difficult to analyse: a first step in the analysis of collective knowledge systems and collective memory can be made via central discursive concepts. This approach is based on the assumption that texts in public discourses are means for the constitution, manifestation and distribution of knowledge and thus a form of social cognition. If context data are systematically analysed, empirically sound statements on interpretations of central discursive concepts can be made, enabling us to draw conclusions about the verbal construction of reality and changes in such constructions of reality. Methodologically this plan can be implemented by means of a frame model with an added pragmatic dimension, which forms an easily manageable and operationalisable instrument of analysis. The approach discussed here is illustrated using the concept of IDENTITY, which is one of the key concepts of the discourse of German unity. The article finishes by discussing the prospects for further research in the framework of discourse analysis.


Josef Schu

Zwischen Grundmorphem und Affix

Abstract

Der in den letzten Jahren ins Blickfeld gerückte "Konfix"-Begriff hat die Diskussion im Bereich zwischen Grundmorphem und Affix neu belebt. Der folgende Beitrag untersucht auf empirischer Grundlage zunächst einen "Konfix"-Typ: heimische Grundwörter wie "_tag" oder "_telefon", die in bestimmten Bedeutungen nur morphologisch gebunden vorkommen; weiterhin verwandte Fälle wie "Bibel" / "_bibel" oder "Papst" / "_papst", die in bestimmten Bedeutungen weder als morphologisch gebunden noch als syntaktisch absolut frei zu betrachten sind, so dass von "syntaktisch gebundenen Grundmorphemen" gesprochen werden muss. Die empirischen Beobachtungen führen zu der Annahme, dass sich Wortbildungselemente nicht nur von "frei" nach "gebunden", sondern auch von "gebunden" nach "frei" bewegen.

In recent years the notion of "combining form" has intensified the discussion about the area between (word-formation) base and affix. The following article gives an empirical analysis of one type of "combining form": native right-side constituents such as "_tag" or "_telefon", which in certain meanings only are used as morphologically bound forms; furthermore related cases like "Bibel" / "_bibel" or "Papst" / "_papst", which in certain meanings are to be seen neither as morphologically bound nor as syntactically absolutely free, so that the concept of a "syntactically bound base" has to be established. The empirical results lead to the hypothesis that word-formation elements move not only from "free" to "bound", but also from "bound" to "free".