Abstracts Deutsche Sprache 2/05

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Thomas Becker

Warum eine alte Dame älter ist als eine ältere Dame: Zum absoluten Komparativ im Deutschen

Abstract

Der "absolute Komparativ" im Deutschen vergleicht scheinbar nicht zwei Dinge miteinander, sondern bezieht sich auf einen mittleren Grad der im Adjektiv ausgedrückten Eigenschaft. Eine ältere Dame bedeutet scheinbar nicht, dass die Dame älter ist als jemand anderes, sondern dass die Dame sich in einem etwas fortgeschrittenen Alter befindet, so wie eine längere Fahrt eine mäßig lange Fahrt ist. In der Literatur gibt es drei Beschreibungsansätze für dieses Phänomen, zwei dualistische, die zwei Typen des Komparativs unterscheiden, und einen monistischen, der den absoluten auf den relativen reduziert. Es soll versucht werden, die Mängel der dualistischen Ansätze herauszuarbeiten und an dem monistischen notwendige Ergänzungen vorzunehmen. Die Bedeutung des absoluten Komparativs im Deutschen und in anderen Sprachen ergibt sich aus allgemeinen Prinzipien und erfordert keine dafür spezifischen Annahmen bis auf einen natürlichen Lexikalisierungsprozess, den diese Sprachen im Gegensatz zu den übrigen vollzogen haben.

The "absolute comparative" of adjectives in German apparently does not compare two things, but refers to a moderate degree of the quality expressed by the adjective. Eine älterere Dame seems to mean that the lady is not older than someone else but that she is an elderly lady, just as eine längere Fahrt is a longish journey. Three approaches have been used to describe this phenomenon in the literature: two dualistic ones, which distinguish two types of comparatives, and a monistic one, which reduces the absolute comparative to the relative one. This article attempts to demonstrate the inadequacies of the dualistic approaches and to add necessary refinements to the monistic approach. The description of the absolute comparative in German and other languages which have this phenomenon does not require any specific assumptions besides a single, natural lexicalisation process which these languages have undergone in contrast to other languages.


Dietrich Hartmann

Der phraseologische Wortschatz einer regionalen Umgangssprache aus onomasiologischer und vergleichender Sicht

Eine korpusbasierte Untersuchung

Abstract

Zu den Zielen des hier dargestellten Projekts gehört, die onomasiologische Gliederung des phraseologischen Wortschatzes einer regionalen Umgangssprache (am Beispiel des Ruhrgebiets) mit Hilfe quantitativer Verfahren korpusbasiert zu ermitteln. Diskutiert werden mehrere Hürden, dieses Ziel zu erreichen. Nach Sichtung bisher vorliegender Arbeiten zu onomasiologischen Gliederungen phraseologischer Wortschätze werden Fragen der Methode für das korpuslinguistische Vorgehen erörtert. Die Auswertung des Datenkorpus erbringt die Beschreibung der onomasiologischen Gliederung des nichtstandardsprachlichen Phraseologismenbestandes im Ruhrgebiet nach den "Haupt- und Sachgruppen" Dornseiffs (2004) mittels Tabellen. Der relativ hohe Rang von Hauptgruppe 10. Fühlen, Affekte, Charaktereigenschaften im Nichtstandard entspricht der in der phraseologischen Forschung verbreiteten Einschätzung, dass sehr viele verbale Phraseologismen Gefühle bezeichnen und der in der Varietätenforschung (zutreffenden) Ansicht, dass der nichtstandardsprachliche ("umgangsprachliche") Wortschatz besonders "affektbetont" sei. Damit wurde der Nachweis erbracht, dass begriffsbezogene korpuslinguistische Wortschatzanalysen in der Lage sind, impressionistisch gestützte Behauptungen und Charakterisierungen von Wortschätzen zu bestätigen oder zu falsifizieren.
Zwecks weiterer onomasiologischer Charakterisierung des phraseologischen Wortschatzes der regionalen Umgangssprache im Ruhrgebiet wurden die gewonnenen Ergebnisse mit methodisch vergleichbaren Ergebnissen zur Phraseologie des Standards auf Differenzen und Übereinstimmungen verglichen. Neben Übereinstimmungen zeigten die miteinander verglichenen onomasiologischen Gliederungen varietätenspezifische Schwerpunktsetzungen der Phraseologismenbildung, die von der Verschiedenheit der onomasiologischen Gliederungen in Standard und Nichtstandard zu sprechen erlauben.

One of the goals of the project described here is to determine the onomasiological structure of the idiomatic vocabulary of a regional colloquial language (using the example of the Ruhr district) with the help of a corpus and quantitative procedures. The article discusses several hurdles that have to be taken in order to achieve this goal. An examination of the previous literature on the onomasiological structure of idiomatic vocabularies is followed by a discussion of the method to be used in the corpus-based approach. The evaluation of the corpus data leads to a description in table form of the onomasiological structure of the idiomatic vocabulary in non-standard Ruhr district German according to the "Haupt- und Sachgruppen" in Dornseiff (2004). The relatively high frequency of main group 10. Feelings, affects, character properties in the non-standard variety corresponds to the widespread view in phraseological research that very many verbal idioms designate feelings and the (correct) belief in research on linguistic varieties that non-standard ("colloquial") vocabulary is particularly "emotive". This study thus furnishes proof that onomasiologically-based corpus linguistic analyses of vocabulary are able to confirm or falsify impressionistic statements and characterisations of vocabularies.
For a further onomasiological characterisation of the idiomatic vocabulary of the regional colloquial language in the Ruhr district, the results of this analysis were compared with methodically comparable results from research on the phraseology of the standard language to see where they differ and where they concur. The onomasiological structures compared showed agreements, but also variety-specific differences of emphasis in the formation of idioms, on the basis of which we can speak of a difference between the onomasiological structures of standard and non-standard varieties.


Hilke Elsen

Deutsche Konfixe

Abstract

Längst hat sich die Kategorie Konfix neben Lexemen und Affixen etabliert, nicht ohne nach wie vor fehlerhaft und inkonsequent verwendet zu werden. Seit Anfang der achtziger Jahre wird sie immer häufiger für solche morphologischen Einheiten gebraucht, die gleichzeitig gebunden und basisfähig sind und daher weder als Grundmorpheme bzw. Basen noch als Derivationsmorpheme gelten können, z.B. phil, therm oder polit. Im folgenden Artikel soll nach einer kritischen Vorstellung verschiedener Meinungen und in Abgrenzung zu anderen Morphemtypen eine präzisere Definition vorgestellt werden, die auch neuen Beispielen gerecht werden kann.

For some time now linguists have been using the category confix in addition to lexeme and affix, but inconsistencies and inaccuracies occur in the way this term is treated. Confix refers to that group of bound morphemes which behave like bases and can thus be classified neither as bases nor as affixes, e.g., phil, therm, polit. Following a critical review of a number of views contained in the literature, various morpheme types will be contrasted and a more precise definition will be presented which can deal with existing as well as new examples.


Thomas Spranz-Fogasy

Argumentation als alltagsweltliche Kommunikationsideologie

Abstract

Argumentation gilt als zentrales rationales Verfahren gewaltfreier Problem- und Konfliktlösung. Die dabei vorausgesetzte Prämisse der Intersubjektivierbarkeit und Rationalitätsbestimmtheit wurde aber nie daraufhin geprüft, ob sie mit den Bedingungen und Zwängen der Herstellung und Durchführung von Gesprächen vereinbar ist. Auf der Basis einer detaillierten linguistischen Gesprächsanalyse von mehr als 60 alltagsweltlichen Problem- und Konfliktgesprächen wird in dem Beitrag skizziert, wie Argumentation in Gesprächen hergestellt und durchgeführt wird. Interaktive Sequenzierung und inhaltliche Bezugnahmen machen dabei deutlich, dass Gesprächsteilnehmer stets auf interaktionskonstitutive Elemente abheben: Was zur Herstellung von Gesprächen notwendig ist, wird in Gesprächen als Argument gewendet. Argumentation wird damit als eine soziale Handlungspraxis bestimmt, deren Ursprung in den Bedingungen, Möglichkeiten und Zwängen von Gesprächen, von sozialer Interaktion überhaupt liegt. Die für Argumentation konstitutive Anbindung an übergeordnete Handlungsorientierungen widerspricht dabei fundamental der Idee rein sachbezogener und interesseloser Aushandlung, wie sie seit der Antike in den Wissenschaften, aber auch im Alltagsdenken vorherrscht. Was Gesprächsteilnehmer beim Argumentieren antreibt, ist die Kraft intersubjektiven Glaubens an Argumentation als ein Verfahren zur Entwicklung einer gemeinsam geteilten Perspektive, und der Anspruch an das Verfahren als ein Validität garantierendes Verfahren wird dabei außerdem noch mit dem Anspruch auf die Validität des Ergebnisses einer Argumentation verwechselt. Die Kraft des intersubjektiven Glaubens und der Anspruch an das Verfahren sind die zentralen Bestandteile dessen, was hier Kommunikationsideologie genannt wird.

Argumentation is seen as a central rational means of non-violent problem and conflict resolution. However, the premise of intersubjectivity and rationality which is contained in this view has never been examined to see whether it is compatible with the conditions and constraints governing the construction and conduct of conversations. On the basis of a detailed linguistic conversation analysis of more than 60 everyday conversations about problems and conflicts, the article outlines how argumentation is constructed and accomplished in conversations. Interactive sequencing and content references make clear that conversation participants always react to elements relevant to the interaction: elements which are necessary for the construction of conversations are used as arguments. Argumentation is thus determined as a social activity, whose origin lies in the conditions, possibilities and constraints of conversations and of social interaction in general. The view of argumentation as bound to more basic action orientations fundamentally contradicts the idea of purely topic-driven and disinterested negotiations which has been dominant since Antiquity both in scientific thought and also in the everyday thinking. What drives conversation participants when arguing is the power of an intersubjective belief in argumentation is as a procedure for the development of a common perspective. The expectation that the procedure guarantees validity is also confused with the expectation concerning the validity of the result of an argumentation. The strength of the intersubjective belief and the expectations in terms of the procedure are the central components of what is here called communication ideology.