Abstracts Deutsche Sprache 2/04

Zum Inhaltsverzeichnis dieser Ausgabe

Ingrid Hove

Pausen in spontan gesprochenem Schweizerdeutsch

Abstract

In diesem Artikel werden die Ergebnisse einer Untersuchung der Pausensetzung in spontan gesprochenem Schweizerdeutsch präsentiert. Von den drei Sprechern realisiert derjenige mit den meisten Pausen durchschnittlich 4.5 Silben zwischen zwei Pausen, derjenige mit den wenigsten Pausen 7.5 Silben. Sehr kurze, aus ein bis zwei Wörtern bestehende Abschnitte sind bei allen häufig. Die Betrachtung der Umgebungen zeigt, dass es weder Stellen gibt, an denen immer eine Pause steht, noch solche, an denen nie eine Pause steht. Besonders oft wird jedoch an Satzgrenzen eine Pause gemacht. Bei jedem der drei Sprecher machen die Satzgrenzenpausen knapp die Hälfte seiner Pausen aus. Weitere Faktoren, welche die Realisierung von Pausen - je nach Sprecher in unterschiedlichem Ausmaß - begünstigen, sind Bruchstellen, satzverbindende Konjunktionen und emphatisch akzentuierte Wörter. In Bezug auf ihre Funktion können Pausen dem Sprechenden Zeit zum Überlegen geben, sie können den Text strukturieren oder sie können dem Hörer die Interpretation erleichtern. Die meisten Pausen sind mit 0.1 bis 0.4 Sekunden eher kurz, die Mehrheit wird ohne Fülllaut realisiert.

This article presents the results of an investigation into the use of pauses in spontaneously spoken Swiss German. Of the three speakers, the one with the most pauses has on average 4,5 syllables between two pauses, the one with the least pauses 7,5 syllables. Very short segments of one or two words are frequent with all of them. An examination of the contexts shows that there are neither places which always have a pause nor any which never have one. However, pauses are particularly frequent at sentence boundaries. For all three speakers, pauses at sentence boundaries make up just under half of their total number of pauses. Further factors which favour the use of pauses - to different extents depending on the speaker - are structural breaks, sentence connecting conjunctions and emphatically accented words. With regard to their function, pauses can give the speaker time to think, they can structure the text or they can facilitate interpretation for the listener. Most pauses are rather short, 0.1 to 0,4 seconds, and the majority are realised without a filling sound.


Sibilla Cantarini

Geschehensnominalprädikate

Linguistisches Konzept, Parameter und Klassifizierung

Abstract

Das Thema der Geschehensnominalprädikate ist lange in der germanistischen Linguistik vernachlässigt worden. Im vorliegenden Beitrag werden die Stützverbkonstruktionen mit Geschehensnominalprädikat, bsw. Das Erdbeben dauerte einige Stunden und Eine tiefe Wandlung hatte sich in ihm vollzogen, syntaktisch und semantisch definiert. Stützverbkonstruktionen mit Geschehensnominalprädikat sind aus unserer Perspektive einfache Sätze, deren syntaktischer und semantischer Kern die Wortverbindung Sv + N ist, welche wir 'Kollokation' bezeichnen. Geschehensnominalprädikate, die Nominalisierungen oder einfache Substantiva sein können, treten in der kanonischen Stellung des Subjektes auf. Die behandelten Konstruktionen sind durch die Parameter Zeit, Ort, Ursache und Zeuge bestimmt, welche im einfachen Satz als fakultative Komplemente okkurrieren. Geschehnisse sind in drei Hauptobjektklassen, <zufällige>, <geschaffene> und <zyklische> Geschehnisse, und weitere Objektklassen klassifizierbar, die semantische Deskriptoren bilden, wobei die vorgeschlagene Klassifizierung berücksichtigt, dass die Stützverbgefüge jeweils bestimmte Argumentbereiche selektieren.

The topic of nominal predicates depicting events has long been neglected in German linguistics. The present article gives a syntactic and semantic definition of the supporting verb constructions with nominal predicates depicting events, e.g. Das Erdbeben dauerte einige Stunden 'The earthquake lasted a number of hours' and Eine tiefe Wandlung hatte sich in ihm vollzogen, 'A deep transformation has taken place in him'. From our perspective, supporting verb constructions with nominal predicates depicting events are simple sentences whose syntactic and semantic core is the word connection Sv + N, which we call 'collocation'. Nominal predicates depicting events, which can be nominalisations or simple nouns, arise in the canonical position of the subject. The constructions examined here are defined by the parameters of time, place, cause and witness, which occur as facultative complements in simple sentences. Events occur in three main object classes, <accidental>, <created> and <cyclical> events, and further object classes forming semantic descriptors are classifiable, whereby the suggested classification takes into consideration the fact that the supporting verb structures select certain argument ranges in each case.


Wolf-Andreas Liebert

Diskursdynamik in der Risikokommunikation

Eine diskurslinguistische Untersuchung der Trierer Luftschadstoff-Debatte 1974-2001

Abstract

Seit den 80er Jahren gibt es Versuche, Diskurse als Gegenstand der Sprachwissenschaft zu etablieren. Aus der Perspektive der Diskurslinguistik liegt mit einem Text kein isolierter Gegenstand vor, sondern ein Element, das zusammen mit anderen Texten über intertextuelle Relationen eine größere Einheit bildet, den Diskurs. Durch diese Beziehung zwischen Text und Diskurs lassen sich Diskurse auf einfache Weise in die linguistische Ontologie einordnen. Neuere diskurslinguistische Arbeiten lehnen sich stark an die struk­turalistischen Diskurstheoretiker wie Foucault an. Soziale Akteure spielen in diesem Ansatz eine untergeordnete Rolle. Hier wird dagegen für einen handlungsorientierten Diskursbegriff plädiert. Diskurs wird zunächst in Abgrenzung von Foucault akteurs- und handlungsorientiert definiert. Dabei wird von einem sozial strukturierten Handlungszusammenhang in Anlehnung an Crozier/Friedberg ausgegangen. Es soll gezeigt werden, wie ein Diskurs als eine in der Regel unfreiwillige Kooperation heterogener Interessen und Interessenskoalitionen verschiedener sozialer Akteure verstanden werden kann, dessen Ergebnis, also die letztlich konstruierte gesellschaftliche Wirklichkeit, kontingent, d.h. nicht durch bestimmte soziale oder diskursive Strukturen bereits determiniert ist. Die Arbeitsweise einer handlungsorientierten Diskurslinguistik wird am Beispiel einer konkreten Diskursanalyse dargestellt, nämlich anhand der Analyse der Trierer Luftschadstoff-Debatte (1974-2001). Zunächst wird dazu ein Modell sozialer Praxis und Kommunikation im urbanen Raum entwickelt. Danach wird auf methodische Fragen der Korpuskonstitution und auch auf das konkrete Arbeitskorpus eingegangen werden. Nach der Konstitution des Korpus wird dann der Versuch einer Rekonstruktion des Trierer Luftschadstoff-Diskurses unternommen. Davon ausgehend wird an einem Beispiel gezeigt, dass sich bestimmte Texte bis hinein in die Syntax nur vor dem Hintergrund des gesamten Diskurses linguistisch analysieren lassen. Schließlich werden Konsequenzen für die Diskurslinguistik, aber auch für die Stadtsprachenforschung und eine Theorie der Diskursintervention gezogen.

Since the 1980s there have been attempts to establish discourse as a subject in linguistics. Discourse linguistics does not conceive of a text as an isolated entity. On the contrary, a text is considered to be an element which combines with other texts via their intertextual relations to build a higher level structure called discourse. This relationship between text and discourse makes it easy to integrate discourses into the linguistic ontology. Recent work in discourse linguistics has been heavily influenced by structuralist discourse theorists like Foucault which leads to social actors playing only a marginalized role in these theories. This paper however pleads for an action-oriented analysis of discourse. In delimitation to Foucault, an action- and actor-oriented definition of discourse is made which assumes (following Crozier/Friedberg) that the interrelation of actions is socially structured. The aim is to show how discourse can be understood as an usually unintended cooperation of heterogenous interests and coalitions of interests of various social actors. The result of this, i.e. the social reality that is finally constructed, is contingent, viz. not already determined by certain social or discoursive structures. The functioning of action-oriented discourse linguistics is illustrated by a specific example analysis of discourse, that is the analysis of the ?Trierer Luftschadstoff-Debatte? (Trier air pollutant debate) from 1974-2001. At first, a model of social practice and communication in the urban area is developed. Then methodical questions concerning the constitution of corpora as well as the specific working corpus are adressed. After the constitution of the corpus an attempt is made to reconstruct the Trier air pollutant discourse. Based on this reconstruction an example is used to show that certain texts right down to the level of syntax can only be analysed against the background of the whole discourse. Finally, conclusions are drawn not only for discourse linguistics, but also for research of urban communication and for a theory of discourse intervention.


Odo Leys

Konzepte der Graduierung

Abstract

Der grammatische Vergleich umfasst den eigentlichen Vergleich, ausgedrückt durch den Positiv und den Komparativ, und die Klassifikation, ausgedrückt durch den Superlativ. Der Superlativ impliziert den Komparativ und unterscheidet sich davon nur durch die Perspektive, m.a.W. dadurch, dass die Mehr-Beziehung in einer Menge als der Oberteil dieser Menge gesehen wird. 2. Der grammatischer Vergleich ist immer aufwärts und nie abwärts gerichtet. Dieses beruht auf der Tatsache, dass der Begriff viel auf der zweipoligen Achse zwischen viel und wenig als positiv bewertet wird; so verkörpert es das Verhältnis des grammatischen Vergleiches. 3. Der sogenannte absolute Vergleich ist ein interner Vergleich: Komparative wie in ein älterer Herr beziehen sich auf die Opposition eines Eigenschaftsbegriffs zu seinem Antonym. Bei Superlativen wie in liebstes Mädchen, in tiefster Trauer geht es um Opposition höchste Eigenschaft und nicht-höchste Eigenschaft; der Superlativ kann die Bedeutung eines Elativs haben, der jeden Vergleich ausschließt (liebstes Mädchen), oder er kann referentiell der Steigerung von sehr entsprechen (in tiefster/sehr tiefer Trauer). 4. Redundanz wird beseitigt, wenn der Komparativ anstelle des Superlativs in der passenden syntaktischen Umgebung auftritt (der ältere von beiden). Redundanz entsteht in Superlativen wie einzig(st), kein(st).

Grammatical comparison encompasses comparison proper, expressed by the positive and the comparative, and classification, expressed by the superlative. The superlative implies the comparative and differs from it only in perspective, in that it sees the more-relationship in a set of entities as the top-relationship in that set. 2. Grammatical comparison is always ascending, never descending. This relates to the fact that the concept of viel is valued as positive on the bipolar axis viel vs wenig; as such it embodies the ratio of grammatical comparison. 3. So-called absolute comparison is internal comparison: Comparatives as in ein älterer Herr relate to the opposition of a quality concept to its antonym; superlatives as in liebstes Mädchen, in tiefster Trauer concern top-quality as opposed to non-top-quality, the superlative may have the force of an elative, excluding any comparison (liebstes Mädchen), or it may equal referentially the gradation of sehr (in tiefster/sehr tiefer Trauer). 4. Redundancy is eliminated when the comparative form occurs instead of the superlative form in the appropriate syntactic environment (der ältere von beiden). Redundancy arises in superlatives such as einzig(st), kein(st).


Sonja Vandermeeren

Polysemie bei der Wechselpräposition in

Eine kognitiv-linguistische Untersuchung

Abstract

Der vorliegende Beitrag diskutiert alternative Ansätze in der Kognitiven Semantik vor dem Hintergrund der Begriffe "Bedeutung", "Konzept", "Schema", "Netzwerk", "Kontext", "Prototyp" und "konzeptuelle Metapher". Mit Hilfe einer corpuslinguistischen Untersuchung wird versucht, die Vorzüge des Ansatzes der Holistisch-kognitiven Semantik zu veranschaulichen. Semantisch analysiert werden durch die Präposition in eingeleiteten Dativ- und Akkusativkonstruktionen. Es wird auch der Frage nachgegangen, ob sich die im untersuchten Corpus gefundenen räumlichen Bedeutungen, Generalisierungen und Metaphorisierungen auch bei Verbindungen des Halbpräfixes ein registrieren lassen.

The present article discusses alternative approaches in cognitive semantics against the background of the terms "meaning", "concept", "schema", "network", "context", "prototype" and "conceptual metaphor". A corpus-linguistic investigation is used to illustrate the advantages of holistic cognitive semantics. Dative and accusative constructions with the preposition in are analysed semantically. The question is also raised as to whether the spatial meanings, generalizations and metaphorisations found in the corpus are also to be found with constructions involving the prefixoid ein.