4. GRAMMIS im WWW

Das grammatische Informationssystem GRAMMIS wird auf der inhaltlichen Grundlage der IDS-Grammatik seit einigen Jahren in der Abteilung Grammatik des IDS entwickelt. In einer Pilotphase des Projekts von 1994 bis 1997 wurden zunächst zwei Komponenten eines Prototyps mit der Autorensoftware Toolbook (Asymetrix) entwickelt (Wortarten, Valenz) und als  Disketten bei verschiedenen Nutzern, überwiegend im akademisch-linguistischen Bereich, erfolgreich getestet und in Form einer Fragebogenaktion evaluiert. In einer zweiten Phase wurden mit einem Hypertext zur neuen Rechtschreibung (amtliches Regelwerk und Wörterverzeichnis) erste Erfahrungen mit dem WWW als Publikationsmedium und mit einer heterogeneren und quantitativ erheblich größeren Zielgruppe gewonnen.  (vgl. zur Pilotphase Storrer 1995, 1997, 1998, Breindl 1998, Schneider 1997, 1998 und Strecker 1998.)

4.1 Von der offline-Version zum online-System

Erfahrungen bei Entwicklung und Einsatz der offline-Grammis-Komponenten sowie veränderte Rahmenbedingungen im technischen Bereich legten für die Weiterentwicklung von GRAMMIS Veränderungen in zweifacher Hinsicht nahe: zum einen soll GRAMMIS von einer kleinen Anzahl autonomer, nur über die gemeinsame Schnittstelle Terminologie-Glossar verbundener, virtueller Grammatikkapitel zu einer systematischen und vollständigen Hyper-Grammatik ausgebaut werden, die längerfristig das theoretische Konzept und die Inhalte der gesamten IDS-Grammatik in sich vereinigt. Zum anderen löst GRAMMIS sich von den Vorgaben eines nicht-offenen, proprietären und für datenintensive Großprojekte weniger geeigneten Autorensystems. Das neue Konzept beruht auf der Idee, die mittels einer XML-Auszeichnungssprache inhaltlich strukturierten Informationen über das online-Medium WWW zur Verfügung zu stellen [10]. Für die interne Verwaltung aller Daten (Informationseinheiten zu grammatischen Themen, Wörterbucheinträge, Glossareinträge, statische und animierte Grafiken, Tonbeispiele etc.) wird das objektrelationale Datenbanksystem Oracle 8i genutzt. Mit diesen inhaltlichen und technischen Vorgaben sind Veränderungen verbunden, von denen wir uns einige zusätzliche Vorteile für Autoren und Nutzer versprechen:

  1. Der Nutzer muss keine bestimmte Software zur Verfügung haben, sondern braucht lediglich einen gängigen Internet-Browser hörerer Version, - heutzutage Bestandteil der Standardausstattung von Personalcomputern – und natürlich einen Internet-Anschluss. Der Umgang damit ist dem Gros der mit GRAMMIS avisierten Zielgruppen vertraut und bedarf keines gesonderten Kompetenzaufbaus.

  2. Das WWW als offener Hypertext bietet den Autoren die in 3.4 beschriebenen Vorteile des allmählichen Publizierens. Grammatisches Wissen kann so sukzessive aufgebaut und als offenes wachsendes Netzwerk präsentiert werden, indem Verweise auf andere Einheiten, die in den zunächst unabhängig voneinander von verschiedenen Autoren entwickelten Informationseinheiten angelegt sind, nach und nach inhaltlich gefüllt werden. Dem vorrangig zu entwickelnden Glossar grammatischer Termini kommt dabei eine wichtige Schnittstellenfunktion zu, indem es noch "offene" Verweise vorläufig zumindest mit einer Kurzbeschreibung abdeckt. Durch die Möglichkeit der Kommunikation zwischen Autor und Leser lässt sich überdies die veränderte Konzeption von Grammis bereits in einem frühen Stadium und begleitend zum Arbeitsfortschritt evaluieren.

  3. Indem grammatische Informationen über das WWW angeboten werden, können breitere Nutzerschichten angesprochen werden als mit einem offline vertriebenen Angebot. Diese Nutzerstreuung ist eine Voraussetzung für die Zielsetzung des Projekts, grammatische Informationen benutzerspezifisch aufzubereiten und auch die Interessen von linguistisch weniger versierten Nutzern zu bedienen. Andererseits können Nutzer mit Fragen, die nicht von GRAMMIS selbst beantwortet werden, - zum Beispiel weil sie eine andere linguistische Domäne (Lexikologie, generative Grammatik etc.) betreffen, - über ein System externer Verweise von GRAMMIS zu anderen Informationsquellen im WWW gelenkt werden.

  4. Die XML-"Philosophie" einer konsequenten Trennung von inhaltlicher Struktur eines Dokuments und dessen Erscheinungsbild ermöglicht dem Autor, sich stärker auf seine wesentliche Fachkompetenz, die linguistische, zu konzentrieren. Als Multimedia-Autor muss er sich ohnehin nicht nur technisches Wissen im Umgang mit Editoren und zumindest rudimentäre Kenntnisse in deren Verwaltung aneignen, sondern er sollte auch über informationswissenschaftliche und mediendidaktischen Kenntnisse verfügen, wie sie zur Gestaltung eines Hypertextsystems nötig sind. Die in XML definierten Tags, d.h. Textauszeichunngen, enthalten zunächst nur Informationen über die logisch-semantische Struktur des Dokuments, nicht aber über dessen Erscheinungsbild: dieses wird erst anschließend über eine Stylesheet-Language zentral zugeordnet. So können auch unterschiedliche Layouts für ein einmal ausgezeichnetes Dokument generiert werden. Dies sind gute Ausgangsbedinungen für Entzerrung von Kompetenzen und interdisziplinäre Kooperation. Durch die zentrale Layoutierung wird außerdem die konsequente Einhaltung von Layout-Entscheidungen (corporate identity) erheblich erleichtert, die bei Entwicklung umfangreicher Dokumente in einem Autorenteam nur mühsam zu erzielen ist, wo eine Vielzahl von ad-hoc- und Einzelfallentscheidungen den Überblick erschweren. XML-Dokumente sind aufgrund ihrer logischen Strukturierung und der bei den einzelnen Texteinheiten abgespeicherten Metainformationen auch geeigneter für automatisierte Dokumentenverwaltung wie automatisches Erstellen von Registern und Inhaltsverzeichnissen und bieten bessere Abfragemöglichkeiten für den Nutzer.

Die grundsätzliche Zielsetzung von GRAMMIS, nämlich das "Sauerbier Grammatik" etwas schmackhafter zu machen, hat sich mit GRAMMIS online nicht wesentlich verändert. Auch entstammt das in GRAMMIS zugrundegelegte grammatische Wissen nach wie vor in erster Linie der IDS-Grammatik, die aber - als wissenschaftliche Grammatik - für bestimmte Nutzungssituationen und Zielgruppen stärker als für die Pilotversion bearbeitet werden muss. Bei der Evaluation der Pilotversion hat sich gezeigt, dass Adressaten weniger Probleme damit hatten, sich mithilfe der bereitgestellten Navigationsmittel in einem Hypertext zu orientieren, als vielmehr die angebotenen, zum Teil recht komplexen grammatischen Erklärungen nachzuvollziehen. Bei der Konversion der IDS-Grammatik können deshalb fallweise Kürzungen, Straffungen, Umformulierungen, Zusammenführung von Information aus verschiedenen Kapiteln, bis hin zu inhaltlicher Neubearbeitung und Aktualisierung notwendig werden. Da jedoch die IDS-Grammatik und ihr theoretisches Konzept erkennbar sein müssen und sollen, wurde neben dem eher unerwünschten Weg einer durchgehenden Vereinfachung und Verringerung der Phänomendichte der Lösungsweg hauptsächlich darin gesucht, für unterschiedliche Nutzer- und Nutzungstypen Informationen in unterschiedlichem "Tiefgang" aufzubereiten. Dieses Verfahren war bereits an der Komponente "Konnektoren" in der Form von punktuell von einem Hauptlesestrang abzweigenden "vertiefenden Informationen" sowie an der Komponente "Grammatik aus funktionaler Sicht" mit zwei parallel laufenden Informationssträngen "für Theoretiker / für Praktiker" erprobt worden und wird nun auf ein Drei-Ebenen-Modell ausgeweitet und systematisiert. Zusätzlich wird mit einer neuen Komponente "häufig gestellte Fragen zur Grammatik" ein Weg geschaffen, das in der IDS-Grammatik und GRAMMIS gespeicherte Wissen nach anderen Kriterien als sprachsystematischen aufzubereiten.

Das so geschichtete und mit Metainformationen indizierte Wissen soll dann dem Nutzer in maßgeschneiderten, an seinen aktuellen Bedürfnissen orientierten Ansichten präsentiert werden. Dies soll auf der Grundlage von Nutzerprofilen geschehen, die das System automatisch erzeugt zum einen über Abfrage der Selbsteinschätzung des Nutzers (Vorkenntnisse, Interessen, Lerntyp) und zum anderen über eine Analyse seines Navigationsverhaltens.

4.2 Die Architektur von GRAMMIS im WWW

Die Architektur des neuen GRAMMIS-Systems kann man als dreischaliges Modell veranschaulichen: erstens dem Systemkern mit seinen Komponenten, die multidirektional und lokal miteinander vernetzt sind, zweitens einer Peripherie, in der andere elektronisch verfügbare Ressourcen zu Grammatik und Sprache in eher loser Form angebunden sind, und drittens den Zugängen zu der im System enthaltenen Information, also den Benutzerschnittstellen. Eine Komponente kann für mehrere Arten von Zugriffen zur Verfügung stehen, umgekehrt kann ein bestimmtes Informationsbedürfnis von mehreren Komponenten befriedigt werden. Das System ist offen, insofern es die Integration oder Anbindung weiterer grammatischer Hypertexte vorsieht, auch wenn diese nicht in der Terminologie und Konzeption der IDS-Grammatik verankert sind, und insofern es in seiner Peripherie eine Schnittstelle zu fremden Ressourcen realisiert.

Das grammatische Grundwissen ist nach den drei Informationsniveaus "Kompakt", "Detail", "Vertiefung" gestaffelt. Als neutrale, für die meisten Nutzungssituationen geeignete Ausgangsbasis, dient die "Detailebene". Jede Informationseinheit der Detailebene ist einem "Kompaktknoten"zugeordnet, der in abstractartiger Form die Informationen der Detailebene zusammenfasst, um dem Leser einen ersten Überblick über das Thema zu bieten. Von der Detailebene zweigen optional und punktuell vertiefende Informationseinheiten ab, die das eher problemorientierte "Expertenwissen", nämlich Hintergrundwissen, Literaturdiskussion, Besprechung besonders kniffliger Fälle, Ausnahmephänomene etc. behandeln.

Die Inhalte der Komponente grammatisches Grundwissen erschließen sich, getreu dem "doppelten Angang" der IDS-Grammatik, zum einen aus einer formalen, morphologischen und syntaktisch-semantischen, zum anderen aus einer funktionalen Perspektive. Unter syntaktisch-semantischem Aspekt werden Ausdruckseinheiten aller Komplexitätsstufen (Morpheme, Affixe, Wörter, Phrasen, Sätze, Texte), ihre hierarchischen und linearen Beziehungen zueinander und ihr Beitrag zum Aufbau von Bedeutungsstrukturen beschrieben, unter kommunikativ-funktionalem Aspekt wird betrachtet, mit welchen Ausdrucksmitteln die kommunikative Funktion einer Äußerung realisiert werden kann.

Das Glossar grammatischer Termini, genannt "die Grammatikexpertin" wird als bewährte Komponente aus der Pilotphase übernommen und in die WWW-Version reimplementiert; sie hält kurze Erklärungen zu grammatischer Terminologie bereit unter Zuhilfenahme von objektsprachlichen Beispielen und Verweisen auf konkurrierende Terminologie. Der Nutzer gelangt also z.B. über die Eingabe von "Komplement" und "Ergänzung" zum selben Eintrag. Auf Klassifikationen der IDS-Grammatik, die nicht nur terminologisch, sondern auch extensional und intensional stark von der Tradition abweichen, - etwa im Fall der Scheidung der deiktischen Sprecher-Hörer-Pronomina ich/du von den anaphorischen Personalpronomina er/sie/es - wird im Glossar und in der Detailebene besonders hingewiesen. Die Grammatikexpertin kann direkt konsultiert werden, oder durch Klick auf ein Aktionswort als Fenstereinblendung aus den Texten des grammatischen Grundwissens heraus aufgerufen werden. Jeder Eintrag ist mit derjenigen Stelle im Grammatischen Grundwissen hypertextuell verknüpft, an der der betreffende Terminus eingeführt und im systematischen Zusammenhang ausführlicher erläutert wird.

Das "grammatische Wörterbuch" enthält idealerweise grammatisch relevante Informationen zu allen Wörtern des Deutschen, also z.B. auch Genus-, Flexions-, Rektions- und Valenzeigenschaften der offenen Klassen Nomina und Verben. Realistisch ist jedoch unter den gegebenen Kapazitäten eine erste Konzentrierung auf die geschlossenen Klassen der Funktionswörter (Partikeln, Junktoren, Teilklassen von Adverbien, Präpositionen, Pronomina, Artikel, Hilfs- und Modalverben), die in einem nächsten Schritt um Wortbildungsaffixe und schließlich um flektierbare Einheiten mit nicht prädiktabler Morphologie erweitert werden sollen. Überdies wird es hier eine Schnittstelle zum verwandten IDS-Projekte LEXXIS - (elektronisches) "Wissen über Wörter" geben, das die lexembezogenen Wissensbestände der Abteilung Lexikologie und Lexikographie in Form von mehrdimensional strukturierten Wörterbucheinträgen aufbereiten und einer breiteren Leserschicht zunutze kommen lassen will. Wo sinnvoll und machbar, werden die Wörterbucheinträge auch um Tonbelege ergänzt. Reichhaltige Belege aus den Mannheimer Korpora des IDS sollen grammatische Informationen absichern helfen, was insbesondere bei synchronen Varianten und Zweifelsfällen grammatischer Norm von großer Wichtigkeit ist. Über die Datenbank-Verwaltung sind Abfragen auch nach funktionalen Kategorisierungen möglich: Nutzer können sich beispielsweise eine Liste aller Konjunktoren ausgeben lassen, aber eben auch eine Liste von Wortschatzeinheiten, die adversative Beziehungen herstellen.  

Insbesondere für Experten wird das grammatische Grundwissen ergänzbar über Bibliografien zur deutschen Sprache, die verschlagwortete, nach Autor/Herausgeber, Titel, Stichwort und Publikationsjahr abfragbare Datensätze zu linguistischer Literatur versammeln. Verfügbar sind derzeit die in 3.1 erwähnten Bibliografien zu Konnektoren und Präpositionen. Als Ergebnis einer Kooperation mit der Universtität Potsdam werden künftig die Datenbestände der Eisenbergsche Bibliografie zur deutschen Grammatik ans IDS übergehen und im Rahmen von Grammis weitergepflegt und elektronisch publiziert werden. Damit stehen dann über 15.000 Einzeltitel ab Erfassungszeitraum 1965 für online-Recherchen zur Verfügung.

Schließlich soll das grammatische Grundwissen in einer aufbereiteten Form als "Hauptschwierigkeiten der deutschen Grammatik" gezielt häufig gestellten Fragen zur Grammatik beantworten. Antworten darauf sind unter Umständen aus der IDS-Grammatik mit ihrem systematischen Aufbau nicht auf direktem Weg zu erhalten, vor allem nicht von Nutzern mit geringen linguistischen Kenntnissen. Auf manche Fragen, etwa nach Verwendungsweisen einer Form, nach der Orthographie oder auf Fragen mit normativem Anspruch, bleibt die IDS-Grammatik Antworten schuldig; in diesen Fällen müssen neue Texte produziert werden.

Zur etwas loser angebundenen Peripherie von GRAMMIS gehören weitere, nicht notwendig im GRAMMIS-Projekt entstandene Informationsquellen zur deutschen Sprache und Grammatik: neben dem in LEXXIS abgelegten lexikalischen Wissen gehört dazu das Sprachrecherche-System COSMAS, das über eine WWW-Schnittstelle Wort-Recherchen in den mehr als 50 Millionen laufenden Wortformen der computergespeicherten IDS-Korpora erlaubt, die nach Qualitätskriterien ausgewählten und kategorisierten LINK-Listen "Quellen zur deutschen Sprache" auf der IDS-Homepage, die externe Ressourcen zu Sprache, Linguistik, Grammatik und Deutsch als Fremdsprache anbinden, und das im GRAMMIS- Projekt angesiedelte E-Journal ORBIS "Online Reihe: Beiträge zu Internet und Sprache".

full5.gif (811 Byte)

4.3 Die Benutzer-Schnittstellen

Unabhängig von den virtuellen Büchern und Kapiteln in GRAMMIS werden die Benutzer-Schnittstellen realisiert als unterschiedliche, an Nutzer- und Nutzungstypen orientierte Präsentationensformen der gespeicherten Informationen. Die Forschungslage zur nutzeradaptierten Gestaltung von Hyperdokumenten ist derzeit - zumindest was valide empirische Untersuchungen anbelangt, - noch eher dürftig; es gibt jedoch eine Reihe von Studien in den Informationswissenschaften und der Kognitionspsychologie (Forschungsüberblick bei Krems 1999) und eine wachsende Literatur im Bereich   Hypertextforschung (vgl. Gerdes 1997). Deren Ergebnisse müssten nun mit dem Wissen, das die Linguistik über Interessen und Verhalten von Grammatikbenutzern hat, verrechnet werden; - allerdings mangelt es entsprechenden Arbeiten mit linguistischer Orientierung ebenfalls meist an empirischer Fundierung (Helbig 1992, Hoffmann 1984, Agel/Brdar-Szabo (Hg) 1993, Weydt 1993). GRAMMIS betritt in diesem Bereich also auch forscherisches Neuland, wobei die Ausgangsbedingungen für projektbegleitende Nutzerforschung  mit dem Medium WWW günstig sind.

Besonderer Augenmerk muss – wie schon in der offline-Version von GRAMMIS - auf die Gestaltung geeigneter Navigationsmittel gelegt werden: sie sind ein Remedium, mit dem bekannte Nachteile von offenen Hypertextsystemen wie dem WWW ausgeglichen werden können: die gegenüber linearen Medien erheblich größeren Gestaltungsspielräume der Benutzer werden mit Problemen im kognitiven Bereich erkauft, mit Desorientierung (lost in hyperspace) und kognitiver Überlastung (cognitive overhead), mit Erschwernissen beim Aufbau eines adäquaten mentalen Modells. Diese Nachteile haben teilweise auch mit der unterschiedlichen Raumnutzung zu tun: während die unterschiedliche räumliche Positionierung verschiedener Informationseinheiten auf Buchseiten das Wiederauffinden und Memorieren erleichtert, werden bei elektronisch publizierten Texten wechselnde Informationseinheiten ortskonstant im gleichen Bildschirmfenster präsentiert. Umso wichtiger werden dann andere Mittel der Kohärenzbildung. Die in der Pilotphase getesteten Navigationsverfahren und Orientierungstools (Abfragemasken für Wortform- und Terminologie-Recherchen, Indizes zu den Inhalten des Grundwissens, Möglichkeit des linearen Vor- und Zurückblätterns, Fisheye-View, Chronik der besuchten Seiten, Annotationsmöglichkeiten) wurden von den Nutzern weitgehend einhellig positiv aufgenommen, ( vgl. Schneider 1998, Storrer 1998) und müssen nun im Sinne der benutzerspezifischen Präsentationsformen implementiert werden. Für Einsteiger ins System sollen Lehrpfade (guided tours) angelegt werden, die einen Grundkurs in deutscher Grammatik bieten, und Fragen linguistisch weniger versierterer Nutzer müssen vom System so kanalisert werden, dass sie auf die passende Stelle der Komponente "Hauptschwierigkeiten der deutschen Grammatik" treffen. 

4.4 Die Mikro-Architektur: Beispiel Wortarten

An Beispielen aus der Einheit "Wortarten" soll nun die Mikroarchitektur des Systems gezeigt werden.

Auf der Kompaktebene führt als erster Einstieg eine unkommentierte anklickbare Liste der Wortarten des Deutschen zu den Überblicks-Darstellungen der einzelnen Wortarten. Der Nutzer soll hier das Minimum an Informationen erhalten, das nötig ist, um a) Lexeme nach der Klassifikation der IDS-Grammatik kategorisieren zu können und b) entsprechend der in der IDS-Grammatik vorgenommenen Kreuzklassifikation für jede Wortart eine erste - auch grobe - semantisch-funktionale, morphologische und syntaktische Charakterisierung vornehmen zu können. [11] Gängige alternative Bezeichnungen und Zuordnungen, Beispiele und bei sehr kleinen geschlossenen Klassen der gesamte Bestand werden jeweils angegeben.

Von der Kompaktdarstellung kann der Leser zur Detailebene: Wortarten  gehen. Hier erhält er zunächst Erläuterungen über das kreuzklassifikatorische Verfahren. Er kann entweder auf der gleichen Wissensebene detailliertere Informationen zu den einzelnen Wortarten abrufen, oder er bleibt beim Gegenstand "Wortartenklassifikation" und wechselt auf die Vertiefungsebene, die ihm die problematischen Aspekte jeglicher Wortartenklassifikation vor Augen führt, indem sie ihn z.B. auf synchrone kategoriale Schwankungen, Sprachwandelprozesse und diachrone Klassenübertritte oder auf das Konzept von Kern und Peripherie einer Klasse hinweist.

Bei den einzelnen Wortarten findet der Leser auf der Detailebene für jede Wortart die semantisch-funktionale, syntaktische, morphologische und topologische Bestimmung wesentlich ausführlicher als auf der Kompaktebene und mit Querverweisen zu anderen Einheiten des grammatischen Grundwissens. So werden beispielsweise für die Einheit "Präpositionen" Angaben zur Schichtung der Klasse in einen Kernbestand und in jüngere Einheiten gemacht und der Leser wird auf die Einheit "Wortbildung" verwiesen, in der Präpositionen wie infolge, entsprechend, trotz, dank etc. ihrer Bildungsweise nach beschrieben werden. Von jeder phrasenbildenden Wortart gibt es systematische Verweise zur jeweiligen Stelle in der Einheit "Phrasen". Für die flektierbaren Wortarten sind Flexionsparadigmen abrufbar. Bei geschlossenen Klassen kann von der Detailebene aus die Liste des gesamten Bestands abgerufen werden, der wiederum zu den jeweiligen Wörterbucheinträgen führt. Auf diese Weise wird dem Nutzer nahegelegt, lexikalisch-idiosynkratische Eigenschaften von Wörtern auf der Folie der Klasseneigenschaften zu erkennen. Wörterbucheinträge können untereinander verbunden sein, was Einsicht fördern soll in die Strukturierung des Wortschatzes in semantische Felder oder Relationen wie Antonymie, Synonymie, oder Minimalpaare wie im Falle der Präpositionen seit und ab (seit gestern / *ab gestern; *seit morgen/ ab morgen), Angaben zu Normschwankungen - hier am Beispiel der Rektionseigenschaften von trotz - werden belegt. Grammatische Termini sind zumindestens beim ersten Vorkommen markiert und mit dem Glossar verbunden. Ein gebräuchlicher konkurrierender Terminus oder ein knappes erläuterndes Beispiel wird eingeblendet, wenn der Leser mit dem Mauszeiger über das betreffende Wort fährt. Vom Glossareintrag führt wiederum ein Verweis in dasjenige Kapitel des grammatischen Grundwissens, in dem der Terminus eingeführt und ausführlich erläutert wird.

Phänomenbezogen können grammatische Informationen angereichert werden durch Materialisammlungen von Belegen mit Quellenangaben und Beispieltexte, die ein bestimmtes grammatisches Phänomen in besonders augenfälliger Weise illustrieren, und sich so für eine induktive Annäherung an den Gegenstand anbieten, etwa im Einsatzbereich Seminar/ Unterricht; so kann etwa die deutsche Übersetzung von Lewis Carrolls Jabberwock "Der Zipferlak" Eigenschaften von Wortarten bewusst machen, die hinter einer - intuitiv vorgenommen - Klassifikation stehen. [12]  Für didaktische Zwecke können  Texte leicht auch in einer bearbeiteten Version – etwa als Lückentext, mit oder ohne Hervorhebung des Phänomens wie hier an einem  Beispieltext zu Konnektoren, verfügbar gemacht werden.

Die Wortarten-Klassifikation kann nun nicht nur bequemer als in einer gedruckten Grammatik an andere Terminologien angebunden werden, sondern sie kann, dank des kreuzklassifikatorischen Verfahrens und der datenbankartigen Strukturierung der wortartdefinierenden Charakteristika, vom Benutzer in individuelle dynamische Kategorisierungen umgewandelt werden. So wird man etwa eine Wortklasse definieren können, deren Elementen gemeinsam ist, dass sie selbständig zur Beantwortung von Fragen verwendet werden können, oder man kann alle Einheiten, die einen Kausalzusammenhang herstellen, in eine Klasse zusammenfassen, oder alle quantifizierenden, oder alle genitivregierenden Einheiten und so fort. Eine Vielzahl von Fragestellungen nach semantischen, pragmatischen, syntaktischen und typologischen Zusammenhängen kann so an GRAMMIS herangetragen werden.

5. Ausblick

Vieles von dem, was in diesem Beitrag vorgestellt wurde, existiert vorläufig erst als Konzept, als derzeit noch nicht öffentlich zugängliche "Baustelle" oder in den noch zu konvertierenden "Büchern zur Grammatik" aus der Pilotphase des Projekts. Im Augenblick noch passwordgeschützte Bereiche wurden deshalb hier bis auf weiteres als inaktive Bildschirmschnappschüsse und nicht mit ihrer WWW-Adresse eingebunden. Der Leser ist hiermit herzlich eingeladen, sich vom jeweiligen Stand der Arbeit selbst ein Bild zu machen. Sie finden uns unter

http://www.ids-mannheim.de/grammis/

 

Literatur

Kapitel 3.Seitenanfang

Fußnoten

[Anm.: Durch Anklicken der Fußnotenzahl kommt man zurück zur Textstelle.]

[10] Denkbar ist auch eine gemischte Publikationsform, bei der bestimmte Komponenten des Hypertexts in Form einer CD-Rom angeboten werden.
[11] In dieser Perspektive unterscheidet sich die überarbeitete Einheit Wortarten in GRAMMIS online vom "Wortartenbuch" der Pilot-Version: bei dieser in sich abgeschlossenen Komponente stand als Zielsetzung im Vordergrund die Abgrenzung der Wortarten voneinander, während die neue Einheit Wortarten so konzipiert ist, dass sie auch als Einstieg zu nicht mehr rein wortartbezogenen grammatischen Informationen – Phrasenaufbau, Valenz, Satzstrukturen, syntagmatische Relationen u.a. - dient. Wir wollten damit der traditionellen grammatikographischen Praxis, auch syntaktische und syntagmatische Informationen an Wortarten anzubinden, und den Lesern, die dies gewohnt sind, entgegenkommen.
[12] Eine "Grammatik mit Augenzwinkern" könnte dann auch einmal einen Text von Mark Twain für die Satzklammer oder den "Donaudampfschiffahrtskapitän....." in der Einheit Wortbildung zitieren; so manche Sprachwitze und Sprachspielereien eignen sich auch, um den Unterschied zwischen Kategorien und Funktionen zu verdeutlichen.