4. Auswertung und Ausblick

Recherchen im Internet über einen Zeitraum von mehreren Monaten hinweg und die Beobachtung der Forschungslandschaft lassen den Schluss zu, dass im Fach Deutsch als Fremdsprache derzeit wesentliche Innovationen hauptsächlich aus dem Bereich Neue Medien und Kommunikationstechnologien kommen. Weder sind aus neueren Erkenntnissen in den Bezugswissenschaften Umwälzungen in der Theoriebildung zu erwarten, noch wird irgendwo substantielle Kritik am globalen Lernziel "Interkulturelle kommunikative Kompetenz" geübt. Einige Beobachtungen zum Status Quo und sich abzeichnende Trends bei Neuen Medien und Internet sollen hier festgehalten werden.

Auf den ersten Blick scheint der deutschsprachige Raum nun den Vorsprung des englischsprachigen allmählich aufzuholen. Dennoch ist man in Deutschland von der für die USA selbstverständlichen fast flächendeckenden Nutzung des Internet im universitären Bereich noch weit entfernt. Die auch qualitativ interessanten Anbieter sind in Deutschland neben den großen öffentlichen Institutionen wie Goethe-Institut und DAAD Einzelpersonen, von denen das Internet als Experimentierbühne für die Lehre und Forschungsgegenstand gleichzeitig genutzt wird, während gerade die traditionellen DaF-Lehrstühle, von denen in der Vergangenheit viele Impulse ausgingen (München, Bielefeld, Bayreuth), dem neuen Medium auffällig reserviert gegenüberstehen.Eine Regularität fällt auf: je näher eine Institution an der Sprachunterrichtspraxis, desto eher macht sie vom Internet Gebrauch. Die diversen Schulwebs und Tandem-Börsen sind funktionstüchtige Netzwerke für den Sekundarschulbereich, und auch die häufig den Hochschulen nur angegliederten Sprachenzentren, Sprachlehrgebiete und Studienkollegs nutzen das Internet bereits in bescheidenem Umfang für lokale Informationen, Sprachübungen und Prüfungsmuster.

Die quantitative Dominanz der Angebote im englischsprachigen Raum bringt es mit sich, dass - neben Deutsch - das Englische als Basissprache dominiert. Nun ist im Prinzip die Nutzung der Muttersprache auch im online-Fremdsprachenunterricht - vor allem bei sprachlich homogenen Gruppen - durchaus vernünftig [38] (Sensibilisierung für Sprach- und Kulturkontraste, Aufrechterhaltung der Motivation durch Befriedigung thematischer Interessen, wenn die Fremdsprachenkenntnisse nicht mit den intellektuellen Kapazitäten Schritt halten können), bedenklich ist aber, dass derzeit wenig zweisprachige Seiten mit anderer Basissprache als Englisch existieren: in anderen europäischen Ländern wird das Internet im Rahmen der Germanistik noch wenig genutzt, aber auch viele deutsche Institutionen beschränken sich - im Unterschied übrigens zu solchen in Österreich und der Schweiz - bei zweisprachigen Angeboten aufs Englische. Eine pluralistische sinnvolle Regionalisierung von Lehrmaterialien, seit langem Bemühung curricularer Planung im In- und Ausland und in einer Vielzahl lokaler Publikationen verwirklicht, ist also durch das Internet derzeit nicht gegeben. Dennoch dürfte zukünftig einer der großen Vorteile des Internet im Dienste des Fremdsprachenlernens eben in seiner effizienten Einsatzmöglichkeit für regionale Bedürfnisse liegen, durch kostengünstige Bereitstellung und Verbreitung von aktuellen Informations- und Übungsmaterialien für einen bestimmten Aus- oder Weiterbildungskurs an einer bestimmten Institution bzw. für spezielle Fernstudiengänge, wie etwa die in Kap. 3.3.3 beschriebenen Pilotprojekte.

Die andere, zurzeit erst ansatzweise entwickelte aber zukunftsträchtige Perspektive des Internet ist gerade gegenläufig zur Regionalisierung: ein globales, kollektiv erweitertes "DaF-Netz" als Austauschbörse, an der alle Art einschlägige Informationen zusammengeführt sind (Datenbanken zur deutschen Sprache und zur Sprachdidaktik, zur Landeskunde, zu Fachliteratur, Veranstaltungen, Partnerschaften, Adressen u.v.m.). Manche potentiellen "Subnetze" eines solchen "Supernetzes" wurden hier besprochen. Andere, - etwa eine Börse für Sprachübungen, - sind derzeit nicht vorhanden.

Viele Fremdsprachenlehrer knüpfen große Hoffnungen an das Internet, da seine materiellen und medialen Gegebenheiten unbestreitbar einen Mehrwert gegenüber traditionellem Sprachunterricht und gegenüber gedruckten Lehrmaterialien darstellen. Als Informationsmedium kann es das thematische Materialangebot in der Zielsprache aktualisieren und erweitern und macht Raum-Zeit-Distanzen und andere Hindernisse bei der Materialbeschafung überwindbar. Der Zugriff auf Informationen ist leichter und flexibler, sodass das Ideal eines individuell themenzentrierten Sprachunterrichts (Bleyhl 1995) leichter realisierbar wird, in dem der Lerngegenstand weder "Kausalsatz" (nach dem formalen Paradigma) noch "begründen" oder "diskutieren" (nach dem kommunikativ-funktionalen) heißt, sondern eben zum Beispiel "Neue Medien", "Theater in der Schweiz" oder "Berlin", und Sprache implizit vermittelt wird. In der Funktion als Kommunikationsmedium kann das Internet die "kommunikative Reichweite" wesentlich vergrößern, authentische Kommunikation in den Kursraum integrieren und einen Beitrag zu interkultureller Verständigung leisten. Als "Tutor" des Sprachlernprozesses (sei es durch das System, sei es via E-mail-Betreuung durch einen menschlichen Tutor) ermöglicht es dem Lerner sanktionsfreies, autonomes und individuelles Üben und Wiederholen, abgestimmt auf seinen individuellen Lerntyp, sein Lerntempo und seine Bedürfnisse und Vorkenntnisse, und könnte theoretisch auch den Sprachunterricht von Drillphasen entlasten. Und schließlich erlaubt das Internet als Publikationsorgan dank seiner dezentralen, "demokratischen" Struktur Lehrern wie Lernern auf einfache Weise die Verbreitung eigener Gedanken. Das Internet scheint also die geeignete Antwort auf Desiderata des zeitgemäßen Fremdsprachenunterrichts und könnte quasi als Katalysator wirken: Verstärkung der Lernerautonomie, Individualisierung des Lernprozesses und damit Motivationssteigerung, Unterstützung von Kognitivierung und selbstentdeckendem Lernen, integrierter Grammatikunterricht, interkulturelles Lernen, Projektarbeit und Handlungsorientierung, um hier gängige Schlagworte neuerer pädagogischer und fremdsprachendidaktischer Diskurse zu zitieren. Solcherart Lernen bedingt aber auch eine Verschiebung im Funktionsdreieck Lehrer- Lerner - Material: Die Lehrerrolle wird reduziert auf die eines Begleiters und Beraters des Lerners in seiner Spracherwerbsbiographie.

Die hier besprochene Auswahl an Internet-Dokumenten sollte aber auch eines deutlich gemacht haben: von einem virtuellen online-Sprachlehrinstitut sind wir derzeit noch weit entfernt; das Internet ist keine ernst zu nehmende Konkurrenz gegenüber professionellem und seriösem traditionellen Sprachunterricht, gegenüber universitärer Aus- und Weiterbildung für Lehrer des Deutschen als Fremdsprache. Dazu ist derzeit das Angebot insgesamt gesehen nicht nur zu einseitig, sondern vor allem in der Qualität häufig unbefriedigend. Nicht selten lässt bereits die sprachliche Qualität beängstigend zu wünschen übrig, und nicht immer ist das angebotene Material unter didaktischen Gesichtspunkten auch sinnvoll. Durch den weitgehenden Ausfall einer Qualitätssicherung kommt eben auch vieles ins Netz, was sogar hinter marktgängigen, durch Herausgeber und Redaktionen qualitativ gefilterten Wörterbüchern, Grammatiken und DaF-Lehrmaterialien zurückbleibt. Und selbst unter inhaltlich und didaktisch anspruchsvollen Internet-Produkten sind es letztendlich nur wenige, die die medialen Vorzüge in einer solchen Weise nutzen, dass sich tatsächlich ein Mehrwert für den Adressaten ergibt. Noch wird das Internet ganz überwiegend für die Verbreitung schriftsprachlicher Lehr- und Lernmaterialien genutzt, was doppelt befremdlich ist: einerseits angesichts neuerer technischer Möglichkeiten der Integration von off- und online, und andererseits vor dem Hintergrund des fremdsprachendidaktischen Paradigmas eines kommunikativen Sprachunterrichts mit dem Primat gesprochener Sprache. Verglichen mit den reich illustrierten und ästhetisch ausgereiften neueren Lehrwerken sind auch Bildelemente eher selten in didaktisch funktionaler Weise integriert, sei es als Primärdokumente mit eigenständigem Code, sei es als Illustration von Text oder Ton (eine Ausnahme sind die guided tours und Kurspakete von Gölz), und eine funktionale Animation fand sich nur auf einer der untersuchten Seiten, die Präsentation ist überwiegend statisch. Natürlich ist es nicht erstrebenswert, dass beim Laden einer Internet-Seite auf Grund reicher Bebilderung und funktionsloser technischer Spielerei unnötig viel Zeit verloren geht (Stichwort: World Wide Wait), dass eine planvolle aufwändige Gestaltung prinzipiell aber lernfördernde Wirkung haben kann, beweisen viele offline angebotene Multimedia-Lern- und Informationssysteme (vgl. Kap. 3.2) und die Erfahrungen mit ihnen (vgl. Glowalla/Schoop 1992/1995, Issing/Klimsa 1995 und Schoop/Glowalla 1992). Kombinationen von off- und online ("offline-Surfen" oder CD-Roms mit Erweiterungen im Internet) könnten einen Weg aus diesem Dilemma weisen.

Wesentlich besser schneidet das Internet zum gegenwärtigen Zeitpunkt in seiner Funktion als Kommunikationsmedium ab. Die ohne allzugroße technische Vorarbeit durchführbaren E-mail-Tandems und Klassenpartnerschaften, die individuelle direkte schriftliche Kommunikation zwischen Lerner und Lehrer haben in ihrer Dimension des "authentic classroom-discourse" den Sprachunterricht bzw. Seminarbetrieb substantiell bereichert und zu Individualisierung und Intensivierung von Lernprozessen beigetragen. Die technische Entwicklung hin zu Echtzeit-Dialogen kann die Überwindung raum-zeitlicher Grenzen noch bequemer machen und neue Formen der Kurskommunikation eröffnen.

Die sich aus den obigen Ausführungen ergebenden Desiderata lassen sich in zwei Gruppen ordnen: sie betreffen zum einen die Beschaffenheit von Lehrmaterialien im Internet, zum anderen die Integration des online-Lernens in didaktische Paradigmen. Damit das Internet im Fremdsprachenunterricht nicht das gleiche Schicksal erfährt wie CALL in den letzten drei Jahrzehnten, muss einerseits garantiert werden können, dass auch hochwertige Materialien zur Verfügung stehen, die in der beschriebenen Weise den speziellen "Internet-Mehrwert" ausschöpfen und weder technisches Blendwerk ohne didaktischen Nutzen noch unaufbereitet ins Netz gestellte Print-Materialien darstellen, und andereseits muss unter Berücksichtigung empirischer Befunde eine Web-Didaktik ausloten, welche Aspekte des Sprachenlernens durch welche Aktivitäten mit dem Internet sinnvoll realisiert werden können und wie viel Raum letztendlich dem Lernen mit Neuen Medien innerhalb eines Kurses eingeräumt wird. Eine Qualitätssicherung ließe sich organisatorisch etwa durch ein Verbandsnetz mit Materialienbörse erzielen, das auf der Basis eines - noch zu entwickelnden - Kriterienkatalogs zur Klassifikation und Beurteilung von online-Sprachlernsoftware eine Art "Gütesiegel" vergibt und die Einhaltung eines Mindeststandards garantiert.[39] Der Sprachlehrforschung obliegt nun die Entwicklung einer Übungs- und Aufgabentypologie des online-Lernens und die Evaluation der Effizienz von Internet-Lernen. Ergebnisse der Forschungen zu CALL und "computer mediated communication (vgl. Herring 1996) sollten dazu ebenso herangezogen werden wie Forschungen zur Textproduktion mit Computer (Jakobs/Knorr/ Molitor-Lübbert 1995). Die Lernersprache bzw. der classroom-discourse könnte dazu ein passendes übergeordnetes Forschungsparadigma abgeben, so fordert etwa Chapelle (1997): um die Wirkung computerunterstützten Sprachenlernens zu eruieren, sei Wissen darüber nötig, welche Sprache Lerner z.B. in E-mail-Partnerschaften verwenden, in welcher sprachlichen Form sie mit dem System interagieren usw. Die Linguistik schließlich kann ihr Teil beisteuern durch eine Untersuchung der in den verschiedenen Formen von Internet-Kommunikation bzw. Interaktion mit dem Computer benutzten Sprache(n) (z.B. Lenke/Schmitz 1995, Feldweg/Kibiger/Thielen 1995). Und zuguterletzt sollten Lehrer wie Lerner im Umgang mit den Neuen Medien und den daraus resultierenden Veränderungen in ihren Rollen von einer Mediendidaktik begleitet werden.

Kapitel 3.4 und 3.5Seitenanfang

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Fußnoten

[Anm.: Durch Anklicken der Fußnotenzahl kommt man zurück zur Textstelle.]

[38] Auch in der Praxis des herkömmlichen Sprachunterrichts ist man heute von einer dogmatischen Einsprachigkeit abgekommen.
[39] Eine gewisse "Selbstregulierung" des online-Markts ist natürlich auch gegeben, wenn schlecht gemachte und schlecht gepflegte Internet-Seiten in guten Meta-Indizes nicht aufgenommen oder entsprechend kommentiert werden und langfristig dann auch schlecht besucht werden. Nur sind eben leider auch gute kommentierte Meta-Indizes rar.

 

Überarbeitet am 30. August 1999