3.2 Das Internet als Kommunikationskanal

Eine der viel versprechendsten Dimensionen des Internets für den Fremdsprachenunterricht ist sein Kommunikations-Potential. Der technische Unterschied zwischen Übertragungsprotokollen für asynchrone Kommunikation (E-mail, Newsgroups) und solchen für synchrone, "Echtzeit"-Kommunikation (MUD = "Multi-user-Dimension" oder Dungeon, MOO = "Multi-User-Object-Oriented" und IRC "Internet Relay Chat"), bedingt auch unterschiedliche Kommunikationssituationen. Echtzeitkommunikation, bei der mehrere Nutzer gleichzeitig miteinander kommunizieren, ist geeignet für online-Konferenzen, aber auch für Rollenspiele; sie wird derzeit im DaF-Bereich noch kaum genutzt. Gute Erfahrungen liegen dagegen mit grenzüberschreitenden E-mail-Tandems und Klassenpartnerschaften vor (vgl. Brammerts/Little 1996 und Donath/Volkmer 1997). In solchen E-mail-Tandems, - einer idealen Adaptierung des vor allem an der Universität Bochum entwickelten Sprach-Tandem-Lernkonzepts -, kommunizieren einzelne Lerner oder Lernergruppen unter Betreuung durch einen Tutor in zwei Sprachen über bestimmte, zuvor abgesprochene und koordinierte Themen. Das kann auch in kollektive Schreibprojekte münden, - warum nicht einmal eine deutsch-amerikanische Soap-Opera schreiben (Donath 1997)? Wie sich aus einem solchen Projekt heraus auf spannende und emotional involvierende Weise wirkliches interkulturelles Verständnis aufbauen kann, beschreibt Meier an einer deutsch-amerikanischen Klassenkorrespondenz. Die unreflektierte Anrede eines amerikanischen Schülers an seine deutschen Briefpartnerinnen mit "Hail Lena and Sonja" brachte einen Briefwechsel ins Rollen, in dem die Schüler sich wechselseitig über ihre eigene Geschichte und den Umgang damit, über kulturelle und nationale Stereotype und Vorurteile austauschten und lernten, Sensibilitäten des anderen zu erkennen und zu berücksichtigen (Meier 1997).

Wer sich nicht selbst auf die Suche machen oder vorhandene Schul- oder Hochschulpartnerschaften nutzen möchte, für den gibt es inzwischen einige gut ausgebaute und frequentierte Tausch-Börsen im Internet (100) - (104). Bei der wichtigsten für Schulpartnerschaften, vom Goethe-Institut organisiert, gehen täglich ein bis mehrere Anfragen nach geeigneten Partnern ein. Das "International E-mail-Tandem-Network" mit einer steigenden Anzahl von zweisprachigen Teilnetzen auf Hochschulebene betreibt an der Ruhr-Uni Bochum einen Server, der Partnerschaften vermittelt, zweisprachige Diskussionsforen und eine Datenbank für Lernmaterialien unterhält und vielfältige Tipps und Hilfen rund ums Tandem-Lernen [28] gibt. Wertvoll sind auch die Zusammenstellungen von Donath für E-mail im Englischunterricht.

Die Vorteile des Internet in diesem Bereich liegen auf der Hand: Gerade für sprachlich homogene Lernergruppen im Ausland ist Kommunikation in der Zielsprache entweder künstlich im Klassenzimmer inszeniert und wirkt oft genug gerade dann, wenn ein echter Mitteilungsdrang zu einem Thema die Zunge gelockert hat, wie eine kalte Dusche ("say it in english"), oder sie ist - je nach Entfernung vom Zielsprachenland und ökonomischer Ausgangssituation der Lerner und der Lernumgebung - auf ein Minimum beschränkt. Hier kann das Internet Türen öffnen und authentische interkulturelle Kommunikation im fremdsprachigen Diskurs ermöglichen. Dass die bei E-mail-Projekten hauptsächlich zum Tragen kommenden Sozialformen wie Gruppen- und Projektarbeit, fächerübergreifendes und interdiszipläres Lernen positive Effekte auf Sprachlernleistungen haben, hat sich ohnehin in gängige Unterrichtspraxis umgesetzt. Als kommunikationsfördernder Faktor kommt eine spezielle Eigenschaft der sprachlichen Interaktion bei online-Kommunikation hinzu, die als Durchmischung schriftsprachlicher Äußerungsformen mit Merkmalen mündlicher Kommunikation beschrieben worden ist (vgl. Jakobs 1997 und Lenke/Schmitz 1995). Die Spontaneität, Schnelligkeit und Flüchtigkeit der E-mail-Kommunikation schaffen einerseits Rahmenbedingungen von Beinahe-Mündlichkeit, während mit der Schriftlichkeit der Äußerung anderseits auch die Möglichkeit der Reflexion und Korrektur verbunden ist. Dass die Neuen Medien auch auf das sprachliche Interaktionsverhalten Einfluss nehmen und gegenüber dem vergleichbaren Textmuster Brief eine geringere Offizialität und Formalität, Einsparungstechniken und Aufweichungen orthographischer, grammatischer und stilistischer Regeln mit sich führen, ist zumindest für muttersprachliche Kommunikation nachgewiesen. Noch gibt es keine vergleichende Untersuchung darüber, ob E-mail-Nutzer in einer Fremdsprache ähnlich frei schriftlich "drauflosplaudern" wie in ihrer Muttersprache oder ob fremdsprachige E-mail-Kommunikation eher nach den für fremdsprachige schriftliche Textproduktion gültigen Parametern abläuft. Eine Auswertung der sprachlichen Interaktionsformen zweisprachiger E-mail-Tandems unter linguistischen Gesichtspunkten wäre hier erhellend;[29] es ist immerhin denkbar, dass in der speziellen Kombination von near-orality einerseits und Korrekturmöglichkeit (auch durch den Kommunikationspartner) andererseits eine ideale, weil sprachliche Interaktion und Reflexion über Sprache vereinigende Situation für den Fremdspracherwerb gegeben ist. Den sprachlichen Zugewinn aus E-mail-Partnerschaften sieht Donath vor allem in zwei Bereichen: Lerner übernehmen Wörter, Wendungen und Strukturen ihrer Briefpartner und wenden sie quasi imitativ bei intensivem Schreiben situativ korrekt an, und Lerner werden sensibilisiert für verschiedene Stilebenen in der Zielsprache. Letzteres gelinge allerdings nur, wenn Phasen relativ freien Schreibens durch solche ergänzt werden, in denen die Briefe nach den gewohnten schulischen Arbeitsstrategien sorgfältig erstellt, überarbeitet, korrigiert und vom Lehrer begutachtet wird (Donath 1997).

Noch zu eruieren ist schließlich auch, inwieweit Usenets, d.h. Rechnerverbünde, in denen mehrere Benutzer in speziellen Diskussiongruppen themenzentriert kommunizieren, oder reine Chatgroups ("Quatschkanäle") ohne jede thematische Festlegung zum Aufbau zielsprachlicher Kompetenz beitragen können; letztere kommen mit ihrem häufigen und unrestringierten Themenwechsel, der mündlichen Syntax (Wort- und Satzabbrüche) und den vielen emotionalen und umgangssprachlichen Elementen am ehesten den Bedingungen von phatischer face-to-face-Kommunikation gleich und repräsentieren damit eine Form von sprachlicher Interaktion, die gerade Lernern im Ausland häufig verschlossen bleibt.

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3.3 Das Internet als Unterrichtsmedium: Aufgaben und Übungen, didaktisiertes Material

Eine Typologie fremdprachendidaktisch adressierter Webseiten sollte sinnvollerweise in der Art einer Kreuzklassifikation mindestens die folgenden Kriterien berücksichtigen. a) und b) sind dabei Bestandteil herkömmlicher Übungstypologien wie etwa und Häussermann/Piepho (1996), c) ist auch an offline-CALL-Software anzulegen und nur d) geht darüber hinaus auf das Kommunikationspotential des Internet ein.

a) die intendierte Sprachfertigkeit: gezielte Aufgaben und Übungen zu einer oder mehreren Teilfertigkeiten (rezeptiv, produktiv, mündlich, schriftlich, Wortschatz, Grammatik, Lernstrategien ) oder integrative Aufgaben und Übungen ("Ganzaufgaben" bei Häussermann/Piepho 1996), Projekte, Erkundungen, Planspiele;

b) die Einbettung in Sprachlernsituationen: Niveau, Lernort (im Kursraum, kursbegleitend, kursunabhängig zum Selbststudium);

c) den Grad, in dem die spezifischen medialen Eigenschaften computerunterstützten Sprachenlernens, Multimedialität und Hypertextualität genutzt werden: Übungen mit oder ohne tutorielle Betreuung, Feed-back und Evaluation durch das System; isolierte Übung oder hypertextuelle Vernetzung in einem Kurs-Paket; nur Text oder Unterstützung durch Ton, Graphik, Animation;

d) den Grad, in dem die Bedingungen von Online-Lernen genutzt werden: extratextuelle Links zu relevanten Informationen auf anderen Webseiten; online-Kommunikation mit anderen Lernern; individuelle Betreuung und Evaluation der Übungsergebnisse durch den Lehrer über elektronische Kommunikation;

Bei der Fülle an didaktisierten Materialien, die sich in Indizes auf einschlägigen Servern oder bei kommerziellen Software-Anbietern finden, können hier nur Kostproben geboten werden, die auf Skalen zwischen Einzelfertigkeit trainierend und Fertigkeiten-integrierend, zwischen isoliert und kursintegriert, verschiedene Typen demonstrieren. Um zu einigermaßen repräsentativen Ergebnissen zu gelangen, wurden hier vor allem Materialien berücksichtigt, die besonders häufig in Indizes zitiert werden. Wer sich selbst einen Überblick verschaffen will, beginnt am besten mit der Link-Sammlung zu Übungen von Lixl-Purcell , bei "German for Beginners" von Gölz, auf der Jump-Station der Universität Alberta oder bei der AATG.

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3.3.1 isolierte Übungen, Aufgabenblätter (kursunabhängig, zum Selbststudium)

Primär als Leseverständnis-Training dient die Sammlung von (sprachlich bearbeiteten) Kurzberichten aus der deutschsprachigen Presse (bis Ende 1995) "365 Tage" von Johannes Schumann auf dem Goethe-Server. Zu jedem Text gibt es Worterklärungen, einen cloze-Test und eine englische Übersetzung, durch die Vergleichsmöglichkeit mit dem Originaltext ist auch Selbststudium möglich. Die Texte können heruntergeladen werden. Da es weder eine Evaluation der Ergebnisse durch das System, noch extratextuelle Verweise (die z.B. eine inhaltliche Aktualisierung oder fundiertere Worterklärungen ermöglichen könnten) gibt, hat die Übung bestenfalls den Stellenwert von Textarbeits-Heften mit Worterklärungs-Fußnoten und Lösungsschlüssel; zudem ist der didaktische Nutzen von cloze-Tests außer zur Sprachstandsmessung eher umstritten, und selbst für diese Funktion wird heute eher dessen Weiterentwicklung C-Test empfohlen.

Wortschatztests finden sich bei "Transword - Foreign Language Tests/Exercises" für mehrere europäische Sprachen (Copyright: Schumann, Hassert). Jeder Test enthält 20 zweisprachige Ergänzungsaufgaben, zu denen die Lösung aus einer verwürfelten Liste ausgesucht werden muss und die richtige Zuordnung anschließend überprüft werden kann. Die Aufgaben können ausgedruckt, aber nicht online bearbeitet werden, eine Evaluation gibt es nicht. Der Wortschatz ist nach keinem Kriterium systematisiert. Vom selben Anbieter gibt es auch eine Sammlung von Kreuzworträtseln. Unter der angegebenen Adresse und dem vollmundigen Titel "Transword -1000 mehrsprachige Kreuzworträtsel" erfährt der Nutzer nun allerdings eine herbe Enttäuschung: Klickt er etwa in der Spalte "Examinez votre vocabulaire.." auf "allemand" präsentiert sich ein deutsch-deutsches Kreuzworträtsel, das wiederum nur ausgedruckt, aber nicht online bearbeitet werden kann. Klickt der Nutzer schließlich auf "Lösungen", erfährt er, dass er alle Lösungen zugesandt bekommt - gegen Einsendung von 10 US-Dollar an TransWord in - München. Bei einigen Rätseln ist eine Lösung spiegelbildlich abgebildet, es bleibt dem Nutzer allerdings verborgen, wann das der Fall ist und wann nicht. Das einfache "Wortsuchpuzzle-Tiere" für Anfänger ist mit den angegebenen Lösungen dagegen auch außerhalb des Unterrichts machbar.

Immerhin einigen Belustigungswert hat ein als Shareware angebotener englisch-deutscher Vokabeltrainer (German Plus aus der "Virtual CALL Library"): da das Programm offensichtlich mit einem Zufallsgenerator arbeitet, kann man zum Beispiel die Präpositionen des Deutschen (einschließlich der Neuschöpfung anstaff) dann an so poetisch-erfinderischen Übersetzungspaaren wie with the autumns - mit den Herbsten, beside the Friday - neben den Freitag, instead of the Americas - trotz der Amerika, in the Dollar - in dem Dollar, into the boys - in die Knaben, beside the deaths - neben die Tod üben, und auch die angebotenen Deklinationstabellen zeugen von nicht geringem Einfallsreichtum: das Buch, den Buch, ein Buches, dem Buch...den Bücheren. Unbekannt war uns bis dato auch die Verlagerung der Numeruskennzeichnung vom Nomen aufs Numerale: seventeen beers - siebzehne Bier! Na denn, wohl bekomms!

Zur Grammatik finden sich unter mehreren Adressen Test-Modelle: so z.B. beim "Lernforum Deutsch" ein Beispiel für die sprachliche Aufnahmeprüfung an Studienkollegs: Es handelt sich um Einsetzungs- und Transformationsübungen zu verschiedenen Funktionswörterklassen, Passiv, Satzgliedstellung und stark gelenkte Aufgaben zur Satz- und Textproduktion.Vergleichbare Prüfungsmodelle findet man vor allem bei den wenigen im Internet vertretenen Studienkollegs, die hier ihre meist auch in schriftlicher Form erhältlichen Testsammlungen unaufbereitet ins Netz stellen. Im hier beschriebenen Fall fehlt sogar ein Lösungsschlüssel bzw. Lösungsbeispiele für die offeneren Textproduktionsübungen. Der Nutzen der online-Testmodelle dürfte wohl eher informativer Natur und von regionalem Interesse sein - wie sind die Prüfungsaufgaben in der Institution xyz beschaffen -, sie sind weder für Lerner zum Selbstudium, noch, da zu punktuell, für Lehrer zur Übernahme geeignet. Eine Übersicht über standardisierte Prüfungen bietet auch das Goethe-Institut.

Völlig sinnlos erscheint schließlich ein als "Hörtext mit Einsetzübungen" klassifizierter Lückentext, der im Anschluss an den vollständigen Text abgedruckt erscheint. Eine Audio-Datei steht nicht zur Verfügung. Da es sich bei den Lücken aber größtenteils um Endungen und Funktionswörter handelt, die von guten Lernern auch ohne (Hör-)Text-Vorgabe ergänzt werden können, ist das ohnehin nicht nötig.

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3.3.2 Fertigkeiten-integrierende, interaktive Lernangebote (Selbstudium und kursbegleitend)

"Texthaus" ist ein kommerzielles, in Kooperation mit dem Goethe-Institut Mailand entwickeltes interaktives Lernsystem für drei verschiedene Niveaustufen; neben Englisch sind hier auch einmal andere Basissprachen (Französisch, Spanisch, Italienisch) berücksichtigt. Zu adaptierten kurzen Pessetexten (Stern, Focus) werden - etwas weitschweifige - grammatikalische Hinweise, eine Art Interlinearversion für fast alle Inhaltswörter und einfache Übungen (Umwandlungsübungen, Fragen zum Textverständnis, richtig-falsch-Zuordnungen) angeboten, die entweder online nachgeschlagen oder zur Korrektur via E-Mail an den Tutor abgeschickt werden könen. Die Subskriptionsgebühr für ein Jahr beträgt 60 US-Dollar, "Probelektionen" sind frei. Offline-Anwendung ist möglich. Die Texte sind nach Themen und nach grammatischen Phänomenen sortiert und erlauben damit gezieltes und individuelles Training.

Kursunabhängige interaktive Lernsysteme zur deutschen Sprache wie Texthaus sind eher selten.[30] Eine vor allem in den USA im Rahmen der landeskundlich orientierten "German Studies" weiter verbreite Form des Web-Teaching sind kursintegrierte oder -begleitende "Web-Arbeitsblätter", die von Lernern auf der Basis von Texten oder Bildern, deren URLs der Kursleiter vorgibt, selbständig bearbeitet und vom Kursleiter via E-mail-Kommunikation ausgewertet werden. Das Internet stellt hier mit der explorierenden Rezeption ("students visit a Wiener Kaffeehaus", "Besuchen sie deutsche Schulen im Web") eine qualitativ neuartige Informationsgrundlage für eher traditionelle Formen der Textarbeit wie Verständnisfragen zum Text bzw. zum Bild, multiple choice-Aufgaben, richtig-falsch-Zuordnungen etc., vgl. etwa die Arbeitsblätter von DiBella, Lixl-Purcell (120), (121), Ng, Prokop, VanHandle oder Schmitt.

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3.3.3 Projektarbeit mit Internet-Recherchen

Der explorierende Charakter des Lernens mit Internet wird in den Vordergrund gerückt, wenn Rechercheaufträge ohne Vorgabe von Adressen formuliert werden. Die Lerner holen sich auf der Webseite ihres Kurses ein Referatsthema oder Fragen ab, bearbeiten es selbständig, und bringen die Ergebnisse in Form von Kurzreferaten, Präsentationen oder Aufsätzen wieder in den Unterrichts-Diskurs ein. Damit sind bei weitgehend autonomem Lernen alle vier Fertigkeiten des Sprachenlernens integriert. Schlabach hat diese Form des Web-Teaching am Beispiel des Fachsprachenunterrichts an der schwedischen Wirtschaftsuniversität Helsinki beschrieben. Schlabach (1997), Prokop (o.J.) zeigt das Modell am Beispiel "Bayerische Landeskunde".

Die Ergebnisse studentischer Projektarbeit können wiederum übers Internet verbreitet werden. An der Tufts-University hat eine multikulturelle Studentengruppe Materialien zur Rolle Deutschlands in der EU zusammengestellt, (deutsche und englische Zeitungsartikel, Eigenbeiträge der Studenten, Reden, Verträge, graphische Darstellungen, Statistiken, Beethovens "An die Freude", kleines Wirtschaftswörterbuch). Vergleichbar ist die von Studenten derselben Universität gestaltete Seite zur Deutschen Wiedervereinigung, auf der Studenten ihre sehr persönlichen Eindrücke präsentieren, gewonnen aus Bekanntschaften und Reisen, Geschichten von Ostdeutschen, Briefen und persönlichen Erzählungen. Dazu gibt es kurze Artikel, eine kommentierte Zeittafel, Informationen und ein Bild zum "Verhüllter-Reichstag"-Projekt.

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3.3.4 komplette Online-Kurse

Solche Web-Lerneinheiten können kombiniert, um kommunikative Web-Aktivitäten erweitert und verbunden werden mit Ressourcen zur deutschen Sprache zu kompletten, sämtliche Fertigkeiten berücksichtigenden Kursen. Bei sorgfältiger Redaktion können sie durchaus ein traditionelles Lehrwerk ersetzen. Einen Eindruck vom Grad der Integration des online-Lernens in Kurscurricula vermitteln online-Kursbeschreibungen und Arbeitspläne, z.B. vanHandle: zum Kursschwerpunkt "Textproduktion zu landeskundlichen Themen" sind als Kursanforderungen genannt: mehrere kurze auf Internet-Recherchen basierende Aufsätze, regelmäßige Beiträge zu einem elektronischen Kurstagebuch, regelmäßige Korrespondenz mit einer Partner-Deutschklasse an einer Militärakademie, ein mündliches Referat und dessen schriftliche Ausarbeitung.

Das breiteste Angebot an Kurs-Paketen - und die reichhaltigsten Pakete - hat Gölz an der University of Victoria zusammengestellt (129) - (131). "German for Beginners" ist ein Paket aus Textsammlungen (aus der Gutenberg-Bibliothek) und Tondokumenten, einem Übungsmodul zu Grammatik (einfache Ergänzungsübungen) und Textproduktion, einer Märchenwerkstatt und einer Sammlung standardisierter Prüfungen, Links zum Sprachenlernen und eigenen Sammlungen zu Wortschatz, sowie einem kleinen grammatischen Kompendium. Zwar mögen einzelne Komponenten verbesserbar sein (vor allem Wortschatz- und Grammatik-Übungen), in der Komplexität und Vernetzung werden hier aber Maßstäbe gesetzt. Gölz hat eine ganze Reihe solcher Sprache- und Landeskundekurse entwickelt (z.B. New German Cinema, Women Writers, Evolution of Early German) und verweist auch auf Kurse und Guided Tours an anderen Universitäten, z.B. den schon erwähnten Wien-Spaziergang von der Kurs-Liste der Universität Swansea. Auch hier geben die "course outlines" eine Idee von den Gestaltungsmöglichkeiten webbasierten Lehrens und Lernen.[31]

Vergleicht man die hier besprochenen Materialien mit marktgängigen DaF-Lehrwerken, Übungsbüchern, Wortschatzhilfen und Grammatikkompendien, kommt man zu dem überraschenden Ergebnis, dass - derzeit - das Internet nicht die erwartete Entlastung des Unterrichts von Drill-Übungen in der "Festigungsphase" bringt - und damit im Wesentlichen die unrühmliche Tradition der offline CALL-Materialien fortsetzt. Wer gezielt im Selbststudium einzelne Fertigkeiten trainieren, Grammatik-Lücken beheben oder Hörverständnis schulen möchte, ist mit den gängigen Print-Materialien und ihren Lösungsschlüsseln meist besser bedient. Didaktisierte online-Materialien sind aber dort eine echte Bereicherung für den Unterricht, wo multimediale Darbietung von thematischer Information, darauf abgestimmte und darüber hinausgehende online-Ressourcen zur deutschen Sprache, Didaktisierungen der Materialien und Projektaufgaben integriert und durch die spezifischen Internet-Möglichkeiten angereichert werden: starke hypertextuelle Vernetzung und Einbeziehung elektronischer Kommunikation. Die hier beschriebenen Kurse sind sicher nicht unverändert unter anderen Rahmenbedingungen übernehmbar, sie können aber Lehrern als Modell dienen.

Als Desiderat bleibt der kollaborative Aufbau von Übungs- und Materialienbörsen, ähnlich dem "Edunet" oder dem "Virtual English Language Center" für Englisch als Fremdsprache. Mit der "Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet" ist dies für den Bereich der Primar- und Sekundarschulen in Deutschland schon erfolgt. Ziel dieses Projekts ist die Erschließung der Möglichkeiten des WWW für den schulischen Fachunterricht. Neben technischen Hinweisen zum Medium bietet die "ZUM" eine nach Schulfach und -typ geordnete Link- und Materialien-Liste, sowie ein Autorenmodul, mit dem jeder das Angebot um eigene Materialien erweitern kann. Zum Stichwort Deutsch findet man dort an die 100 Links, hauptsächlich Materialien und Unterrichtssequenzen zum Literaturunterricht, daneben aber auch viele Links für DaF. Auch der Deutsche Bildungsserver und Meyers Language Lab unterhalten Datenbanken zu online-Unterrichtsmaterialien und Projekten für alle Schulfächer.

Zwischen den Angeboten für Lerner und denen für Lehrer sei hier noch die "Didaktik für Lerner" platziert: Tipps und Hinweise zu Lernstrategien und zur Organisation des autonomen Lernens, die im Rahmen des lernerzentrierten Konzepts einen zeitgemäßen theoretischen Stand repräsentieren. Eine Reihe allgemeiner Lerntipps hat Wolfgang Pohl auf einem Server in Oldenburg zusammengefasst . Eine wertvolle Handreichung zur realistischen Organisation autonomen Sprachlernens, ausgehend von der Bestimmung des eigenen (Sprach-)Lerntyps unter Berücksichtigung individueller äußerer Rahmenparameter findet sich (in englischer Sprache) auf dem "Bookshelf" des Summer Institute of Linguistics, das mit seinen Wurzeln in der Mission und Bibelübersetzung in exotische Sprachen auf eine lange Tradition des autonomen Sprachenlernens zurückgreifen kann.

Kapitel 3 und 3.1SeitenanfangKapitel 3.4 und 3.5

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Fußnoten

[Anm.: Durch Anklicken der Fußnotenzahl kommt man zurück zur Textstelle.]

[28]

Im Prinzip ließe sich via E-mail das Tandem-Prinzip auch asymmetrisch anwenden: im Rahmen eines "virtuellen Praktikums", bei dem deutschsprachige DaF-Studenten einer Zielgruppe im In- oder Ausland "Fernunterricht" erteilen oder Tutorien aufbauen. Ein solches "virtuelles Praktikum" kann und soll natürlich ein echtes Praktikum nicht ersetzen, es kann dies aber vorbereiten, begleiten, und die Plattform für Praktika, die aus organisatorischen und/oder finanziellen Gründen z.B. für Nebenfachstudenten heute eher schmal sind, verbreitern.

[29]

unter kommunikationswissenschaftlicher Perspektive sind die Interaktionsformen bei E-mail-Partnerschaften beschrieben bei Volkmer (1997). Den Sprachgebrauch in deutschen Newsgroups beschreiben Feldweg et al. (1995).

[30] Für Englisch als Fremdsprache gibt es ein breiteres Angebot von Übungspaketen oder textbasierten Übungen, die online bearbeitet werden können; Kooperationsprojekte wie "Edunet", "Virtual English Language Center" oder das "CALL-Cookbook" sind Börsen kursunabhängiger online-Lernmaterialien.
[31]

Vergleichbare Formen der Lehre sind vielleicht die wenigen experimentellen "virtuellen Seminare" in Deutschland. An der Universität Bielefeld wird derzeit in einem "virtuellen Seminar: Hypertext - Theorie, Analyse, Design" im Fach Literaturwissenschaft in einem Selbstversuch ausgelotet, wie man Medium und Thema verbinden kann. Online gibt es nicht nur Seminarpläne und Beschreibungen von Seminarzielen und Projekten, Bibliographien, Beispiele für den Gegenstand Hypertext und Hyperfiction, einschlägige Verweise und Werkzeuge für die Erstellung eigener Seiten, sondern auch ein seminarinternes elektronisches Kommunikationsforum und Abdrucke der Referate von Seminarteilnehmern.

 

Überarbeitet am 30. August 1999