full5.gif (811 Byte)

Eva Breindl

full5.gif (811 Byte)
full5.gif (811 Byte)

DaF goes Internet!

Neue Entwicklungen in Deutsch als Fremdsprache

erschienen in:
Deutsche Sprache 4/1997, S. 289-342
[in Wortlaut unveränderte Hypertextfassung]

1. Das Internet: eine Antwort auf Anforderungen des Fachs Deutsch als Fremdsprache?

Alle Welt spricht vom Internet. Mindestens 50 Millionen [1] Menschen beteiligen sich weltweit an über 16 Millionen Rechnern mehr oder minder regelmäßig am "Netz", [2] das seine Größe schätzungweise alle 50 Tage verdoppelt.[3] Seit jüngstem hat das Internet nun auch in der DaF-Szene Konjunktur. Von seiner Entdeckung als Informations-, Kommunikations- und Lernmedium im Bereich Deutsch als Fremdsprache zeugt zum einen ein schwer überblickbares, anarchisches Wachstum von speziell DaF-adressierten Angeboten, die von kommerziellen und öffentlichen Institutionen, aber auch von vielen einzelnen Sprachlehrern und DaF-Dozenten selbst ins Netz gestellt werden. Zum anderen hat die Begegnung DaF und Internet sich mittlerweile auch als festes Thema in der Fachdiskussion etabliert: als Tagungsschwerpunkt, [4] Gegenstand von Lehrerfortbildungsseminaren [5] und ersten Publikationen.[6] Allein im Zeitraum der Entstehung dieses Artikels (Juni - Oktober 1997) unterlag der untersuchte Gegenstand so starken Veränderungen, dass bereits für die nähere Zukunft hier eine quantitativ wie qualitativ enorm ausbaufähige Landschaft prognostiziert werden kann.[7]

Vergleicht man frühere mediale Neuerungen im Unterrichtssektor mit dem Einstieg in Internet-Lernwelten, wird angesichts der breiten und lebhaften öffentlichen Debatte zum Internet deutlich, dass hier der technologische Fortschritt ein ganz anderes Veränderungspotential mit sich gebracht hat als etwa die Einführung des Sprachlabors. Der Bereich der Aus- und Weiterbildung wird heute als eine der großen Zukunftschancen des Internet gesehen; Multimedia und Internet gelten als Schlüsseltechnologien. Ein Blick auf die öffentliche Forschungsförderung oder in die Vorlesungsverzeichnisse philologischer und kulturwisssenschaftlicher Fakultäten in Deutschland zeigt erstaunliches Engagement und Experimentierfreude beim Ausloten des Spielraums virtueller Lernwelten. Projekt- und Veranstaltungstitel wie "Virtual College", "Virtuelle Universität - Fernuniversität Online", "Online Language Courses", "Schulen ans Netz", "Virtuelles Seminar Hypertext", "Neue Informations- und Kommunikationstechniken in Wirtschaft, Medien und Gesellschaft" stehen repräsentativ für eine Vielzahl ähnlicher Aktivitäten und Einrichtungen.

Wie fügt sich nun dieses "Web Enhanced Language Learning" - WELL, wie es in einem Vortrag auf der Groninger CALL-Tagung tituliert wurde [8] - in die gängigen methodischen Paradigmen des DaF-Unterrichts und Erklärungsansätze des Fachs? [9] Ist es nur eine technisch raffiniertere Weiterentwicklung von CALL und wird es, wie CALL über drei Jahrzehnte hinweg, eine fest zementierte Rand-Existenz in der Praxis des Sprachunterrichts wie in der Forschung des Fachs führen, weil es eben keine Antwort auf aktuelle Anforderungen gibt?

Die Voraussetzungen sprechen eher dagegen. Die spezifischen materiellen Gegebenheiten des Internet, nämlich Multimedialität, Interaktivität und Hypertextualität bieten ideale Voraussetzungen, den in der Pädagogik wurzelnden jüngeren Paradigmenwechsel des Fachs umzusetzen: weg vom "instruktionalen Paradigma" hin zu einem Ansatz, der den Lerner selbst und seine individuellen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt. Lernerzentrierung, autonomes, explorierendes, selbstentdeckendes Lernen und Binnendifferenzierung sind im Prinzip mit dem Medium Internet besser zu realisieren als mit gedruckten Lehrwerken und traditionellen Unterrichtsformen allein. Zwar spiegelt sich das neue Paradigma nun auch in der Konzeption der jüngsten im deutschsprachigen Raum publizierten Lehrwerksgeneration (Die Suche (1994), em-Hauptkurs (1997), Memo (1995), Moment Mal (1995), Sichtwechsel neu (1995), Unterwegs (im Druck)), ebenso wie in den neuen Curricula des Goethe-Instituts (Brandt et al. 1996) und in Versuchen, mit Projekten und Simulationen neue Kursformen zu erproben; die Lernwege von Lernern durch den Dschungel Internet sind aber doch um einiges vielfältiger als die möglichen Pfade durch ein statisches Lehrwerk, auch wenn dieses keine vorgegebene Progression im klassischen Sinne aufweist, sondern Materialien nach einem Baukasten- oder Magazin-System ordnet wie em-Hauptkurs (1997) und Unterwegs (im Druck), und auch für die Form der Projektarbeit bietet sich das Internet an (s. Kap.3.1.1 u. 3.3.3 ).

Im Zusammenhang mit den Konzepten Autonomie und Strategie spielt auch das "kognitive Paradigma" eine Rolle, das, im Gefolge der Kognitionswelle, den Zweitspracherwerb als kognitiven Prozess definiert.[10] Wie die meisten Paradigmenwechsel in DaF beruht es auf neuen Erkenntnissen in einer der Bezugswissenschaften. Es hat sich in der Praxis vor allem in der Präsentation und Didaktisierung von Grammatik (Bewusstmachung von Regeln statt Imitation)[11] und in der Thematisierung des Lernprozesses selbst (Stichwort: "Lernen lernen") ausgewirkt. Auch hier gilt: Sprachenlernen via Internet passt eher ins kognitive denn in ein behaviouristisches Paradigma (s. Kap. 3.1.2.2).

Ein zweiter "Mehrwert" des Internet im Fremdsprachenunterricht ist sein Faktor Interaktivität. Mit Diensten wie E-mail, Diskussionslisten, Newsgroups und Chatgroups eröffnen sich auch für die direkte authentische Kommunikation zwischen Lernern einer Sprache und Sprechern der Zielsprache Möglichkeiten, die in dieser Vielfalt, Schnelligkeit, Reichweite und derart unabhängig von Rahmenparametern der Lernumgebung mit den bisherigen Unterrichtsformen und -medien nicht erreichbar sind. Das Internet bietet hier eine Antwort auf Anforderungen des gängigen interkulturellen Paradigmas mit seinen Wurzeln in der literarischen Hermeneutik und Rezeptionsästhetik. So können etwa mit zweisprachigen E-mail-Tandems und Klassenpartnerschaften standortgebundene Sichtweisen und die Vielfalt kultureller Perspektiven deutlich gemacht werden und damit eine wirkliche interkulturelle Verständigung erzielt werden (s. Kap. 3.2).

Inwieweit das Internet auch Lösungen für die aus gesellschaftlichen Umwälzungen resultierenden handfesten Probleme des Sprachunterrichts und des Fachs bereithält, kann heute noch nicht beantwortet werden. Immerhin ist denkbar, dass sein Einsatz als virtueller Lernraum im Bereich Fernstudium oder als Publikationsorgan in einer Zeit allgemeiner Sparzwänge und des Zurückfahrens öffentlicher Fördermittel Lücken schließen kann. Großzügige öffentliche Fördermittel für einschlägige Forschungsprojekte machen auf Seiten der Geldgeber Hoffnungen sichtbar, das Internet könne aktuelle "Standortnachteile der deutschen Bildungslandschaft" ausgleichen helfen. Der verschärfte Wettbewerb unter Anbietern von Sprachkursen hat übrigens auch dazu geführt, dass Anbieter wie Kunden stärker auf das Preis-Leistungsverhältnis achten und viele Lerner als Kunden ein stärkeres Eingehen auf ihre individuellen Bedürfnisse einfordern.

Den vielstimmig beklagten Niedergang Deutschlands als Studienstandort (der Anteil ausländischer Studierender liegt derzeit bei unter 4%) und das international geringe Interesse an Deutsch als Wissenschaftssprache [12] im Vergleich zum dominanten Englisch kann sicherlich nicht das Internet aufhalten; eher noch scheint es die Vormachtstellung des Englischen zu verstärken (das Internet - ein Sprachenkiller?). Durch seine dezentrale Organisation und die leichte Verfügbarkeit verschiedener Sprachen könnte das Internet theoretisch zwar durchaus zu einer plurizentrischen und multilingualen Wissenschaftsentwicklung beitragen, wie sie von Ehlich unter Hinweis auf die Vielfalt der nationalsprachlichen Wissenschaftstraditionen gefordert wurde (Ehlich 1993), - unsere Recherchen sprechen aber derzeit eher dagegen: die elektronische Fachkommunikation zu CALL, online-Sprachenlernen und Linguistik spielt sich zu großen Teilen englisch ab, didaktisierte online-Materialien für DaF sind entweder einsprachig Deutsch oder haben das Englische als Kontrast- und Erklärungssprache. Außerhalb des deutsch- und englischsprachigen Raums fanden sich nur wenige einschlägige Seiten, und von den großen und vielbesuchten DaF-Servern wie dem Goethe-Institut gibt es so gut wie keine Verweise auf Institutionen und Angebote in nicht-anglophonen Ländern.

SeitenanfangKapitel 2

full5.gif (811 Byte)

Fußnoten

[Anm.: Durch Anklicken der Fußnotenzahl kommt man zurück zur Textstelle.]

[1] Statistische Angaben zum Internet und seinem Wachstum sind, weil weder alle Rechner noch alle Benutzer lückenlos erfasst werden können, nie exakt, sondern geben nur ungefähre Größenordnungen an. Obige Angabe beruht auf Daten des RIPE-NCC Amsterdam [1] (Stand März 1997); zur Ermittlung der Anzahl der Internet-Teilnehmer müsste man die Zahl der Rechner mit der erwarteten durchschnittlichen Zahl der Benutzer pro Rechner (3-10) multiplizieren. SDR-Radio-Akademie [2] spricht für 1996 von 40 Mio. Teilnehmern mit einer Wachstumsrate von 7% pro Monat.
[2]

Ist vom Internet als Informations- und Kommunikationskanal und seinen Inhalten die Rede, wird häufig "Internet" oder "Netz" synonym mit "World Wide Web", "WWW" oder "Web" verwendet, wiewohl technisch hier durchaus ein - für unsere Zwecke aber vernachlässigbarer - Unterschied besteht.

[3] Zahl nach Bush (1996)
[4] Meist unter dem Stichwort "Lernen mit Neuen Medien" und in den traditionellen CALL-Sektionen (computer aided language learning); in Mainz 1997 einer von zwei Tagungsschwerpunkten der FaDaF-Tagung (Fachverband Deutsch als Fremdsprache), im August 1997 in Amsterdam bei der IDV-Tagung (Internationaler Deutschlehrerverband) eine von zahlreichen Sektionen.
[5]

In größerem Rahmen im deutschsprachigen Raum erstmals im August 1997 als Thema für das laufende Lehrerfortbildungs-Seminarprogramm des Goethe-Instituts. Ein Internet-Workshop der AATG (American Association of Teachers of German) im Juli 1996 ist im Netz dokumentiert. http://www.uncg.edu/~lixlpurc/publications/AATG96.html

[6] Oft erst als "Anhang" zur Besprechung von offline-Sprachlernsoftware, so etwa bei Hahn et al. (1996). Einen knappen Überblick über Sprachenlernen mit Neuen Medien in den USA bietet Majari (1997). Der erste deutschsprachige Sammelband zum Internet als Kommunikationsmedium im Fremdsprachenunterricht liegt nun mit Donath/Volkmer vor, allerdings mit Schwerpunkt auf der Vermittlung des Englischen (Donath/Volkmer 1997).
[7] Die rasante Entwicklung bedeutet aber auch, dass der Artikel zum Erscheinungsdatum nicht mehr den aktuellen Stand repräsentieren wird.
[8]

Allodi, Alessandro/Doctor, Duco A./Kuipers, Edwin (1997): WELLS: Web Enhanced Language Learning System. Vortrag auf der CALL-Tagung Groningen, 28.-29.4.1997. Vortragsabstract. online. available: http://grid.let.rug.nl/~call97/ltabst.html
(Der Zugriff wird im August 1999 leider verweigert.)

[9]

Inwieweit sich Deutsch als Fremdsprache überhaupt als akademische Disziplin definieren lässt, kann nicht Gegenstand dieser Abhandlung sein. Standortbestimmungen wurden mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder unternommen, seit sich das Fach, das ursprünglich reines Sprachkursfach und Anhängsel der akademischen Auslandsämter war, Mitte der siebziger Jahre mit den ersten selbständigen Studiengängen in Heidelberg, Bielefeld und München etabliert hat. (vgl. z.B. Henrici 1994, Ehlich 1994 und zur Geschichte Henrici/Koreik 1994. In der bis heute unvermindert lebhaften und nicht ohne Polemik ausgetragenen Diskussion um Selbstverständnis und Aufgaben des Fachs zeigt sich aber, dass selbst ein so zentrales Anliegen wie die Anerkennung als eigenständige wissenschaftliche Disziplin keineswegs von allen Vertretern des Fachs geteilt wird (vgl. die Diskussion in "Deutsch als Fremdspache" 33/1 und 33/2). Einigkeit besteht zwar darin, dass das Fach grundlegend interdisziplinär ist, aber ob nun eine und wenn ja welche Disziplin die dominante Bezugswissenschaft abgibt, ist an den einzelnen Lehrstühlen unterschiedlich beantwortet worden. Im Spannungsfeld zwischen Sprachlehrfach und Hochschulfach, zwischen Pluralismus und Unvereinbarkeit von Einzelinteressen sind als Konstanten einer vielfältigen (und insofern auch konsolidierten) DaF-Hochschullandschaft (das zeigen die unterschiedlichen Bezeichnungen ebenso wie unterschiedliche Studienformen) in Deutschland heute gerade die Multidisziplinarität (neben der Germanistik als primärer Referenzwissenschaft macht sich DaF vor allem die Ergebnisse sozialwissenschaftlicher, pädagogischer und psychologischer Forschung zunutze), die durchgängige Theorie-Praxis-Orientierung und die zentrale Fremdperspektive auszumachen.

[10] Zu Lerner-Strategien und Lernerautonomie vgl.Wenden (1993). Zum kognitiven Paradigma in DaF vgl. vor allem die kritische Auseinandersetzung von Tönshoff (1992)
[11] Zum kognitiven Paradigma im Grammatikunterricht DaF vgl. vor allem Funk/Koenig (1991)
[12]

"Die Spitzenforschung schreibt Englisch" beklagte schon 1985 das 25. Konstanzer Literaturgespräch zu Deutsch als Wissenschaftssprache (Kalverkämper/Weinrich 1986); seitdem ist das Thema wiederholt aufgegriffen worden (z.B. Ehlich 1993) und hat mittlerweile auch ein gute empirische Fundierung (vgl. Ammon 1991 Ammon 1993 und Skudlik 1990).

 

Überarbeitet am 30. August 1999